AC Milan – Der lange Weg zurück an die Spitze Italiens

Der AC Milan holte am vergangenen Sonntag den 19. Scudetto – elf Jahre nach der letzten italienischen Meisterschaft. Die „Rossoneri“ erlebten eine Dekade mit vielen Tiefen, nun ist der Traditionsverein endgültig zurück und will an alte Erfolge anknüpfen.

Junge Fußball-Fans verbinden mit der Associazione Calcio Milan einen kriselnden Klub, der hauptsächlich vom Ruhm alter Tage lebt. Zehnjährige Kinder kennen die großen Feste am Mailänder Dom nicht, die nach magischen Nächten im Europacup gefeiert wurden. Vor der Saison 2021/22 war Milan acht Jahre lang nicht in der Champions League vertreten – das war in den Jahrzehnten davor ein undenkbares Szenario.

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Anfänge und Sprung an die europäische Spitze

AC Milan wurde im Jahr 1899 von einigen englischen und italienischen Geschäftsleuten um Herbert Kilpin gegründet. Der Klub konnte bereits ein Jahr nach der Gründung die ersten nationalen Erfolge feiern und gehörte sofort zu den besten Fußballvereinen Italiens.

1908 verließ eine Gruppe von Mitgliedern nach Unstimmigkeiten den Verein, um den späteren Erzrivalen Inter Mailand zu erschaffen. Bis zum zweiten Weltkrieg konnte Milan nicht mehr an die Erfolge der Anfangsjahre anknüpfen und gewann vorerst keine Titel mehr.

In den 1950er-Jahren gelang es dem „Diavolo“, nach mageren Jahren wieder eine schlagkräftige Truppe aufzustellen. Mit Cesare Maldini, den Schweden Nils Liedholm, Gunnar Gren und Gunnar Nordahl sowie den Südamerikanern Juan Schiaffino und José Altafini wurde die italienische Meisterschaft mehrmals souverän gewonnen. Im Landesmeister-Finale verlor man 1958 knapp gegen Real Madrid.

Gunnar Gren, Gunnar Nordahl und Nils Liedholm. Liedholm ist bis heute Rekordtorschütze von Milan mit 221 Toren. Bild: Imago

Der Beginn der Maldini-Dynastie

Unter Trainer-Ikone Nereo Rocco schafften die „Rossoneri“ dann endgültig den Sprung an die europäische Spitze. 1962/63 und 1968/69 holte Milan den Europapokal der Landesmeister, 1967/68 den Europokal der Pokalsieger. Kapitän war damals Cesare Maldini, der die Maldini-Dynastie bei Milan einleitete. Ein junger Gianni Rivera gewann im selben Jahr den Ballon d’Or und eroberte die Herzen vieler Milan-Fans.

In den 1970er-Jahren konnte Milan nicht ganz an die Titelgewinne der 60er-Jahre anknüpfen. Der Klub gewann dreimal den italienischen Pokal und wiederholte den Triumph im Europapokal der Pokalsieger im Jahr 1972/73. 1978/79 wurde der zehnte Scudetto gewonnen und damit der erste Stern auf dem Trikot errungen. Das war gleichzeitig die letzte Saison von Superstar Gianni Rivera.

Paolo Maldini und Cesare Maldini (verstorben 2016). Bild von 1998. Quelle: Imago

Abstieg und der Einstieg von Silvio Berlusconi

Die 1980er-Jahre begannen für Milan fatal, denn nach einem Wettskandal musste man in die Serie B absteigen. Auch wenn der sofortige Wiederaufstieg gelang, erholte sich der Verein nur langsam von diesem Debakel. Der Klub geriet in finanzielle Schwierigkeiten, der Einstieg von Silvio Berlusconi 1986 sorgte für die Wende.

Der Medienmogul aus Mailand installierte Adriano Galliani als Geschäftsführer, dieser wiederum verpflichtete Arrigo Sacchi als Trainer. Schon bald konnte eine funktionierende Mannschaft zusammengestellt werden, die den europäischen Fußball dominieren sollte.

Sacchis „Immortali“ (Die Unsterblichen) gewannen 1988/89 und 1989/90 den Europapokal der Landesmeister, zwei europäische Supercups, zwei Weltpokale und einmal die Meisterschaft. Der Kader war gespickt von Weltklasse-Spielern: Kapitän Franco Baresi und ein junger Paolo Maldini formten die beste Defensive Europas, das niederländische Dreieck bestehend aus Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten sorgte in der Offensive für Furore. Carlo Ancelotti, Roberto Donadoni und Daniele Massaro waren weitere essentielle Bausteine der Mannschaft.

