ANALYSE: Sturm Graz und die Foda-Bilanz

via Sky Sport Austria

Dass mit Franco Fodas Übernahme des Traineramtes bei Sturm Graz in Runde 10 der laufenden Meisterschaft eine Trendwende hinsichtlich der Tabellenplatzorientierung erfolgte ist hinlänglich bekannt und zeigt auch der Tabellen-Saisonverlauf.

Dass sich unter dem Deutschen aber auch die Spielanlage nachweislich stark erfolgversprechend geändert hat, das zeigt dieser Beitrag.

 

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Im neudeutschen Fußballjargon wird gerne von „Konzepttrainern“ gegenüber „Instinkttrainern“ gesprochen. Wenn man unter einem „Konzepttrainer“ einen Trainingsanleiter versteht, der eine Spielidee hat, diese nachvollziehbar ausformulieren kann, weiß wie man sie einer Mannschaft beibringt und dieses Konzept auch im Spiel der Mannschaft beobachtbar ist, dann muss man bei Foda wohl von einem Konzepttrainer sprechen. Egal wie man diesen Trainertyp nun aber nennt, auch er wird, ebenso wie der Instinkttrainer, am Erfolg gemessen. Dass mit Foda bei Sturm der Erfolg gekommen ist, sieht man an obiger Grafik. Damit Erfolg aber auch überdauernd bestehen kann, muss sich die Spielidee, das Konzept oder eben das, was auch jeder Instinkttrainer spielen möchte, in der Spielanlage der Mannschaft widerspiegeln. Je besser diese Spielanlage auf die Personalien der Mannschaft und auf den jeweiligen Gegner abgestimmt ist, desto mehr kann ein Trainer aus dem Potential seines Teams herausholen. Die folgende Tabelle zeigt, dass die steigende Erfolgstendenz der Grazer kein Zufallsprodukt ist, sondern ein Resultat der Spielanlage Fodas. In den 10 Spielen vor Foda unter Milanic und Interimstrainer Neukirchner machten die Grazer im Schnitt 1,2 Punkte pro Spiel, unter Foda 1,81 – das ist eine „Outperformance“ von 0,61 Punkten oder über 50%. Auch andere Änderungen der Leistungsdaten der Mannschaft und Rückschlüsse auf die neue taktische Ausrichtung unter Foda lassen sich gut an ein paar Zahlen festhalten.

Die Torerfolgsrate hat sich unter Foda nur geringfügig geändert (von 1,4 auf 1,5 Tore pro Spiel), allerdings erhalten die Grazer pro Spiel um durchschnittlich fast ein halbes Tor weniger pro Partie – ein klares Zeichen der defensiven Stabilisierung. Auch wenn es sich in Torerfolgen noch nicht groß bemerkbar macht, so hat sich doch auch das Offensivspiel merkbar geändert: Knapp 15% öfter schießen die Blackies pro Spiel auf das gegnerische Tor. Dies wird vor allem durch ein kontrolliertes Spiel möglich, was der deutliche Anstieg an gespielten Pässen (durchschnittlich 426 gegenüber 391) und vor allem durch den deutlichen Rückgang an langen Pässen (um fast 17%) belegen. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Sturm-Spieler in der Foda-Ära wesentlich weniger oft gefoult werden (Rückgang um über 36%). Dies mag mit dem kontrollierteren Passspiel zusammenhängen, das seltener „Schnittbälle“ und Zweikämpfe um freie Bälle provoziert. Langfristig kann sich diese Eigenschaft in Puncto Verletzungsprophylaxe durchaus positiv auf die Mannschafts-Performance auswirken. Das Offensivspiel von Sturm ist zudem von einem extrem hohen Anstieg an Flanken gekennzeichnet (40%). Dies ist wohl auf die Abstimmung des Spiels in Ballbesitz auf die veränderten Angreifer-Personalien zurück zu führen. Während im Herbst Solospitze Djuricin meist zentral aus der Tiefe kam und sich durch Lochpässe anspielen ließ, steht jetzt mit Roman Kienast ein kopfballstarker Strafraumstürmer zur Verfügung, der mit Flankenbällen gefüttert werden möchte. Erreicht wird dies unter Foda, indem die äußeren Mittelfeldspieler meist einrücken und für die aufziehenden Außenverteidiger (aktuell sind Klem und Ehrenreich gesetzt) Platz machen. In Ballbesitz hat Sturm dadurch zwei zusätzliche Offensivposten, die über die Flügel viel Druck erzeugen. Auffallend ist des Weiteren, dass sich die gegnerischen Abseitsstellungen unter Foda weit mehr als verdoppelt haben. Entweder spielt die Grazer Abwehrreihe jetzt öfter bewusst auf Abseits oder diese Veränderung ergibt sich als Konsequenz aus dem kompakteren Defensivspiel, weil sich die Verteidiger nun auch stärker nach vorne orientieren, um die Räume eng zu halten.

