Es ist eine der wohl gefürchtetsten Verletzungen eines Profisportlers oder einer Profisportlerin: Diagnose Riss im Kreuz

Das Kreuz mit dem Kreuzband

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Es ist eine der wohl gefürchtetsten Verletzungen eines Profisportlers oder einer Profisportlerin: Diagnose Kreuzbandriss. Wenn der zentrale Pfeiler der Stabilität im Kniegelenk reißt, stehen neben Schmerzen lange physische und mentale Rehawege auf dem Programm.

Schnell wird aus einem Teil einer Mannschaft ein einzelnes Individuum, der einsame Kampf in der Kraftkammer beginnt und ist unglaublich fordernd. Aber warum reißt ein Kreuzband?

DDr. Lukas Hoffmann, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie, ein ausgewiesener Kniespezialist und auch Teil des Betreuerstabs des ÖFB, erklärt: „Da gibt es viele Einflussfaktoren, beginnen wir bei der Genetik: Wie sieht es mit Vorbelastungen aus, gibt es in der Familie eine Häufung an Kreuzbandrissen? Ein weiteres Thema ist die Beinachse. Bei Männern sind die so genannten O-Beine ein größerer Einflussfaktor, bei Frauen die X-Beine, bei Frauen ist der Hormonhaushalt sowie die Art des Gewebes auch noch ein zusätzlicher Faktor, sie sind dadurch gefährdeter einen Kreuzbandriss zu erleiden. Weitere Themen sind die Regeneration, die Anzahl der Spiele bis hin zum Fußballschuh bei Fußballern. Die Schuhe haben in den vergangenen Jahrzehnten auch einen immer größeren Einfluss, denn mehr Grip bedeutet zwar höhere Geschwindigkeit, aber eben auch weniger Toleranz. Die entstehenden Kräfte wirken verstärkt auf’s Knie.“

DDr. Lukas Hoffmann, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie, ein ausgewiesener Kniespezialist und auch Teil des Betreuerstabs des ÖFB, erklärt die Umstände einer Kreuzband-Verletzung
DDr. Lukas Hoffmann, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie, ein ausgewiesener Kniespezialist und auch Teil des Betreuerstabs des ÖFB, erklärt die Umstände einer Kreuzband-Verletzung

So passieren Verletzungen am Kreuzband

Die Einflussfaktoren, die zu einem Kreuzbandriss führen sind also unterschiedlichster Natur, von äußeren Einflüssen wie Zweikämpfen bis hin zu genetischen Vorbelastungen und körperlichen Dysbalancen. Hier wird in der Medizin unter anderem immer öfter der SLOPE-Winkel genannt. Dabei handelt es sich, vereinfacht ausgedrückt, um den Winkel zwischen Schienbein und Knie. Normalerweise beträgt dieser Winkel bis zu 10 Grad, bei 12 Grad oder darüber kann nach Rerupturen über eine Reduzierung des Winkels nachgedacht werden. Dafür muss ein Keil aus dem Schienbein geschnitten werde, auch kein angenehmer Eingriff.

Auch die so genannte Notch kann entscheidend sein. Als Notch wird die Grube bezeichnet, in der die Kreuzbänder verlaufen.  Wann und ob das Kreuzband reißt, kann also viele Gründe haben.

Risiko für Kreuzband-Verletzungen erhöht sich nach erstem Vorfall

Häufig ist es zudem mit einem Kreuzbandriss noch nicht getan. Wenn der Rehaweg einmal beschritten wurde, ist ein zweiter Riss nicht auszuschließen. „Die Literatur zu diesem Thema beschreibt, dass das Risiko bei bis zu 20% liegt, dass ein Kreuzband nicht nur einmal reißt, sondern es wiederholt vorkommt oder der Patient oder die Patientin am anderen Knie eine Ruptur erleidet“, so der ÖFB-Teamarzt, der in seiner bisherigen Karriere um die tausend Kreuzbänder operiert hat. Nach der Operation beginnt dann der lange Weg zurück.

Gerade die Kreuzbandrehabilitation ist sowohl körperlich als auch mental herausfordernd. Sportphysiotherapeut Roman Jagsch, Basketballprofi beim SKN St. Pölten und selbst zweimal am Kreuzband operiert, erläutert: „Die erste Reha wird meist mit voller Energie bewältigt. Hier ist das Mindset oft – Ich nutze die Zeit im Kraftraum und arbeite am Bewältigen meiner Dysbalancen, ich komme stärker zurück – die zweite Reha ist dann eine absolute mentale Challenge. Wenn du als Profi nicht mehr mit deinem Team trainierst, sondern wieder allein in der Kraftkammer stehst, ist das eine große Herausforderung. Ein dritter Kreuzbandriss potenziert das alles nochmal.“

Sportphysiotherapeut Roman Jagsch, Basketballprofi beim SKN St. Pölten und selbst zwei Mal am Kreuzband operiert, spricht über die schwierige Reha-Phase
Sportphysiotherapeut Roman Jagsch, Basketballprofi beim SKN St. Pölten und selbst zweimal am Kreuzband operiert, spricht über die schwierige Reha-Phase

Dritter Riss: Was ist falsch gelaufen?

Wenn das Kreuzband ein drittes Mal reißt, wie im Fall der beiden Profis der Wiener Austria, Ziad El Sheiwi und Florian Wustinger, wird oft die Sinnfrage gestellt. Ist etwas bei der Operation, bei der Reha, in der Behandlung falsch gelaufen?