Frank Rijkaard, Marco van Basten und Ruud Gullit. Bild: Imago

Die „Invincibili“ unter Capello

Nach dem Weggang von Arrigo Sacchi ließen die Erfolge von Milan nicht nach. Sein Nachfolger wurde Fabio Capello. Die Klubführung verstärkte das Team weiter und holte u.a. Zvonimir Boban, Jean-Pierre Papin und Dejan Savicevic nach Mailand – Letzterer sollte später auch noch für Rapid Wien auflaufen.

Unter Capello bekamen die “Rossoneri“ dann den Beinamen „Invincibili“ (Die Unbesiegbaren). In der Spielzeit 1991/92 gelang es Milan, in 58 Spielen ungeschlagen zu bleiben. Milan gewann in der Ära Capello vier italienische Meisterschaften, einmal den Europapokal der Landesmeister (4:0 im Finale gegen Barcelona) sowie einmal den europäischen und dreimal den italienischen Supercup.

Marco van Basten gewann sowohl unter Sacchi als auch unter Capello insgesamt dreimal den Ballon d’Or (1988, 1989, 1992) und war der Star-Spieler von Milan. Die Karriere des Niederländers endete 1995 als Sportinvalide.

Milan erreichte zwischen 1989 und 1995 fünfmal das Finale des Landesmeisterpokals bzw. der neu-geschaffenen Champions League und gewann dreimal. Das ist bis heute eine der dominantesten Perioden im internationalen Fußball.

Nach der Saison 1995/96 verließ Erfolgscoach Capello den Verein und der „Diavolo“ geriet in eine kurze Krise. Einige Trainerwechsel und viele Transfers (u.a. von George Weah und Roberto Baggio) brachten nicht den gewünschten Erfolg. Ein Umbruch wurde in die Wege geleitet.

Paolo Maldini, Dejan Savicevic, Trainer Fabio Capello und Daniele Massaro mit dem Champions-League-Pokal 1994. Bild: Imago

Die Ära Ancelotti

2001 übernahm Carlo Ancelotti das Traineramt beim AC Milan. Unter dem heutigen Coach von Real Madrid stellte Milan eine junge und hungrige Truppe zusammen, die international für viel Furore sorgen sollte.

Kapitän Paolo Maldini war die tragende Säule in der Abwehr, zusammen mit Alessandro Nesta bildete er Anfang der 2000er-Jahre eine der besten Defensivreihen der Welt. Im Mittelfeld dominierte das Trio bestehend aus Andrea Pirlo, Gennaro Gattuso und Clarence Seedorf meistens Ball und Gegner. Schlitzohr Filippo Inzaghi und Andriy Shevchenko bildeten den Sturm des Star-Ensembles.

Ein junger Kaka sollte Spielmacher Rui Costa auf die Bank und die brasilianische Legende Rivaldo auf die Tribüne befördern. 2002/03 wurde in einem brisanten Champions-League-Finale Ligakonkurrent Juventus Turin im Elfmeterschießen bezwungen.

Berühmt wurde Milan auch für das verlorene CL-Endspiel 2005. Die „Rossoneri“ lagen gegen den FC Liverpool zur Halbzeit souverän mit 3:0 vorne, den Engländern gelang in der zweiten Hälfte innerhalb von sechs Minuten der Ausgleich. Im Elfmeterschießen versagten bei Shevchenko und Co. dann endgültig die Nerven und die „Reds“ gingen als Sieger vom Platz.

Der bis heute letzte große Auftritt auf internationaler Bühne gelang Milan in der Saison 2006/07. Die „Rossoneri“ revanchierten sich für die Final-Pleite von 2005 beim FC Liverpool. Ein Doppelpack von Filippo Inzaghi sicherte Milan den siebenten Triumph in der Champions League und Kaka den Ballon d’Or.

Unter Carlo Ancelotti gewann Milan insgesamt zweimal die „Königsklasse“, je einmal die Meisterschaft und den Pokal und 2007 außerdem die FIFA Klub-WM und den europäischen Supercup.

Der letzte Meistertitel vor dem Absturz

Nachdem Ancelotti den Verein verließ, wurde Vereinsikone Leonardo als Nachfolger präsentiert. Sein Intermezzo dauerte nur eine Saison, ehe Massimiliano Allegri neuer Milan-Coach wurde. Unter dem aufstrebenden Italiener gelang Milan der letzte große Titelgewinn.

