Das 325. Wiener Derby in der Taktikanalyse

via Sky Sport Austria

Die Geschehnisse auf dem Platz gingen nach dem 325. Wiener Derby aufgrund der Ausschreitungen ein wenig unter. Dabei wurde das Spiel auf hohem Niveau geführt, beide Teams zeigten beim Rückrundenstart eine gute Leistung. Die wichtigsten Punkte des Spiels gibt es in der Taktikanalyse:

1. Rapids gute Anfangsphase

Rapid erwischte den besseren Start in die Partie und konnte sich gleich zu Beginn in der gegnerischen Hälfte festsetzen. Das Ballbesitzspiel der Gastgeber fokussierte dabei das Spiel über die Flügel, insbesondere die linke Seite. Bolingoli war der Aktivposten bei Rapid, hatte die meisten Ballaktionen. Viel lief auch über den aufbaustarken linken Innenverteidiger Galvao. In der 4-2-3-1-Formation positionierten sich die Flügelspieleler Schobesberger und Berisha sehr hoch, gemeinsam mit Joelinton konnten sie so zu dritt die Viererabwehr der Austria binden. Probleme machten der Defensive der Austria die Außenverteidiger von Rapid. Auer und Bolingoli blieben zunächst auf der Outlinie, war der Ball auf ihrer Seite rückten sie häufig mit gutem Timing etwas in die Mitte und schafften Platz für Schobesberger und Berisha. So konnte Rapid über Außen vordringen und in Strafraumnähe kommen.

Bolingoli zieht in die Mitte, außen ist Schobesberger frei. Blauensteiner kann erst sehr spät auf diesen rausschieben.

2. Austria gewährt Rapid viel Ballbesitz

Die Mannschaft von Thorsten Fink verteidigte in einem tiefen Mittelfeldpressing. Austria bemühte sich, möglichst kompakt in einer 4-5-1-Formation zu stehen. Dies gelang auch sehr gut, der wichtige Zwischenlinienraum wurde eng gehalten und für die Gegenspieler bot sich wenig Raum. Für Murg war es praktisch nicht möglich, zwischen den Linien an den Ball zu kommen. Daher wich er öfters auf die Seite aus oder ließ sich weiter ins Mittelfeld zurückfallen, um anspielbar zu sein. Häufig waren alle elf Spieler der Austria in der eigenen Hälfte, auf den Spielaufbau wurde nur wenig Druck ausgeübt. Pires und Venuto waren defensiv sehr engagiert, behielten die Außenverteidiger Rapids stets im Auge und gingen bei Bedarf weit mit zurück. Sehr stark war auch die Defensivleistung von Monschein, der zwar meistens eher passiv verteidigte und das Zentrum dicht machte, in den Pressingsituationen aber druckvoll und sehr aggressiv draufging.

Abwehr und Mittelfeld stehen sehr eng beisammen. Für Murg bietet sich kaum Raum.

3. Nach Unterbrechung wird Austria stärker

Die Spielunterbrechung gab beiden Trainern die Möglichkeit, nochmals mit ihrer Mannschaft zu reden und so auch eventuell die Taktik umzustellen. Veränderungen am System gab es jedoch keine, Rapid musste jedoch verletzungsbedingt Schwab auswechseln und brachte dafür Petsos neu ins Spiel. Auswirkungen auf den leichten Umschwung in der ersten Halbzeit hatte dieser Wechsel allerdings keine. Über Standardsituationen und gute Konterunterbindung kam die Austria nach der Unterbrechung vermehrt zu längeren Ballbesitzphasen in der gegnerischen Hälfte. Rapid tat sich schwer, sich zu befreien, da die Austria nach Ballverlust gut nachsetzte und die Verteidiger die Klärungsversuche von Rapid auffingen.

4. Holzhauser als Spielgestalter

Im Zentrum des Spiels der Wiener Austria stand wie gewohnt Raphael Holzhauser. Zwar steht dieser aus anderen Gründen im Fokus der Berichterstattung, doch erwähnenswert ist auch, dass dieser eine starke Partie machte. Aus der 4-1-4-1-Grundformation ließ sich Holzhauser weit zurückfallen. Er besetzte den Raum links von Stronati und bildete mit den beiden Innenverteidigern eine Dreierkette. Wie bei Rapid entstand so auch bei der Austria ein Fokus auf die linke Angriffsseite. Mit Diagonalbällen sollten Venuto oder Pires freigespielt werden, auch Prokopp wurde im Zentrum oft gesucht. Wie bei Rapid rückten die Außenverteidiger teilweise Richtung Zentrum, jedoch klappte dies schlechter. Stangl und Blauensteiner rückten bereits sehr früh ein, wodurch sich die Gegenspieler darauf einstellen konnten und die Defensive nicht durcheinander gebracht wurde. Venuto und Pires bekamen einige Bälle, konnten damit aber nur meistens quer ins Mittelfeld oder zurückdribbeln. Hinter die Abwehr kam die Austria selten, was auch an der geringen Bewegung der Offensivspieler lag. Rapid hingegen bearbeitete die Verteidigung des Gegners viel mehr. Berisha, Joelinton und Schobesberger starteten häufig Läufe hinter die Abwehr, teilweise kam auch Murg mit Tempo aus dem Mittelfeld.

Das Pressing von Rapid. Murg geht auf Holzhauser. Serbest wird im Zentrum von Schwab bewacht.

5. Flexibles Pressing bei Rapid

Die Hütteldorfer spielten in Ballbesitz zwar mit einer 4-2-3-1-Grundformation, setzten im Spiel gegen den Ball aber auf ein 4-1-4-1. Goran Djuricin ließ seine Mannschaft höher verteidigen als Thorsten Fink, insbesondere bei Abstößen. Das Pressing funktionierte zumeist ganz gut. Murg rückte situativ weiter nach vorne und presste Holzhauser, zusammen mit Joelinton konnten sie insgesamt recht erfolgreich zu zweit gegen die drei Aufbauspieler der Gäste aus Favoriten verteidigen. Schwab bzw. Petsos blieb stets bei Serbest, dahinter kümmerte sich Ljubicic um Prokop oder einen eingerückten Flügelspieler. So gelang es Rapid, die linke Angriffsseite der Austria zuzustellen und dort einige Ballgewinne zu erzwingen

6. Austrias Offensive hat Raum

Da Rapid hoch verteidigte, bot sich auch mehr Raum hinter der Abwehr. Das Pressing zwang die Austria zu einigen hohen Bällen in die Spitze, diese gingen häufig verloren, Monschein konnte aber auch bemerkenswert viele dieser Zuspiele sichern (was Djuricin auch nach dem Spiel kritisierte). Konnte die Austria solche Bälle holen, dann wurde es potentiell gefährlich. Schließlich bringen Pires, Venuto und Monschein enorm viel Tempo mit. Viel Torchancen sprangen allerdings nicht raus, das 1:1-Endergebnis entspricht so in etwa der Leistung beider Teams, auch wenn sowohl Rapid als auch Austria das Spiel für sich entscheiden hätten können.)

(Eine Analyse von Alexander Belinger)

Rapid und die Austria trennen sich im Skandalderby 1:1

VIDEO: Eckball-Skandal im Wiener Derby

VIDEO: Rapid-Fans unterbinden Austria-Angriff