Die große Bühne für Österreichs Fraueneishockey
Wenn am Osterwochenende im Merkur Eisstadion in Graz der Austrian Women’s Hockey League-Meistertitel vergeben wird, geht es um weit mehr als nur um Pokale und Medaillen. Das Final-4 markiert den Höhepunkt einer Saison, die exemplarisch zeigt, wie sich Fraueneishockey in Österreich entwickelt. Vier Teams und zwei Tage, die dem Frauensport genau jene Aufmerksamkeit geben, die er längst verdient.
Mit Titelverteidigerinnen Sabres St. Pölten, den KSV Highlanders, den Lakers Kärnten und den VSV Lady Hawks ist das Teilnehmerfeld hochklassig besetzt. Im Vorfeld des Final‑4 hat Sky exklusiv mit Lisa Marchl, Assistant Captain der KSV Highlanders, gesprochen. Die Verteidigerin gibt dabei nicht nur Einblicke in eine intensive Saison, sondern spricht auch über Erwartungen, Herausforderungen und die Realität im österreichischen Fraueneishockey.
Besonders bemerkenswert ist die erstmalige Final‑4‑Teilnahme der VSV Lady Hawks, die sich in ihrer Premierensaison direkt für das Saisonfinale qualifizieren konnten. Dass sich mit den Highlanders zudem ein steirisches Team ins Turnier gespielt hat, verleiht dem Wochenende in Graz zusätzliche regionale Strahlkraft.
Zwei Bewerbe, ein langer Weg
Bereits zum zweiten Mal wird die Saison im Fraueneishockey in zwei Bewerben ausgespielt. „In der AWHL spielen rein die österreichischen Mannschaften, in der European Women’s Hockey League sind Teams aus ganz Europa dabei“, erklärt Marchl im Sky‑Interview.
Der Grunddurchgang verlief bis Anfang März wie gewohnt, ehe sich die Saison zuspitzte. Für die Highlanders lief die EWHL anfangs sehr erfolgreich. Als Fünftplatzierte qualifizierte sich Kapfenberg für das Viertelfinale und bekam mit Bozen jenen Gegner zugelost, an dem man im Vorjahr noch hauchdünn gescheitert war. „Letztes Jahr haben wir um einen Punkt verloren, heuer haben wir das Hinspiel gewonnen und im Rückspiel unentschieden gespielt“, so Marchl.
Der Einzug ins Halbfinale war historisch. So weit war der Verein zuletzt in der Saison 2013/14 gekommen. Auch wenn man anschließend sowohl im Halbfinale als auch im Spiel um Platz drei, unter anderem gegen MAC Budapest, den Kürzeren zog, bleibt die Bilanz positiv. „Dass wir am Ende Vierte in der EWHL werden, damit hätten wir vor der Saison nicht gerechnet. Wir sind unglaublich stolz auf uns“, sagt Marchl. Nun wartet mit dem AWHL‑Final‑4 der nationale Saisonabschluss.
Halbfinale gegen Villach: Favoritenrolle mit Verantwortung
Im Halbfinale am Freitag treffen die Highlanders auf die VSV Lady Hawks. Die Villacherinnen sind erst heuer in die AWHL eingestiegen, haben aber von Beginn an überzeugt. „Sie haben sehr gut performt, haben gute Spielerinnen und sich das absolut verdient“, meint Marchl.
Zwar gingen die bisherigen Saisonduelle allesamt an Kapfenberg, doch ein Finalturnier birgt eigene Gesetze. „Man kann von zehn Spielen neun gewinnen und das letzte verlieren – das weiß man nie.“ Entsprechend liegt der Fokus auf dem eigenen Auftritt. Gewinnt Kapfenberg, wartet am Samstag das Finale, bei einer Niederlage geht es um Platz drei.
Der große Favorit bleibt St. Pölten
Sollte der Finaleinzug gelingen, gilt Titelverteidiger St. Pölten einmal mehr als wahrscheinlichster Gegner. Die Sabres reisen als frischgebackene EWHL‑Champions nach Graz und damit mit ordentlich Selbstvertrauen. „Die Sabres sind schon sehr stark“, räumt Marchl ein, rechnet aber auch diesmal mit engen Spielen.
