„Aufgeben gibt’s nicht“ – Wie Caroline Bredlinger zu Österreichs Spitzenläuferin wurde

Österreichs Athletinnen schreiben Sportgeschichte. Eine von ihnen ist Caroline Bredlinger, schnellste 800‑Meter-Läuferin Österreichs.

Ihre Erfolge sind erstaunlich: mehrfach unterbotene WM‑Normen, eine persönliche Bestzeit unter der magischen Zwei-Minuten-Marke, Staatsmeistertitel, der Sieg beim Internationalen Stadionfest (ISTAF) in Berlin und die Qualifikation für die Europameisterschaft 2026 in Birmingham. Doch ihr Weg dahin ist nicht nur ein athletischer, sondern auf persönlicher Ebene, auch ein sehr vielschichtiger.

Ein Schuss, der alles veränderte

Als Bredlinger 13 Jahre alt war, wurde sie an Halloween im Jahr 2014 im burgenländischen Müllendorf  angeschossen. Ein Ereignis, das traumatisch war, da sie das Projektil im Hüftbereich traf und das ihren Körper und ihre Laufbahn dauerhaft prägen sollte. „Wir sind damals spazieren gewesen, haben Schüsse gehört, konnten es aber nicht zuordnen. Ich dachte zuerst, ich bin auf einen Kracher gestiegen“, erinnert sie sich im Sky-Interview. Erst im Krankenhaus stellte sich heraus, dass ein Projektil am Beckenknochen zersplittert war. 24 Splitter bleiben in ihrem Körper, denn das Entfernen hätte nach Einschätzung der Ärzte mehr Schaden als Heilung verursacht.

Die körperlichen Folgen begleiten sie bis heute. Besonders beim Sitzen, bei langen Flügen oder im Krafttraining verspürt sie einen stechenden Schmerz. Der Weg zurück ins Lauftraining war für die Jugendliche ein Weg durch Tränen und Zweifel: „Ich war talentierter auf der Mittelstrecke, aber es war schlimm zu sehen, was ich vorher schon geschafft habe und was danach nicht mehr möglich war. Ich habe oft geweint – bei Trainings und Wettkämpfen.“ Sie wechselte für einige Jahre auf die 400 Meter, um keinen direkten Vergleich zu haben. Erst später kehrte sie zu den 800 Metern zurück.

Dass ihr damals niemand psychologische Unterstützung empfahl, wirkt rückblickend fast erschreckend. „Ich wurde als jemand eingeschätzt, der hart im Nehmen ist. Aber gerade im Sport hat mich das sehr belastet.“ Das offenbart Lücken im Sportssystem und zeigt auch wie Leistungssportler*innen oft allein mit traumatischen Erlebnissen und Rückschlägen zurechtkommen müssen. Bredlinger selbst rät jeder Person psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, wenn es schwer wird. Es sei ein Irrglaube, dass Professionalität nur aus körperlicher Härte bestehe.

Das Comeback einer Läuferin

Der Schritt, der Bredlingers Karriere nachhaltig veränderte, war paradoxerweise eine Pause, die sie ein halbes Jahr beim Bundesheer verbrachte. „Die Pause war der Schlüsselmoment. Danach ging es stetig bergauf“, sagt sie. Seither hat sie Leistungen gezeigt, die sie an die europäische Spitze geführt haben. 1:58,95 Minuten, die ihr neben nationalen Erfolgen auch das WM-Limit einbrachten. Ein Sieg beim ISTAF Berlin, wo sie die WM‑Norm erneut unterbot und 2:00,25 Minuten bei der Weltmeisterschaft in Tokio, wo sie Platz 24 von 57 Athletinnen belegte.

Die Trainingsumstellung spielte ebenfalls eine zentrale Rolle. In Zusammenarbeit mit ihrer Mutter Ursula, einer ehemaligen Langstreckenläuferin, die sie seit Jahren trainiert, wagten sie einen neuen Ansatz: 800‑Meter-Splits im Wettkampftempo, langfristige Belastungsplanung und gemeinsame Einheiten mit einem 1500‑Meter-Läufer. „Wir haben uns getraut, im Wettkampftempo zu trainieren. Das hat mich weit vorangebracht“, betont sie.

