Die Red Bull DNA | Teil V – Vom Druck geformt
Das Scouting, die Infrastruktur, der Personalstab – all die Bereiche, in denen sich Red Bull Salzburg stetig am Puls der Zeit halten will, kosten Geld. Viel Geld. Für einen Spieler, der im Internat untergebracht ist, werden pro Saison etwa 70.000 Euro einkalkuliert. Das Salzburger Budget wird vor allem von nationalen Konkurrenten nicht selten als schier unerschöpflich eingeschätzt. Klar ist dennoch: Jeder Euro soll bestmöglich eingesetzt werden. Spätestens seit dem Eintreffen Ralf Rangnicks 2012 gilt: Mit den vorhandenen Ressourcen den maximalen Erfolg erzielen. Was macht dieses Credo mit den Spielern?
Das oberste Prinzip
„Die Selektion ist das oberste Prinzip der Leistungsentwicklung. Oft ist es für Spieler zu leicht in die nächsthöhere Leistungsstufe vorzurücken. Das Niveau in Salzburg steigert die Leistungsoptimierung“, sagt Ex-ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner (Bild). „Leistungsoptimierung“, ein Begriff, der unweigerlich die Frage nach dem Druck, den die Spieler verspüren, nahelegt. Ob der Leistungsdruck in der Salzburger Akademie höher ist, als anderswo?
„Druck hat jeder Spieler“, sagt Berater Max Hagmayr. „Bei Salzburg ist er aber schon höher, vor allem dann bei Liefering, wenn Spieler zum Beispiel aus Afrika dazukommen.“ Das globale Netzwerk Red Bulls dient nicht nur dazu, Talente nach Europa zu holen. Sondern auch, um den Konkurrenzkampf mit den schon vorhandenen österreichischen Talenten und jenen aus dem EU-Raum zu intensivieren.
„Je weiter nach oben, umso härter“, sagt Ernst Tanner. Die Verpflichtung internationaler Talente ab 18 Jahren diene „zur Qualitätssicherung. Du brauchst immer neue Anreize, damit kein Ausruhen entsteht. Der Konkurrenzkampf ist förderlich.“ Eine Einstellung, die Frank Kramer fortführt. Der interne Verdrängungswettbewerb sei „ein Ausbildungsschwerpunkt. Sich durchsetzen zu müssen, mental robust genug und strukturiert sowie fokussiert zu sein sind genau wie die fußballerischen und athletischen Voraussetzungen essentiell“, erklärt der Nachwuchschef.
Ein Weg, auf dem viele zumindest fußballerisch auf der Strecke bleiben: „In meinen fast fünf Jahren dort wurden im Lauf der Zeit fast alle meiner Mannschaftskollegen ausgetauscht. Am Ende waren noch drei Spieler da, die auch schon am Anfang mit mir im Team waren“, erinnert sich Ex-Akademie-Spieler Florian Schindl.