Die Rollen sind klar verteilt, die Zielsetzung der Highlanders ebenso. „Für uns steht immer Gold an erster Stelle“, so die 29-Jährige. Die Erinnerung an das verlorene Finale im Vorjahr gegen St. Pölten wirkt dabei eher als zusätzlicher Antrieb. „Aufgeben tun wir einen Brief“, ergänzt sie mit einem Lächeln – wohl wissend, wie schwierig die Aufgabe ist.
Führung auf dem Eis – und daneben
Als Assistant Captain nimmt Marchl innerhalb der Mannschaft eine Schlüsselrolle ein. Sie versteht sich als Bindeglied: „Ich schaue, dass das Team zusammenhält, dass jede motiviert ist und dass alle zu mir kommen können, wenn sie Sorgen haben.“
Diese Verantwortung endet nicht nach 60 Minuten Spielzeit. Marchl ist seit 15 Jahren Teil der Highlanders und bringt viel Erfahrung in das Team ein. „Ich helfe einfach gerne – deshalb bin ich auch ein bisschen die Mama im Verein.“
Leistungssport ohne Profi-Alltag
Trotz professioneller Rahmenbedingungen bleibt Fraueneishockey in Österreich ein Spagat zwischen Leistungssport und Alltag. Die Highlanders trainieren fünfmal pro Woche, verfügen mittlerweile über eine eigene Kabine in Kapfenberg und werden von mehreren Seiten unterstützt. „Vom sportlichen Niveau her sind wir sehr professionell unterwegs“, sagt Marchl.
Finanziell sieht die Realität jedoch anders aus. Viele Vereine arbeiten mit einer Mischung aus einheimischen Spielerinnen und Imports, die teilweise unterstützt werden. „Ich bin seit 15 Jahren bei den Highlanders und kriege keinen Cent“, sagt Marchl offen. Neben dem Eishockey arbeitet sie als Lehrerin. Urlaubstage würden für Matches oder Sponsorentermine aufgebraucht – bezahlt werde der Aufwand nicht.
Equal Play Day: Sichtbarkeit bleibt punktuell
Dass Themen wie Sichtbarkeit zunehmend diskutiert werden, nimmt Marchl wahr, bleibt aber realistisch. „Am Equal Play Day sieht man Beiträge und Werbung, aber an den restlichen Tagen im Jahr sind Frauen im Sport kaum sichtbar.“ In den vergangenen zwei Jahren habe sich die Situation zwar etwas verbessert, ein echter Vergleich mit dem Männersport sei jedoch nicht möglich.
Ihr eigenes Empfinden habe sich auch verändert, weil sie zunehmend organisatorische Aufgaben übernimmt. „Wir teilen uns das im Team auf, weil es sonst niemand macht. Das ist fast wie ein zusätzlicher 40‑Stunden‑Job.“
Nachwuchsarbeit als Hoffnungsträger
Ein Bereich, in den die Highlanders bewusst Zeit investieren, ist der Nachwuchs. Der große Einzugsradius des Vereins – von Weiz über Wiener Neustadt bis ins Murtal – bedeutet zwar lange Wege, eröffnet aber neue Möglichkeiten. „Wir können viele junge Spielerinnen in unterschiedlichen Regionen ansprechen“, erklärt Marchl.
In Kapfenberg wurde deshalb ein gezieltes Nachwuchsprojekt gestartet. Regelmäßige gemeinsame Einheiten mit Mädchen aus der Region fanden großen Anklang. „Wir haben bereits 20 Anmeldungen von Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren“, berichtet Marchl. Ein eigenes Nachwuchsteam ist in Planung – getragen von der Überzeugung, dass die Zukunft des heimischen Fraueneishockeys früh beginnt.
Graz als Bühne – und als Auftrag
Wenn am Karsamstag der Meisterpokal vergeben wird, endet nicht nur ein Turnier, sondern ein Kapitel einer intensiven Saison. Graz wird für zwei Tage zur Bühne – für sportliche Höchstleistungen, für Emotionen und für Athletinnen, die längst mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Das Final‑4 ist damit Höhepunkt und Auftrag zugleich: die Geschichten des Fraueneishockeys weiterzuerzählen.
Beitragsbild: Lisa Marchl