Mittlerweile umfasst ihr Trainingsplan zehn bis zwölf Einheiten pro Woche, darunter Intervallserien wie 12 × 200 Meter, Radfahren, Krafttraining und Dauerläufe. Kurz vor Bewerben reduziert sie die Umfänge auf sechs bis acht Einheiten – ein System, das funktioniert, obwohl ihr Körper sie regelmäßig an die Grenzen erinnert: „Wenn es zwickt, dann ist es halt so.

Zyklusbasiertes Training – ein Tabu wird zum Thema

Lange Zeit wurde im Sport kaum Rücksicht auf den weiblichen Körper genommen, niemand hat ein Wort über die Menstruation verloren, doch mittlerweile gewinnt ein zyklusbasiertes Training bei Frauen im Sport an Bedeutung. „Es gibt Tage, an denen ich die Leistung nicht so abrufen kann, weil ich an einem bestimmten Punkt meines Zyklus bin. Das sollte man viel mehr thematisieren.“

Die Wissenschaft bestätigt, dass der weibliche Zyklus die physische und mentale Leistung signifikant beeinflussen kann. In der Follikelphase (vor dem Eisprung) sind viele Athletinnen leistungsfähiger und regenerieren schneller. In der Luteal- und Menstruationsphase hingegen sind Übungen intensiver zu spüren, PMS-Symptome nehmen zu und Schmerzen können Trainingserfolge hemmen.

Ambitionen, die größer sind als die Zweifel

Caroline Bredlingers Ziele sind ambitioniert, aber geerdet. Eine WM‑ oder Olympia‑Goldmedaille hält sie zwar für „utopisch“, doch die Vision bleibt bestehen, irgendwann das österreichische Outdoor‑Rekordniveau zu erreichen und ein WM- oder EM-Finale zu laufen. „Ich weiß, warum ich das mache. Ich habe Ziele. Ich muss mich nicht motivieren“, sagt sie.

Dass ihre Entwicklung weiter nach oben zeigt, bestätigte Bredlinger zuletzt bei den Hallen-Staatsmeisterschaften in Wien, wo sie den Titel über 800 Meter holte und damit ihren fünften Staatsmeistertitel in Folge gewann. Erstmals kehrte sie sogar mit zwei Goldmedaillen zurück: Neben dem erwarteten Triumph über ihre Paradestrecke entschied sie überraschend auch die 1.500 Meter für sich, und das mit einem neuen burgenländischen Landesrekord.

Am Freitag ist sie bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Torun/Polen über 800 m im Vorlauf jedoch ausgeschieden. Im ersten von sechs Vorläufen erreichte sie Rang vier, die Top zwei jedes Heats stiegen automatisch auf. Dazu kamen die insgesamt sechs weiteren Zeitschnellsten, doch Bredlinger kam mit ihrer Marke von 2:01,73 Min. in dieser Wertung nur auf Rang acht. Der 24-Jährigen fehlten 0,27 Sek. auf den Aufstieg, sie wurde unter 33 Aktiven 20.

Duales Rennen – im Sport und im Beruf

Parallel zu ihren sportlichen Erfolgen hat Bredlinger innerhalb der Justiz einen Weg eingeschlagen. Seit März 2025 gehört sie zum ersten Jahrgang des neuen Spitzensportförderprogramms „Athleta“ der Justiz. Für ihr Engagement und ihre internationalen Leistungen wurde sie mit dem ersten Justizsportaward ausgezeichnet. Sie führt diese Doppelrolle mit einer Selbstverständlichkeit aus, die ihre Disziplin nochmals betont.

Außerdem wirft sie damit auch einen langfristigen Blick auf das Leben nach dem Leistungssport. Sie sehe sich entweder als Justizwachebeamtin oder als Trainerin im Nachwuchsbereich. „Ich sehe, was Trainer für ein Leben führen, und kann es mir gut vorstellen. Auch wenn es hart ist.

Eine Geschichte, die Spuren hinterlässt

Wer Caroline Bredlinger in ihrem Element sieht, sieht eine Athletin, deren Laufstil leicht wirkt und deren Fortschritte sich in Zeiten messen lassen. Doch hinter jeder dieser Zeiten liegt eine Geschichte, die nicht weggeht. Eine Geschichte von Schmerz, von Mut und schließlich von Kontrolle über das eigene Leben.

Gefragt, was sie ihrem 13‑jährigen Ich sagen würde, hält sie kurz inne und sagt dann: „Stress dich nicht. Es wird alles aufgehen.

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Beitragsbild: Imago/GEPA