Nachgetreten – Runde 15: SK Sturm

via Sky Sport Austria

Aus taktischer Sicht war in Runde 15 der Tipico Bundesliga der Versuch von Franco Foda, ein neues Spielsystem einzusetzen, einer der interessantesten Aspekte. Die Grazer beginnen überraschenderweise mit einer Dreier-Abwehrkette, die durch die Innenverteidiger Madl, Spendlhofer und dem sonst auf der Sechser-Position spielenden Hadzic gebildet wird. Der normalerweise als Außenverteidiger eingesetzte Klem und Schick agieren fast wie Flügelstürmer, allerdings auch mit Defensivaufgaben. Piesinger und Offenbacher spielen die Sechser, Gruber und Horvath in den offensiven Halbräumen und Kienast als Spitze. Dadurch ergibt sich ein unter Foda neuartiges 3:4:2:1-System, das offensiv durchaus Vorzüge hat, in der Defensive Sturm aber fast zum Verhängnis wird. Nach 13 Minuten erhalten die Grazer nämlich bereits den zweiten Gegentreffer und Foda stellt auf seine konventionelle Vierer-Abwehrkette um, da bei beiden Gegentoren das neue System Schwächen zeigt. Beim zwischenzeitlichen Ausgleich zum 1:1 sind allerdings auch die Vorteile des Systems zu erkennen. Daher hier die ersten 3 Tore in der Kurzanalyse:

 

In der Abbildung sieht man die neuformierte Dreierkette. Ried attackierte in den letzten Spielen meist mit 2 Mann, daher will Foda mit der Dreierkette eine Überzahl für den Spielaufbau bewirken und gleichzeitig viele Spieler vorne haben. Ried überrascht aber und attackiert sogar mit 3 Spielern (Sikorski, Walch und Bergmann) an vorderster Front. Tormann Esser könnte in dieser Situation mit einem langen Ball diese 3 Rieder plus den ebenfalls relativ hoch stehenden Elsneg (rechter Bildrand) überspielen. Er hält aber an Fodas Kredo des Kurzpass-Aufbaus fest und spielt in der Folge den Pass zu Linksverteidiger Spendlhofer. Dieser verliert durch einen individuellen Fehler, aber auch dem Ried-Druck geschuldet, den Ball und die Innviertler erzielen durch Sikorski den ersten Treffer (Minute 2).

 

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Videoszene 1 zeigt den sofortigen Ausgleichstreffer der Grazer (Minute 4). Esser bringt dieses Mal den Ball mit einem Abschlag ins Spiel. Hier erkennt man gut das 3:4:3-System (bzw. 3:4:2:1). Sturm gewinnt den zweiten Ball und Fodas Team wird in der Folge ein Freistoß zugesprochen. Bei der Freistoß-Ausführung durch Piesinger sind die Vorzüge des Systems ersichtlich: Sturm steht mit 5 Spielern (Kienast als Spitze, Klem und Schick an den Flügeln, Gruber und Horvath in den Halbräumen) im Angriffsdrittel jeweils 1:1-Situationen gegenüber. Dadurch reicht dem in Hochform spielenden Kienast EIN gewonnener Zweikampf, um zum Abschluss zu kommen. Auch die anderen Offensivspieler könnten eingreifen, da sie sich teilweise schon von den Gegenspielern gelöst haben und durch Läufe in den Strafraum für Unordnung sorgen.

 

In Videoszene 2 ist das 1:2 in Minute 13 zu sehen. Ein einfacher Pass in die Tiefe von Trauner zu Elsneg reicht, um Sturm in Bedrängnis zu bekommen, da zwischen der Abwehrkette und dem Mittelfeld ein viel zu großer Raum klafft. Hadzic und Spendlhofer sind zwar durch Gegenspieler etwas gebunden (bei einer Viererkette wäre das Stellungsspiel der Abwehr einfacher zu lösen), müssten sich in dieser Situation aber hinter Madl fallen lassen und ihn absichern. Danach kommt noch ein äußerst schwaches 1 gegen 1 Verhalten von Madl dazu und auch Piesinger müsste Elsneg viel stärker bedrängen. Nach diesem Führungstreffer für Ried beendet Foda das Dreierketten-Experiment, stellt auf das übliche 4:2:3:1 um und seine Mannschaft dreht noch das Spiel.

 

Fazit: Beiden Gegentoren Sturms gehen schweres individuelles Fehlverhalten und teils kollektive Fehler voraus. Es wäre daher wohl egal, ob Foda mit Dreier- oder Vierer-Abwehrkette spielt. Letztendlich sind es aber sicherlich auch die fehlenden gewohnten Abläufe, die aufgrund der Umstellung zu diesen Unsicherheiten führen.

International ist unbestritten ein Trend zu hoher taktischer Flexibilität zu erkennen, der sich in der Anwendung verschiedener Spielsysteme und der Spieler-Fähigkeit auf verschiedenen Positionen agieren zu können, ausdrückt. Es bleibt daher zu hoffen, dass solche variablen taktischen Varianten, wie wir sie von Sturm gegen Ried beobachten konnten, auch im österreichischen Fußball künftig öfter eingesetzt werden – auch wenn diese nicht immer gleich zum Erfolg führen!

 

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