GEPA-05071355152 - INNSBRUCK,AUSTRIA,05.JUL.13 - FUSSBALL - tipp3 Bundesliga powered by T-Mobile, FC Wacker Innsbruck, 100 Jahre Wacker Innsbruck, Legendenspiel. Bild zeigt Josef Hickersberger. Foto: GEPA pictures/ Andreas Pranter

“Hicke” wird 70: Chronologie einer außergewöhnlichen Karriere

via Sky Sport Austria

Für so manchen Jubilar ist ein runder Geburtstag die Gelegenheit, eine Party im großen Stil zu schmeißen. Josef Hickersberger hat einen anderen Zugang gewählt: Schon Tage vor seinem 70. Geburtstag am Freitag verabschiedete sich der einstige ÖFB-Internationale, Teamchef und Rapid-Meistermacher nach Spanien, wo er bis Mitte Mai bleibt. “Um den Feierlichkeiten zu entgehen”, sagte “Hicke” der APA.

Dabei gäbe es einige Ereignisse, auf die Hickersberger anstoßen könnte. Der gebürtige Niederösterreicher gehörte etwa zu jener legendären ÖFB-Auswahl, die Deutschland bei der WM 1978 in Cordoba 3:2 besiegte. Dabei handelte es sich um sein 39. und letztes Länderspiel.

Meister mit Austria und Rapid

Hickersberger legte eine erfolgreiche Spielerkarriere in der deutschen Bundesliga bei Kickers Offenbach und Fortuna Düsseldorf hin, ist einer der wenigen Spieler, die mit Austria und Rapid Meister wurden und der einzige Trainer, der zweimal langfristig als österreichischer Teamchef fungierte und das Team bei zwei Endrunden (WM 1990, Heim-EM 2008) betreute. 56 Länderspiele saß Hickersberger auf der ÖFB-Bank, nur der legendäre Wunderteam-Coach Hugo Meisl (133) schaffte in der Zwischenkriegszeit mehr.

Und dennoch bleibt seine Nationalteam-Zeit mit der vielleicht größten Blamage des österreichischen Fußballs verbunden – dem 0:1 am 12. September 1990 in der EM-Qualifikation gegen die Färöer. Dieses Spiel sieht Hickersberger mittlerweile relativ gelassen, doch auch eine gewisse Fassungslosigkeit ist geblieben. “Wenn es nach Spielanteilen und klaren Torchancen geht, kann man die Partie eigentlich nicht verlieren. Aber es ist passiert. Das war bitter, doch ich kann es nicht mehr ändern.”

Hickersberger als “Färöer-Pepi” abgestempelt

Nach der Niederlage nahm der Coach den Hut und wurde als “Färöer-Pepi” abgestempelt. “Es ist mir ganz einfach schlecht gegangen, weil man selbst nicht glauben kann, dass einem so etwas passieren kann.” Immerhin habe er damals keine Morddrohungen erhalten. “Die hat es nur einmal gegeben: Falls ich Toni Polster gegen die DDR aufstelle”, erzählte Hickersberger.

Er setzte am 15. November 1989 trotzdem auf den Goalgetter, und der dankte es mit drei Toren zum 3:0-Sieg, was die Teilnahme an der WM 1990 bedeutete. Dort setzte es zum Auftakt 0:1-Niederlagen gegen Italien und die CSFR, ehe zum Abschluss noch ein 2:1 gegen die USA gelang – es sollte der bis heute letzte Sieg Österreichs bei einem großen Turnier gewesen sein.

Zum Achtelfinal-Einzug reichte es in Italien nicht. “Aber damals war die Mannschaft zu jung und unerfahren. Es war schon überaus positiv, dass wir uns überhaupt qualifiziert haben, das hat uns niemand zugetraut.”

Vom ÖFB nach Düsseldorf

Nach der WM kam Landskrona, und Hickersbergers Trainer-Laufbahn schien am Ende. Doch sein Ex-Club Fortuna Düsseldorf gab ihm 1991 eine Chance, und “Hicke” gelangen einige Prestigeerfolge wie etwa ein Auswärtssieg gegen den FC Bayern. 1993 heuerte er bei der Austria an und wurde zu Saisonende trotz Cup- und Supercup-Sieg entlassen. Es folgte ein langjähriges Engagement im arabischen Raum bei Al Ahli Manama (Bahrain/1995 – 1997), Bahrains Nationalteam (1996), Arab Contractors (EGY/1997 – 1999), Al Shaab (VAE/1999 – 2000), Al Wasl (VAE/2000 – 2001) und Al Ittihad SC (Katar/2001 – 2002).