Mit einer veralteten Mannschaft gelang dem Verein der Gewinn der Meisterschaft im Jahr 2011. In der Champions League war bereits im Achtelfinale Schluss. Die Leistungsträger waren zu diesem Zeitpunkt bereits über 30. In der Spielzeit 2011/12 wurde die Meisterschaft knapp verpasst und das Champions-League-Viertelfinale erreicht. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Legenden wie Nesta, Gattuso, Seedorf und Co. den Verein verlassen werden.

Der 18. Scudetto im Jahr 2011. Bild: Imago

Der Sommer 2012 war generell ein Super-GAU für den AC Milan. Neben den scheidenden Altstars verkaufte Milan auch die etwas jüngeren Säulen der Mannschaft. Die Abgänge von Torjäger Zlatan Ibrahimovic und Abwehrspieler Thiago Silva wurden nicht wirklich kompensiert. Der designierte Nachfolger im Angriff, Alexandre Pato, wurde immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen und konnte den hohen Erwartungen nicht gerecht werden.

Jahre der Bedeutungslosigkeit

Die nächsten Jahre der „Rossoneri“ waren zum Vergessen. In der Saison 2013/14 qualifizierte sich der Verein für die nächsten acht Jahre zum letzten Mal für die Champions League. Große Transfers blieben aus, die Eigentümerschaft von Silvio Berlusconi geriet stark in die Kritik.

Die Verpflichtungen von Altstars zum Nulltarif und die unendlichen Trainerwechsel sorgten für Unmut bei den Fans. 2016 gewann Milan den italienischen Supercup, es sollte der letzte Titel der Ära Berlusconi sein.

Im Sommer 2017 wurde bekannt, dass der Klub mit dem Chinesen Li Yonghong einen neuen Eigentümer gefunden hat. Eine Transfer-Offensive mit zehn neuen Spielern und mehr als 200 Millionen Euro Ausgaben sollten Milan sportlich wieder relevant machen.

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Nur ein Jahr später war die chinesische Investoren-Gruppe um Li Yonghong schon wieder Geschichte. Der Verein beendete die Saison 2017/18 auf einem enttäuschenden sechsten Platz und geriet wegen zu hohen Ausgaben ins Visier der UEFA. Letztlich wurde Milan für eine Saison vom internationalen Wettbewerb ausgeschlossen und an den US-amerikanischen Investmentfond Elliott weiterverkauft.

Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren machte sich eine Struktur in der Transferpolitik und den Personalentscheidungen bemerkbar. Paolo Scaroni wurde neuer Präsident, Paolo Maldini und Frederic Massara kurze Zeit später zu den technischen und sportlichen Direktoren ernannt.

Ibrahimovic-Rückkehr und der 19. Scudetto

Als Stefano Pioli im Oktober 2019 zum neuen Milan-Trainer ernannt wurde, schüttelten viele Fans den Kopf. Die zahlreichen Misserfolge und Fehlentscheidungen der 2010er-Jahre blieben den Anhängern des „Diavolo“ hängen. Doch Pioli gelang zur Überraschung der großen Milan-Community die Wende.

Im Jänner 2020 stieß mit Zlatan Ibrahimovic ein alter Bekannter zum Klub. Viele Experten waren der Meinung, die Verpflichtung des damals 38-Jährigen sei ein Marketing-Gag. Nach fast zwei Jahren in der MLS waren die Zweifel an Ibrahimovic wohl gerechtfertigt. Doch Pioli setzte auf den Routinier.

Die Saison 2019/20 war zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie entschieden. Juventus stürmte zum neunten Meistertitel in Folge, dahinter baute Lokalrivale Inter nach mauen Jahren ebenfalls eine neue Mannschaft auf und wurde Vizemeister. Pioli führte Milan nach einem katastrophalen Saisonstart mit einem guten Finish noch auf Endrang sechs.

GALERIE: Milan feiert den 19. Scudetto

In der kommenden Spielzeit führte Milan die Tabelle lange überraschend an. Maldini und Massara hatten eine junge und hungrige Mannschaft zusammengestellt, die unter Trainer Pioli viel Vertrauen geschenkt bekam. Spieler wie Theo Hernandez, Rafael Leao, Ismael Bennacer und Franck Kessie zeigten immer wieder, dass sie großes Potential besitzen. Letztlich gewann Inter die Meisterschaft verdient und die „Rossoneri“ wurden Vizemeister.

In der Saison 2021/22 nahm Milan nach acht Jahren wieder an der Champions League teil. Ohne große Transfers, aber weiterhin mit Trainer Stefano Pioli und Leader Zlatan Ibrahimovic, begann Milan im September 2021 den Weg in Richtung 19. Scudetto.