 

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Wenn sich die Spielstruktur einer Mannschaft bei annähernd gleichem Kader innerhalb einer Meisterschaft derart stark verändert, wie dies bei Sturm Graz der Fall war, so zeigt das, dass die Spieler nicht bloß ein paar neue Spielzüge erfolgreich erlernt haben, sondern dass sie auch die wesentlichen Prinzipien der Spielidee ihres Trainers einverleibt haben. Die wichtigsten Prinzipien von Franco Foda sind offensichtlich: Kontrolliertes Kombinationsspiel von einer Zone in die nächste; schnelle Spielverlagerungen, wenn sich Räume ergeben; schnelles Umschalten bei Ballbesitzwechsel in beide Spielrichtungen; akzentuiertes Spiel über die Flügel. Besonders gut konnte man einige dieser Muster beim 1:0 durch Avdijaj gegen die Admira in der vergangenen Spielrunde beobachten.

Gratzei spielt von hinten weg keinen langen Ball, wie es vor der Foda-Zeit in solchen Situationen üblich war, sondern eröffnet das Spiel mit einem flachen Ball.

Auffällig: Um das Spiel aus dem ersten Drittel in die Mittelfeldzone zu tragen, binden sich die beiden Sechser sehr stark in den Spielaufbau ein. Hadzic lässt sich diagonal fallen und Piesinger kommt zentral kurz um gemeinsam mit den Innenverteidigern (Spendlhofer, Pfingstner) Anspielstationen für Gratzei zu schaffen. Durch dieses Überzahlspiel gelingt es Sturm, kontrolliert die erste Pressinglinie der Admira zu überspielen. Die Außenverteidiger Klem und Ehrenreich gehen inzwischen hoch, um statt der eingerückten Flügelspieler wie äußere Mittelfeldspieler zu agieren. Dadurch wird auch die mannschaftliche Balance zwischen Mittelfeld und Verteidigung gehalten: Hadzic sichert gemeinsam mit den Innenverteidigern ab, während Piesinger den Ball in die Mittelfeldzone passen kann.

Auch bei der Spielfortsetzung über die Mittelfeldzone zeigt sich Sturm gut organisiert. Vier Sturmspieler bieten für Piesinger Anspielstationen in Ballnähe. Gleichzeitig sorgen Avdijaj und Klem für Passoptionen auf der ballfernen Seite.

Über Stankovic wird das Spiel mit einem starken Pass schnell in das Angriffsdrittel verlagert.

Auch in der Anschlussaktion sind Automatismen erkennbar. Klem startet sofort im höchsten Tempo, um Avdijaj mit einem guten Laufweg zu unterstützen.

Die Schalke Leihgabe bekommt dadurch die Gelegenheit seine Klasse zu zeigen, dribbelt an, geht nach innen und nützt den sich durch die schnelle Spielverlagerung entstandenen Raum zum Torabschluss.