Die Kommunikation des Vereins über den Konkurrenzkampf sei aber „von Anfang an offen und ehrlich“ gewesen, betont der jetzige Regionalligaspieler. Bundesliga-Kicker Nicolas Meister zeigt sich froh, immer gewusst zu haben, was er verbessern könne. „Ich habe keinen Druck verspürt, keine Fehler machen zu dürfen“, sagt er. „Ich sehe das positiv, weil es so die bestmögliche Entwicklung gibt.“
Gerhard Struber (oben im Bild mit Meister) kennt das Thema Leistungsdruck aus zwei Perspektiven: Vor seiner Zeit in England und im Lavanttal als Red-Bull-Trainer, momentan als Vater. Sein Sohn spielt in der U11 von Salzburg. „Wenn mein Bub dort trainiert und mit lachendem Gesicht zurückkommt, ist das Aussage genug. Alle Jungen wissen, dass sie, wenn sie sich nicht anstrengen, nächstes Jahr vielleicht nicht mehr dort sind. Aber dann kann man sagen, dass man dort eine coole Zeit gehabt hat. Natürlich gibt es Enttäuschungen, das ist nicht leicht für die Kinder. Aber man muss wissen: Man profitiert, sobald man dort ist.“ Struber ortet entscheidende Punkte in der offenen Kommunikation und im Umfeld der Talente: „Man muss jeden Einzelnen mitnehmen, aber auch ehrlich sein, wenn es voraussichtlich nicht reicht. Was ich schon erlebt habe, wie Eltern manchmal Druck auf ihre Kinder ausüben – das ist schon sehr befremdlich.“
Tempo ist geboten
Die Eltern-Perspektive kennt auch Robert Tschaut, Sportdirektor des Salzburger Fußballverbandes. Auch sein Sohn war im Salzburger Nachwuchs: „Wenn du aufgenommen bist, entsteht Druck. Es gibt jedes halbe Jahr bzw. Jahr eine Auslese. Vom Verein her begleiten sie das gut, es wird offen und viel mit den Kindern und deren Eltern geredet. Aber ich habe es bei meinem Sohn gemerkt: 8-, 9-, 10-Jährige machen sich untereinander den Druck, dabei bleiben zu wollen. Ich habe mir bei ihm schwer getan, diese Anspannung rauszubekommen. Die kindliche Unbeschwertheit ist jedenfalls weit weg. Wir reden vom Spitzenbereich, es geht schon in der Kindheit viel um Verzicht und Fokus.“
Der Selektionsgedanke gilt zwar auch in anderen Akademien. Die Geschwindigkeit scheint jedoch unterschiedlich zu sein.„Wenn wir ein Talent in die Akademie holen, gibt es bei uns in den ersten zwei Jahren keine sportliche Selektion. Da geht es auch um Planbarkeit für die Eltern und das Ausbildungssystem“, beschreibt Ralf Muhr die Herangehensweise der Wiener Austria. Ein ähnlicher Ansatz bei Rapid: „Jeder will der Beste werden und weiter nach oben kommen. Wir geben den Jungs aber schon Zeit, wenn es mal eine Phase gibt, wo es ihnen nicht so gut geht. Wir versuchen unsere Spieler lange bei uns zu halten und nach oben zu bringen“, sagt Talentemanager Steffen Hofmann.
Die Herangehensweise in Salzburg-Liefering basiert auf schneller Entwicklung. „Bei Red Bull haben Spieler wenig Zeit. Man muss in kurzer Zeit liefern. Man muss Tempo in die Abläufe bringen. So kommt man schnell drauf, ob es reicht. Das ist positiv für alle Beteiligten. Es muss aber auch bis zu den Eltern und Beratern allen klar sein: Das kostet sehr viel Energie“, legt Gerhard Struber dar. Max Hagmayr relativiert das Zeit-Argument: „Zeit hat man nirgends mehr. Ausgesiebt wird in der U18, vor dem Sprung zu Liefering. Davor ist es auch nicht so arg, weil sie sich davor ja schon genau überlegen, wen sie überhaupt holen.“ Hart aber fair, das präzise Scouting auch als Prävention für früh gescheiterte Karrieren – eine Beschreibung, die zu diesem Thema nicht selten ausgesprochen wird. Klar ist auch: Man will möglichst rasch die Top-Spieler von morgen herausfiltern.
Eine Frage der Persönlichkeit
Auf die Frage, was ein Nachwuchsspieler benötigt, um für Red Bull Salzburg interessant zu werden, wird neben athletischen Gesichtspunkten immer wieder der Faktor „Persönlichkeit“ genannt. Was bedeutet das konkret? „Man muss immer alles geben, ein professionelles Auftreten haben. Man darf kein Sturkopf sein, die Mannschaft ist wichtiger als das Ego. Man muss auf die Ernährung achten und auf den Trainer hören. Und natürlich Leistung bringen.“ So beschreibt Youth-League-Sieger Nicolas Meister die Anforderungen. Weiter: „Es wird extrem auf die Philosophie geachtet. Wer die nicht verinnerlicht, hat keine Chance.“
Wie in Bewerbungsgesprächen wird die Einstellung der Spieler vor einer möglichen Verpflichtung überprüft. „Sie scouten extrem nach Persönlichkeit, holen auch bewusst Führungsspieler, die andere mitziehen können“, erzählt ein Nachwuchstrainer einer konkurrierenden Akademie. Die Mischung aus dem, was aktuell viele Trainer als „Mentalität“ bezeichnen und den körperlichen Grundlagen scheinen an oberster Stelle der Spielerauswahl zu stehen – und bei der Frage, wer auch in der Folgesaison zum Red Bull-Kader gehört.
