Make your Move #34: Alles leiwand

von Gerfried Pröll

Stefan Weissenböck macht sehr gute Basketballer noch ein Stück besser. Der Niederösterreicher ist einer der begehrtesten Individual-Trainer der Welt. Derzeit arbeitet er in Bamberg, Prag und New York. Seit mehr als 15 Jahren lebt er – inzwischen mit Familie – in Deutschland. Und trotzdem ist Weissenböck ein waschechter Weinviertler geblieben. „Dere! Gfreit mi. Wie geht’s? Bei mir is ois leiwand!“ Typisch Stefan. Als ob er Mistelbach nie verlassen hätte. Im gesamten Gespräch kein einziger bundesdeutscher Ausdruck. Weissenböck ist Österreicher mit Herz und Seele. „Ich würde wahnsinnig gern zuhause leben und arbeiten. Aber Basketball hat bei uns keinen Stellenwert. Österreich ist kein Sportland. Nur ein Land der Skifahrer.“ Bumm! Das sitzt. Wer Weissenböck früher als Sky-Experte erlebt hat, kennt seine prägnanten Aussagen.

Der frühere Teamspieler wird wohl bis zur Pension im Ausland bleiben müssen. Sein Vertrag als „Head of Player Development“ beim deutschen Spitzenklub Brose Bamberg läuft vorerst bis 2023. Durch seine Arbeit haben zahlreiche BBL-Profis den Sprung in die Euroleague und sogar in die NBA geschafft. „Ich versuche, aus dem Potenzial der Spieler noch zehn Prozent mehr heraus zu kitzeln. Das reicht meistens schon“, betont Weissenböck, der in Fachkreisen längst den Ruf eines Gurus genießt. Seit 2018 arbeitet er zusätzlich als Individual Coach bei den Brooklyn Nets. Und das so erfolgreich, dass er Angebote von zwei weiteren NBA-Klubs vorliegen hat. Das macht ihn natürlich stolz. „Aber noch wichtiger ist mir, dass sich die Spieler durch unsere Zusammenarbeit auch menschlich weiterentwickeln, eine Persönlichkeit werden.“ Im besten Fall entsteht daraus sogar eine Freundschaft. Wie zu Anton Gavel, der früheren Bamberger Galionsfigur.

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Damit nicht genug, ist Weissenböck auch noch beim tschechischen Verband als Trainer des U20-Nationalteams tätig. „Für mich ist das eine große Ehre. Denn dort arbeiten sonst fast nur ehemalige tschechische Nationalspieler. Das ist aus meiner Sicht auch richtig so! Da könnte man sich in Österreich was abschauen.“ Eine sprachliche Barriere gibt es für Stefan in Prag nicht. Er ist zweisprachig aufgewachsen. „Meine Muttersprache ist Tschechisch, meine Vatersprache Niederösterreichisch. Und Englisch klappt auch schon ganz gut“, schmunzelt Weissenböck, der sich mit seiner Frau (einer Sankt Pöltnerin) und seinen beiden Töchtern in Bamberg durchaus wohl fühlt. An die Mentalität will er sich aber nicht so recht gewöhnen. „Das Einzige, was wir von der deutschen Lebensweise übernommen haben, ist Tatort schauen am Sonntag Abend.“

In den kommenden Tagen kommt Weissenböck seiner Heimat ein Stück näher. Beim BBL-Finalturnier in München gehören die Bamberger nicht zu den Favoriten. Zum Zeitpunkt des Abbruchs der Liga waren sie Siebente. Nach den glorreichen Erfolgen der vergangenen beiden Jahrzehnte (neun Meistertitel, sechs Cupsiege) müssen sich die Franken in ihrer neuen Rolle erst zurechtfinden. „Wir sind in München klarer Außenseiter. Und die Auslosung spricht auch gegen uns. Aber ein Turnier hat eine ganz andere Dynamik als eine Meisterschaft. Darin liegt unsere Chance“, analysiert Stefan Weissenböck. Nach dem Finalturnier packt er die Familie ins Auto, fährt nach Mistelbach und freut sich auf einen guten Grünen Veltliner. Zum Abschluss unseres Gesprächs starte ich einen letzten Versuch, ihm wenigstens das auch hierzulande längst gebräuchliche „Tschüss“ zu entlocken. Keine Chance. „Pfiati!“ Eh kloar.

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