Auf Chinesischer Slopestyle-Mauer: Gasser will den „Bonus“

Olympiasiegerin ist sie, Olympiasiegerin bleibt sie. Dass die Goldmission bereits erfolgreich war, lässt Anna Gasser die Olympischen Spiele sogar erstmals genießen. „Alles, was kommt, ist ein Bonus“, sagte die Snowboard-Freestylerin am Donnerstag nach dem Training für den Slopestyle-Bewerb. Dick eingemummt mit „sieben Schichten“ bei minus 19 Grad trickste sie fast gänzlich nach ihrem Geschmack. „Bissl wärmer noch würde stimmungsmäßig einen Riesenunterschied für mich machen.“

Noch ehe sie auf der monströsen Big-Air-Rampe in der Millionenstadt Peking als „Titelverteidigerin“ antritt, wartet auf Gasser in den verlassenen Bergen von Zhangjiakou ein nicht minder beeindruckender Parcours aus Kickern (Sprünge), Rails (Geländer) und Obstacles (Hindernisse). Der Slopestyle – gewissermaßen Gassers zweites Standbein – soll kein Aufwärmen für ihre Paradedisziplin sein. Sie will es durch die Qualifikation (Samstag/3.45 Uhr MEZ) ins Finale am Sonntag (2.30 Uhr) schaffen.

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Auch Routiniers wie Gasser lernen noch dazu. „Ich habe gedacht, es kommen acht Mädels ins Finale, aber es sind zwölf.“ Das eröffnet für den Taktikpoker neue Möglichkeiten. Die 30-Jährige will in der Quali nicht alle Trümpfe ausspielen. „Ich glaube, wenn man einen sauberen Run runterbringt, noch nicht die höchste Schwierigkeitsstufe, dann sollte es für das Finale reichen. Aber das ist leichter gesagt als getan.“

Der Slopestyle ist etwas für Taktikfüchse. „Ich habe meinen Run so aufgebaut, dass ich hoffentlich bei jedem Sprung was drauflegen kann.“ Insbesondere die schiefen Sprünge, die sie seit Pyeongchang nirgends mehr erlebt habe, erfordern besonders Augenmaß. „Die sind eher wie ein Halfpipe-Absprung.“ Auf „Speedkontrolle“ kommt es bei der Flugshow an. „Bei diesem Kurs fährt man nicht komplett gerade, man muss Speed rausnehmen und die richtige Mischung finden.“

Vorhandene Ambitionen abseits des Wettkampf-Snowboardens sind aktuell beiseitegeschoben. Ihr Wettkampfgen ist ausgeprägt. „Es war heuer die ganze Saison voll da. Ich war motiviert bei den Wettkämpfen, habe Spaß gehabt. Ich denke noch gar nicht viel daran, was danach ist.“

Im Jetzt ist eine zweite Olympia-Medaille nach Gold im Big Air 2018 das Ziel. Im Slopestyle hätte sie etwas nachzuholen. „Auch wenn das die Presse nicht so gesehen hat: Ich habe mir vor vier Jahren gedacht, dass ich eine Medaille mache. Und dann hat es ja gar nicht hingehaut.“

In der viel kritisierten Windveranstaltung blieb Gasser nur Rang 15. Die Peking-Veranstalter bauten nun seitlich vom Kurs als Windschutz die Chinesische Mauer nach. „Wo möchtest du bei windigen Bedingungen sein? Hinter der Mauer, oder? So kommt die chinesische Mauer ins Spiel“, meinte Dirk Scheumann, der CEO von Kursgestalter Schneestern. Gasser sieht Parallelen zu 2018, noch ist sie skeptisch. „Ob die Mauer wirklich hilft – wenn wir springen, sind wir höher, und bei den Kickern hört die Mauer auf – ist die Frage.“

Die zweifache Olympiasiegerin Jamie Anderson kritisierte indes die pickelharte Piste. „Du willst da auf keinen Fall hinfallen. Es fühlt sich an wie kugelsicheres Eis“, sagte die 31-jährige US-Amerikanerin und ergänzte, sie habe auf dem Kunstschnee „ängstlich“ trainiert. Prompt schlug am Donnerstag die Japanerin Rina Yoshika schwer auf, blieb kurz regungslos liegen, ehe sie unter Schmerzensschreien abtransportiert wurde. Der Verletzungsgrad der 20-Jährigen war zunächst unklar.

Respekt sei auf der gewaltigen Anlage auf jeden Fall vorhanden, meinte Gasser. „Wenn es kalt ist, hat man nicht so viel Confidence zum Herfallen.“ Und: „Es ist auch von den Jungs Respekt da. Normalerweise springen die den Kurs gleich.“

Noch gehöre sie „auf jeden Fall zu den Top zehn“ im Slopestyle, stellte sie klar und umriss damit auch den Medaillen-Anwärterinnenkreis aus ihrer Sicht. Mit der Welt-Nummer-eins Zoi Sadowski Synnott aus Neuseeland, der Australierin Tess Coady und Anderson ist der gesamte WM-Medaillensatz von Aspen 2021 versammelt. Gasser wurde damals Sechste. In Sachen Edelmetall sei sie diesmal Realistin. „Es ist möglich, aber es wird nicht leicht.“

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(APA)

Artikelbild: GEPA