„Das kann man so nicht sagen. Die Methodik hat sich in den vergangenen Jahren auch verändert. So wurde über die letzten zwei Jahrzehnte eine Sehne aus der Oberschenkelrückseite präferiert. Die aktuelle Methode ist eher das Quadrizepssehnentransplantat. Auch die BTB-Methode (die Bezeichnung BTB kommt aus dem Englischen für Bone-Tendon-Bone und bedeutet, dass das Transplantat aus einem Knochenblock, einem Sehnenanteil und wiederum einen Knochenblock besteht – die Sehne, die bei dieser Technik verwendet wird, ist die Kniescheiben- oder Patellasehne) kommt zur Anwendung. Hier muss die richtige Methode auf den Patienten abgestimmt werden. Aber auch die richtige Methode garantiert keine absolute Sicherheit, die Gefahr einer Reruptur besteht,“ führt DDr. Hoffmann aus.

Interne Diskussionen bei der Wiener Austria

Die Frage ob bei Wustinger und El Sheiwi etwas falsch gelaufen ist, stellt sich auch die Wiener Austria:

„Alleine schon der Tatsache geschuldet, dass wir in den vergangenen Jahren sehr viele Kreuzbandrisse im Verein hatten, haben wir sehr oft und sehr häufig über dieses Thema intern gesprochen. Wer sich mit diesem Thema auskennt und auch das Herantasten und Heranführen von Florian Wustinger begleitet hat, da wird man nicht wirklich einen Fehler finden. Er hat sich in einer grandiosen Verfassung befunden“, erklärt der Sportdirektor der Wiener Austria Manuel Ortlechner.

Ist bei der Rehabilitation von den Kreuzbandrissen bei Wustinger und El Sheiwi etwas falsch gelaufen?
Ist bei der Rehabilitation von den Kreuzbandrissen bei Wustinger und El Sheiwi etwas falsch gelaufen?

El Sheiwi, Wustinger und das Kreuzband

Für Wustinger und El Sheiwi gehört die Diagnose Kreuzbandriss leider schon zu oft zu ihrem noch kurzen Karriereweg. Für Ziad El Sheiwi gab es die Diagnose 2021, 2022 und 2023 – also jährlich. Gesamt hat der 20-jährige damit schon 1131 Tage seiner Karriere im Rehaprozess verbracht. Ein ähnliches Bild gibt es bei Florian Wustinger. Kreuzbandriss 2022, 2023 und vor wenigen Tagen zu Beginn des Jahres 2025.

„Es war eine Szene, wo er offensiv attackiert hat, kein Zweikampf. Es ist einfach unfassbar viel Pech, jetzt drücken wir ihm die Daumen, dass er die Kraft wieder aufbringt, ich denke das ist das Schwierigste, damit er diesen nicht einfachen Reha-Prozess wieder durchläuft und mit voller Stärke wieder zurückkommt“, sagt Ortlechner.

„Unfassbar viel Pech“: Ortlechner zur erneuten Verletzung von Wustinger

Wie läuft eine Kreuzbandreha ab? Roman Jagsch erklärt: „Die Reha läuft für mich bei SpielsportlerInnen im Allgemeinen in fünf Phasen ab. Die Punkte sollen jeweils am Ende umgesetzt werden können. Als Beispiel, am Ende der return to run Phase soll gelaufen werden, usw.:

  • Beweglichkeit wiedererlangen (post OP – Ziel: keine Schwellung, keine starken Schmerzen)
  • Return to Run (bis 3 Monate nach OP – Ziel: Leichter Kraftaufbau, am Ende leichte Laufeinheiten möglich)
  • Return to Sport (3-6 Monate nach OP – Ziel: Die eingesetzte Sehne wandelt sich zum Band. Das Knie sollte wenig Probleme machen. In dieser Phase viel Kraftaufbau und leichte seitliche Bewegungen und kleine Sprungübungen)
  • Return to Play (6-8 Monate nach OP – Ziel: Sportartspezifische Bewegungen, Schnellkraft)
  • Return to Competition (8-12 Monate nach OP je nach Knie – Ziel: Präventive Arbeit, heranführen an volle Trainingsumfänge)

Das sind grobe Eckdaten, nach denen ein Rehabilitationsprogramm auf das jeweilige Knie aufgebaut ist. PhysiotherapeutInnen versuchen dann weitere anatomische oder auch psychosoziale Faktoren zu finden, die ursächlich für die Verletzung sein können. Auch nehmen wir uns mit dem Sportler, der Sportlerin, dann mehr Zeit für die einzelnen Phasen.“

Kann ein Kreuzbandriss verhindert werden?

Kann man einen Kreuzbandriss eigentlich verhindern oder zumindest das Risiko minimieren? Für DDr. Lukas Hoffmann steht fest: „Ja, durch viel sensomotorisches und propriozeptives Training (eine Methode zur Schulung der Tiefenwahrnehmung mithilfe von Balance- und Konzentrationsübungen), gepaart mit Kniestabilisierung nach außen, sowie ausreichend Ruhe und Regenerationsphasen kann das Risiko minimiert werden.“

Am Ende bleibt für El Sheiwi und Wustinger zu hoffen, dass sie weiterhin die Liebe zum Fußball und zum Sport nicht verlieren, auch wenn ihr Weg steinig ist und von Rückschlägen geprägt, so kann man Florian Wustinger nach seinem erneuten Kreuzbandriss und Ziad El Sheiwi, der an den Folgen eines Keims im Knie leidet, nur das Beste wünschen, um den Traum vom Fußballprofi auf dem Platz und nicht in der Kraftkammer leben zu können.

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Bilder: GEPA