Analyse: Das Konzept Fink

via Sky Sport Austria

Nachgetreten – Runde 2

Nach Bundesliga-Runde 2 sehen wir uns dieses Mal die Wiener Austria genauer an: Zwei vom Ergebnis her klare Siege, Tabellenführung, 5 zu 1 Tore, extrem viel Ballbesitz, knapp hinter Sturm die höchste Passgenauigkeit (80.3%), generell sehr viele Pässe gespielt (fast 1.000), die meisten Flanken geschlagen (28), die meisten Schüsse aufs gegnerische Tor gebracht (20) und die beste Zweikampfstatistik (56.8%) aller Vereine – Austria-Herz, was willst du mehr?

Zudem erkennt man unter Thorsten Fink bereits nach zwei Runden etwas, was man die letzte gesamte Saison vergeblich gesucht hat – eine grundlegende Spielidee der Austria, die auch im Spiel sichtbar wird:

Szene 1:

Die Austria versucht den Spielrhythmus im eigenen Ballbesitz zu bestimmen und durch kontinuierlichen Spielaufbau Angriffe vorzubereiten. Speziell in der ersten Halbzeit hat die Austria sehr viel Ballbesitz, wie diese Passstafette von 16 Pässen zeigt. Wie Räume gezielt geöffnet und Zuordnungsprobleme in einer tief stehenden, gut organisierten Abwehr geschaffen werden sollen, ist allerdings noch unklar. Tempowechsel und automatisierte Pass- und Laufwege, wie sie beispielhaft im Video angedeutet werden, um direkt ins Angriffsdrittel ein zu dringen oder Automatismen, um speziell die letzte gegnerische Linie zu durchspielen, sind bisher noch nicht erkennbar. Im Gegenteil: Altach fängt in dieser Szene den gechippten Ball ab und braucht nur 4 Pässe, um im Konter gefährlich in den Strafraum der Austrianer vor zu stoßen.

 

 

Tatsächlich scheint spielerisch also noch viel Luft nach oben, wie auch Trainer Fink meint. Lügen dann etwa die guten Zahlen?

Nicht, wenn man einen genauen Blick darauf wirft: Sowohl der WAC als auch Altach waren sehr defensiv und stark auf Konterspiel ausgerichtet, wodurch sich der hohe Ballbesitz erklärt. Die meisten Pässe spielte die Austria ohnedies in der eigenen Hälfte und in die Breite. In der gegnerischen Hälfte hatten die Violetten nur die fünftmeisten Pässe (knapp vor dem WAC) und die dritthöchste Genauigkeit (68.6%). Flanken schlugen die Favoritner gemeinsam mit Sturm zwar die meisten, brachten aber nur halb so viele an den Mann wie die Grazer und die gute Zweikampfquote basiert auf den mit Abstand wenigsten Zweikämpfen aller Teams. Auch die Torquote sagt noch wenig über die spielerische Qualität de Fink-Elf aus: Nur 2 der 5 Tore erzielte die Austria aus dem Spiel heraus.

Szene 2:

Faktum ist aber, dass die Austrianer in beiden Spielen geduldig blieben, auf ihre Chancen und auf gegnerische Fehler warteten:

In der Entstehung zum vorentscheidenden 2:1 gegen Altach zieht es die Austria wieder vor, zuerst den Ball zu sichern, und nicht, wie es letzte Saison oft zu beobachten war, sofort tief zu spielen. Altach ist aus der Situation heraus noch tendenziell nach rechts verschoben. Die Austria, die sich zuvor nicht allzu oft zu einem schnellen Pass in den Rücken der Abwehr hinreißen ließ, spielt jetzt über Shikov sofort den langen Ball in die Tiefe. Die bis dahin sehr kompakt aufgetretene Altacher Abwehrkette steht hier etwas zu weit auseinander und nicht ideal gestaffelt. In diesem Fall reicht eine krasse Fehleinschätzung von Zwischenbrugger aus, um Zulechner den Weg in den Strafraum freizugeben. Ortiz kann nicht mehr eingreifen

und Zech ist gegenüber Kayode sowohl gedanklich als auch physisch um Längen zu langsam.

 

 

Fazit: Thorsten Fink muss noch viel Trainingszeit in das Offensivspiel investieren, damit seine Mannschaft auch in den gefährlichen Räumen dominant werden kann – bisher strahlt sie nämlich nur in jenen Räumen Sicherheit aus, die vom Gegner preisgegeben werden. Trotzdem: Die Austria ist nun ein Team mit einer erkennbaren Spielidee, hat prinzipiell ein dominantes Auftreten und setzt Ballbesitzfußball um. Dies, gepaart mit interessanten Individualisten wie Kayode und einem offensichtlich neuen positiven Teamspirit, machen wieder sehr viel Lust auf Austria-Spiele.

Nicht ganz unerwähnt soll die Defensivleistung der Austria-Neu bleiben, denn hier täuschen die Zahlen nicht: 1 Gegentor, nur 17 zugelassene gegnerische Torschüsse, von denen überhaupt nur 2 auch auf das Tor gingen, sind absolute Liga-Topwerte!