Gall will beim Giro erstmals auf Grand-Tour-Podium
Am Freitag beginnt der Giro d’Italia als erster Höhepunkt der Straßen-Radsaison. Bis zum 31. Mai rittern die Profis bei der ersten Grand Tour des Jahres vom Start im bulgarischen Nessebar am Schwarzen Meer über 3.459 km und ca. 50.000 Höhenmeter bis zum Finale nach Rom um den Sieg. Zum zweiten Mal nach 2022 dabei ist Österreichs Rad-Aushängeschild Felix Gall, der bei Decathlon erstmals auf die Helferdienste von Gregor Mühlberger zählen darf. Gall will erstmals auf das Podium.
Der 28-jährige Osttiroler berichtete am Mittwoch bei einem Video-Medientermin aus Bulgarien von einer sehr guten Vorbereitung. Auf dem Ätna habe er sein in diesem Jahr schon drittes Höhentrainingslager absolviert. „Ich bin erst zwei Rennen dieses Jahr gefahren, aber dafür habe ich sehr hart trainiert, intensiver als in den letzten Jahren. Ich habe die Angst verloren, hart zu trainieren, das hat mir sehr gutgetan, noch einmal zuzulegen“, sagte Gall, der sich fit wie nie zuvor fühlt.
Sein Ziel ist nach einem fünften Gesamtrang bei der Tour de France und einem achten bei der Vuelta im Vorjahr klar definiert. „Der nächste Schritt in meiner Karriere ist das Podium bei einer Grand Tour. Ich glaube, es ist jetzt eine gute Gelegenheit beim Giro und dann später in der Saison bei der Vuelta. Es ist sicher ein hoch gestecktes Ziel, aber seit das Programm für heuer feststeht, habe ich das vor Augen gehabt und es hat mich motiviert.“ Natürlich müsse viel zusammenpassen, „aber ich glaube, wenn alles passt, ist es möglich.“
Teamkollege Mühlberger wurde auch zum Freund
Seit einem halben Jahr ist Edelhelfer und Landsmann Gregor Mühlberger mit Gall im Team. „Ich habe in den letzten Monaten viel Zeit mit Gregor verbracht. Wir waren immer Zimmerkollegen, ich bin ja jetzt auch in Salzburg daheim und wir trainieren regelmäßig. Man hat dann einen anderen Zugang zu seinem Teamkollegen. Ich verstehe mich mit dem Gregor, er ist mittlerweile auch ein sehr guter Freund“, berichtete der Osttiroler. Für den 32-jährigen Niederösterreicher ist es seine zwölfte Tour, dieser sei extrem motiviert. „Das gibt einem Sicherheit.“ Gall erwartet gerade in den Bergen gute Unterstützung von Mühlberger.
Gall bestreitet seine siebente Grand Tour und seinen zweiten Giro. 2022 war damals allerdings seine erste dreiwöchige Rundfahrt, die Vorzeichen sind nun freilich völlig andere. Dass er nach drei erfolgreichen Teilnahmen an der Tour de France in Frankreich fehlen wird, tut ihm überhaupt nicht weh. „Nein. Ich freue mich jetzt, mal was anderes zu machen. Die Tour ist die Tour und ich will da unbedingt auch wieder zurückkehren, aber ich bin sehr glücklich, heuer mal was anderes zu machen.“
Auch Gall von Seixas beeindruckt
Den Aufstieg seines Teamkollegen und Tour-Kapitäns Paul Seixas, der zuletzt auch von Tadej Pogacar sehr gelobt wurde, verfolgt Gall aus nächster Nähe. „Es ist extrem beeindruckend, was er mit nur 19 Jahren zeigt, auch die Geschwindigkeit, mit der er sich von Rennen zu Rennen verbessert. Decathlon hat den Anspruch, ein Topteam zu werden oder wir sind es mittlerweile auch. Es ist schon sehr cool, jemand wie ihn im Team zu haben.“ Dass dies ein Fragezeichen hinter seine eigene Zukunft im französischen Team aufwerfen könnte, will er auf APA-Nachfrage nicht bestätigen. Ob er sich auch 2027 bei Decathlon vorstellen kann? „Sowieso ja.“
Vingegaard strebt Double Giro-Tour an
Giro-Topfavorit ist freilich Jonas Vingegaard. Der dänische Topstar feiert sein Giro-Debüt und hat Großes vor: Als bisher zweifacher Tour-de-France-Sieger (2022,2023) und Vorjahres-Vuelta-Champion möchte er auch den Giro erstmals gewinnen. Zudem peilt er das Double Giro-Tour an, ein Kunststück, das vor zwei Jahren seinem großen Widersacher Tadej Pogacar gelungen ist. Der Slowene verzichtet auf einen Start. „Ich habe die Tour de France und die Vuelta gewonnen. Das Letzte, was mir fehlt, ist der Giro. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Kombination machbar ist“, sagte der Däne über das Double. Bei der Tour muss er sich aber mit Pogacar auseinandersetzen, dem er schon dreimal als Zweiter unterlegen war.
Gall, der die Gesamtwertung vor einen möglichen Etappensieg stellt, erwartet einen Mehrkampf hinter dem großen Favoriten um die Podestplätze und erwähnt u.a. Giulio Pellizzari (ITA), die Australier Jai Hindley und Ben O’Connor oder 2021-Giro-Winner Egan Bernal (COL).
Strecke mit fünf Hochgebirgsetappen
Bis zum vorletzten Tag darf man in Sachen Gesamtwertung Spannung erwarten. Acht Flachetappen, sieben Mittelgebirgsetappen, fünf Hochgebirgsetappen sowie ein 40-km-Zeitfahren gilt es zu bewältigen. Ungewöhnlich ist der Start in Bulgarien am Schwarzen Meer, nach drei Etappen bis nach Sofia gibt es selten früh schon den ersten Ruhetag, ehe im kalabrischen Catanzaro der Giro auf italienischen Boden wechselt. Die erste echte Bergankunft gibt es in den Abruzzen in Blockhaus nach 246 km und einem 13,5-km-Anstieg, wobei die letzten zehn Kilometer konstant über zehn Prozent Steigung aufweisen. Hindley hatte zuletzt 2022 dort triumphiert.
Abstecher in die Schweiz (16. Etappe im Tessin) sowie die 17. Etappe in Südtirol folgen, ehe die Königsetappe 19 durch die Dolomiten mit 5.000 Höhenmetern unter anderem zum höchsten Punkt der diesjährigen Auflage auf den Passo Giau (2.236 m) führt. Tags darauf müssen die Fahrer im letzten Bergteilstück innerhalb der letzten 70 km gleich zweimal hinauf ins Skigebiet Piancavallo, ehe die Schlussetappe mit Start und Ziel in Rom die Qualen beendet. Als dritter Österreicher am Start ist der 26-jährige Oberösterreicher Tobias Bayer (Alpecin).
(APA) / Artikelbild: Imago