In der Champions League musste der Klub früh die Segel streichen. Mit nur einem Sieg beendete Milan die Saison in der Gruppenphase – ein Realitätscheck für das junge Team. In der Meisterschaft lagen der 40-jährige Ibrahimovic und Co. lange hinter Erzrivale Inter. Mit einer fabelhaften Rückrunde und Leistungsexplosionen von Publikumsliebling Sandro Tonali und Rafael Leao sicherte sich Milan am 38. und letzten Spieltag den Scudetto.

Die Meistermannschaft betrug ein Durchschnittsalter von etwa 26,8 Jahren. Für italienische Verhältnisse ist das ein sehr junger Kader. Mit Zlatan Ibrahimovic, Simon Kjaer und Olivier Giroud hatte Milan drei erfahrene Spieler in ihren Reihen, die zusammen mit den jungen Spielern den richtigen Mix ergaben. Interessanterweise fällt der Name Maldini zum dritten Mal in einer Meistermannschaft Milans: Daniel Maldini (20), Sohn von Paolo und Enkel von Cesare, kam zu acht Serie-A-Einsätzen und traf einmal.

Wie geht es weiter?

Der „schlafende Riese“ ist also zurück. Der Investmentfond Elliott um den US-Milliardär Paul Singer hat ein spannendes Projekt mit vielen jungen Hoffnungsträgern aufgebaut. Eine Klublegende wie Paolo Maldini wurde in die Führungsetage eingebaut und mit Stefano Pioli der richtige Trainer gefunden.

Dennoch gibt es ein paar Fragezeichen, die der AC Milan so schnell wie möglich klarstellen muss. Die Elliott-Gruppe liebäugelt wohl mit einem Verkauf des Klubs, da die (finanzielle und sportliche) Sanierung gelungen ist. Singer und Co. wollen den Verein für ein Vielfaches des Einkaufspreises verkaufen. Nach dem Gewinn des 19. Scudetto ist der Firmenwert so hoch wie lange nicht.

Mit der Red Bird Kapitalgruppe steht bereits ein Käufer bereit. Der US-Fonds ist wohl bereit, mehr als eine Milliarde Euro für den AC Milan niederzulegen. Die Verhandlungen laufen bereits. Red Bird hält interessanterweise auch Anteile am FC Liverpool und den Boston Red Sox (Baseball).

Auch wenn ein neuer Investor mehr Geld, mehr Transfers und eventuell ein neues Stadion bedeuten könnte, ist eine Neu-Übernahme immer mit Risiken verbunden. Die Fans der „Rossoneri“ können nach dem „Projekt Li Yonghong“ ein Lied davon singen. Laut italienischen Medienberichten beabsichtigt die Red Bird Gruppe aber nicht, Maldini, Massara und Pioli zu ersetzen.

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Ein weiteres Thema, an dem der Klub weiterhin hart arbeiten muss, sind Vertragsverlängerungen der Spieler. Im Sommer 2021 verließen Hakan Calhanoglu und Eigengewächs Gianluigi Donnarumma den Verein ablösefrei, diesen Sommer ist es Franck Kessie. Auch wenn unmittelbar nach dem Meistertitel kein Milan-Fan den beiden früheren Leistungsträgern und Mittelfeld-Stratege Kessie nachweint, muss Milan die Verträge mit wichtigen Spielern in Zukunft früher prolongieren.

Linksverteidiger Theo Hernandez hat Anfang des Jahres seinen Kontrakt bis 2026 verlängert und ein Zeichen gesetzt. Ganz oben auf der Liste der Prioritäten steht nun Rafael Leao, sein laufendes Arbeitspapier soll unbedingt über 2024 hinaus verlängert werden. Erfolgsgaranten wie Leao, aber auch Sandro Tonali, Ismael Bennacer und Fikayo Tomori müssen nach den gezeigten Leistungen mit Gehaltsanpassungen belohnt und langfristig gebunden werden.

Was wird aus dem bald 41-jährigen Zlatan Ibrahimovic? Der schwedische Superstar hatte im Laufe der Saison mit Verletzungen zu kämpfen, vor kurzem wurde publik, dass „Ibra“ sechs Monate lang unter furchtbaren Schmerzen und ohne Kreuzband spielte. Nun unterzog sich der „König von Mailand“ einer Operation, die ihn mindestens sieben Monate außer Gefecht setzt. Seine Zukunft ist noch nicht ganz klar. Dennoch: Dem viel-kritisierten Exzentriker ist es gelungen, Milan wieder relevant zu machen.

Beitragsbild: Imago