Coutinho, schüchterner Schlüsselspieler der „Selecao“
Neymar provoziert die Aufmerksamkeit, Philippe Coutinho glänzt eher Hintergrund. „Ich mag es nicht, über mich zu sprechen“, sagte der 26-Jährige, der bei der Fußball-WM seinen brasilianischen Kollegen und guten Freund sportlich in den Schatten stellt. Der zweifache Torschütze wurde in Russland zweimal zum „Man of the Match“ gewählt und ist Taktgeber im „Selecao“-Mittelfeld mit genialen Momenten.
Reporter im brasilianischen Teamcamp in Sotschi berichteten bisher hauptsächlich über die Befindlichkeiten von Neymar, seine spielerischen Eskapaden und wechselnden Frisuren. Die Leistungen des schüchternen Coutinho kamen angesichts ihrer Tragweite etwas zu kurz. Denn „Philippinho“ ist vielleicht der Schlüsselspieler des Rekord-Weltmeisters und der Hauptgrund, warum Brasilien nach zwei holprigen Spielen doch an der Spitze der Gruppe E steht.
Der technisch brillante Coutinho, seit diesem Winter beim FC Barcelona unter Vertrag, brachte sein Team zunächst beim Auftakt-1:1 gegen die Schweiz mit einem herrlichen Weitschuss in Führung. Am Freitag löste der Mittelfeldspieler gegen Costa Rica in der Nachspielzeit den gordischen Knoten. Sein „Spitz“ durch die Beine von Keylor Navas brachte Brasilien in der 91. Minute auf die Siegerstraße, Neymar staubte noch später zum 2:0 ab.
„]Es war dieses Duo, das sich seit gut einem Jahrzehnt von diversen Jugendauswahlen kennt, über das in beiden Spielen die meisten Angriffe liefen. Statistikanbieter schlüsselten die Darbietungen der Brasilianer weiter auf und ermittelten, dass Coutinho der Akteur mit den meisten entscheidenden Pässen ist. Doch über die eigene Performance zu sprechen, behagt ihm nicht. „Es ist nicht etwas, das ich im Sinn habe. Ich will mich nur verbessern, lernen und Brasilien helfen, seine Ziele zu erreichen und Weltmeister zu werden“, sagte Coutinho.
In Russland wird der 1,72 m große Profi eigentlich außerhalb seiner Komfortzone eingesetzt. In erster Linie als Außenstürmer im 4-3-3-System vorgesehen, rückte Coutinho nur auf die Position halblinks im Mittelfeld, weil sich Renato Augusto in der Vorbereitung am Knie verletzte. Trainer Tite experimentierte und fand Gefallen an der Alternativlösung. Als zurückgezogener Zehner ist Coutinho Verbindung zwischen Angriff und Abwehr, zentrale Schaltstelle und nimmt im Spielaufbau viel Last von Neymar. Der wieder fitte Renato Augusto ist nur noch Ersatz.
Genauso unterschiedlich wie die zwei Freunde gestrickt sind, verliefen auch ihre Karrieren in vielen Punkten. Während Coutinho schon als 16-Jähriger zu Inter Mailand nach Europa wechselte, verließ Neymar Brasilien erst mit 21, da war er bereits nationales Idol. Als Neymar Barcelona im Sommer 2017 den Rücken kehrte, legte Paris Saint-Germain 222 Millionen Euro hin. Nie hat ein Club mehr für einen Fußballprofi bezahlt. Coutinho spielte damals noch bei Liverpool. Barcelona zahlte an die Engländer exklusive möglicher Boni 120 Millionen Ablöse und machte ihn vorerst zum zweitteuersten Fußballer.
Bei der Präsentation in der katalanischen Hauptstadt war Coutinho wiederholt mit Neymar-Vergleichen konfrontiert. Er soll dafür sorgen, dass niemand seinem gleichaltrigen Landsmann eine Träne nachweint. „Neymar ist ein großartiger Spieler, aber wir haben unterschiedliche Qualitäten. Ich hoffe, dass ich meinen Platz finde“, gab sich Coutinho gewohnt zurückhaltend.
Für die Barcelona-Bosse war der Transfer gewissermaßen ein Schnäppchen, gingen sie doch von einer substanziellen Marktwertsteigerung bei der Weltmeisterschaft aus. Bis jetzt dürfte dieser Plan voll aufgehen.
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