Unmittelbar danach ging Hickersberger zu Rapid. Die Hütteldorfer hatten damals mit Endrang acht unter Lothar Matthäus gerade die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte abgeliefert und waren auch finanziell am Boden. Unter “Hicke” gelang der Aufschwung, der im Meistertitel und in der Champions-League-Teilnahme 2005 gipfelte. Noch im Herbst dieses Jahres wurde sein Wechsel zum ÖFB mit 1. Jänner 2006 bekannt – die Chance, die Nationalmannschaft bei der EURO 2008 vor eigenem Publikum zu coachen, ließ sich Hickersberger nicht nehmen.

Hickersberger vor Heim-EM vor Abschuss

Beinahe hätte er es gar nicht so weit geschafft. Nach schlechten Testspiel-Ergebnissen stand Hickersberger zweimal vor dem Abschuss, rettete sich aber 2006 mit einem Sieg über die Schweiz und 2007 mit einem Erfolg über die Elfenbeinküste. Beim Turnier selbst war nach Niederlagen gegen Kroatien und Deutschland sowie einem Remis gegen Polen nach der Gruppenphase Endstation. “Doch die Begeisterung der österreichischen Fans war unglaublich. Da kann man nur dankbar sein, wenn man so etwas erleben darf. Leider ist der bittere Beigeschmack geblieben, dass wir nicht ins Viertelfinale gekommen sind.”

Hickersberger hätte nach der EURO 2008 Teamchef bleiben können, entschloss sich aber zu einer Rückkehr in die Emirate zu Al Wahda (mit Unterbrechungen von 2008 bis 2013) und arbeitete 2010 auch wieder als Nationaltrainer von Bahrain. Im selben Jahr stieß er mit Al Wahda als Meister der Emirate bis ins Viertelfinale der Club-WM vor. “Dass ich nach der EURO nach Abu Dhabi gegangen bin, war eine großartige Entscheidung.”

Endgültiges Ende der Trainer-Karriere

Nach seinem endgültigen Abschied von Al Wahda 2013 arbeitete Hickersberger nicht mehr als Trainer. Dafür ist er seit vergangenem Februar Beirat bei Rapid, wo sein Sohn Thomas als Co-Trainer engagiert ist. Über seine eigenen Kompetenzen bei den Hütteldorfern ist sich Hickersberger senior nicht ganz im Klaren. “Da blicke ich selbst noch nicht durch. Ich konnte bei der ersten Beiratssitzung nicht dabei sein, seither harre ich der Dinge, die auf mich zukommen.”

Der Kontakt mit Rapid-Präsident Michael Krammer war bisher noch nicht allzu intensiv. “Wenn er mich um meine Meinung fragen sollte, werde ich sie ihm mitteilen. Aber ich bin nicht dazu da, um Ratschläge zu erteilen und besserwissend irgendetwas zu sagen. Das ist nicht meine Art”, betonte Hickersberger.

Bickel und “Hicke” als Nachbarn

Das gilt auch für die Kooperation mit Rapids Sport-Geschäftsführer Fredy Bickel, der in Wien im selben Haus wie “Hicke” wohnt. “Wir treffen uns äußerst selten, im Stiegenhaus oder auf Parkplatzsuche. Das liegt auch daran, dass zu der Zeit, wenn er arbeiten fährt, ein Pensionist oft noch schläft. Ich habe überhaupt nur mitbekommen, dass er im selben Haus wohnt, weil ein Auto mit Rapid-Logo oft davor gestanden ist und es sich um keinen Spieler handelt”, erzählte Hickersberger.

Bei öffentlichen Aussagen über Rapid hält sich der frühere Meistercoach zurück. Hickersberger meinte lediglich, dass Rapid “eigentlich jede Saison um den Titel mitspielen müsste”, allerdings “in den vergangenen Jahren offenbar einige falsche Personalentscheidungen getroffen wurden”.

“Hat den Anschein, als ob Ultras zu viel Macht hätten”

In punkto Fan-Problematik gebe es kein Patentrezept, betonte der Jubilar, merkte jedoch an: “Ich kann es nicht aus eigener Erfahrung beurteilen, aber es hat den Anschein, als ob die Ultras zu viel Macht hätten.”. Der bald 70-Jährige war der bis heute letzte Trainer der Grün-Weißen, der von der organisierten Rapid-Fanszene regelmäßig mit Sprechchören gefeiert wurde.

Diese Zeiten sind für Hickersberger allerdings längt abgehakt. “Ich genieße das Leben und blicke nicht mehr zurück, weder im Zorn noch sonst irgendwie. Ich freue mich auf die verbleibenden und hoffentlich noch vielen Jahre.”

Beitragsbild: GEPA

(APA)