„Jede Trainingseinheit, schon im Nachwuchs, wird aufgenommen und ausgewertet.“
„Ein sehr wichtiger Parameter ist ab 12 Jahren die Sprintfähigkeit. Es gibt positionsspezifische Werte, die du erreichen sollst, also gewisse Mindestwerte“, weiß Robert Tschaut. Die logische Folge: Je mehr Spieler mit guten Werten, desto mehr Konkurrenz für den Einzelnen. Wer einen Sprint nicht mit vollem Einsatz durchzieht, fällt auf. Austria-Wien-Urgestein Ralf Muhr zieht den Vergleich: „In der Breite sind die Kader von Salzburg großzügiger als bei allen anderen. Mehr Qualität in der Breite bedeutet auch mehr Druck für den Einzelnen. (…) Es ist ein brutaler Kampf. Aber wenn du dich durch diese Mühlen durchgekämpft hast und es über die Schnittstelle Liefering zur ersten Mannschaft geschafft hast, stehen dir Tür und Tor offen.“
Nicht erst einmal haben Sportstars die Metapher des Edelsteines verwendet, der nur unter größtem Druck entstehen konnte. Führt mehr Druck automatisch zu den wertvollsten Diamanten? „Wenn du nicht funktionierst, bist du nicht für den Fußball gemacht. Wenn einer nicht schnell genug ist, wenn das Körperliche nicht passt, dann reicht es nicht. Mit dem Druck kann nicht jeder umgehen, es hat aber auch jeder selbst in der Hand“, sagt Florian Schindl. Persönlichkeit ersetzt nicht das körperliche Rüstzeug. Aber es braucht die geforderte Mentalität, um es bestmöglich einzusetzen.
Gewinnen als Teil der Entwicklung
Der vielzitierte Druck gilt nicht nur der Entwicklung des Einzelnen, sondern auch den Mannschaften in der Red-Bull-Akademie. Was die einen in der Nachbetrachtung als „Druck alles gewinnen zu müssen“ empfinden, beschreiben die anderen als „Erfolgshunger“. Von den vergangenen 21 Titeln in den drei Altersklassen der ÖFB-Jugendligen seit der Saison 2012/13 (bis 2018/19) sind 15 nach Salzburg gewandert. In den vergangenen fünf Jahren 13 von 15, in den vergangenen drei Jahren acht von neun. Der Eindruck, dass Salzburgs Dominanz und Einfluss noch stärker geworden sind, täuscht nicht.
Lernen zu siegen ist in der Ausbildung inbegriffen: „Ab dem 1. Moment steht Red Bull Salzburg gleichzeitig für Entwicklung, aber auch für Ergebnisse. Viele Trainer verstecken sich hinter Ergebnissen um der Messbarkeit zu entgehen. Bei Red Bull Salzburg müssen Spieler früh liefern, Meisterschaften gewinnen! Man will die Jungen darauf vorbereiten, sonst holst du das bis zur Bundesliga nicht auf“, sagt Gerhard Struber. Während es in der U15 und U16 eine rein sportliche Niederlage wäre, die Meisterschaft nicht zu gewinnen, wäre ein titelloses Jahr in der U18 auch auf anderer Ebene problematisch: Der Meister qualifiziert sich für die UEFA Youth League (und Mannschaften von Klubs, aus denen das Profiteam auch in der Champions-League-Gruppenphase vertreten ist – dass das aber nicht planbar ist, hat sich in vergangenen Jahren gezeigt). In der U19-Champions League mitzuspielen, gehört als ehemaliger Titelträger zum Salzburger Selbstverständnis.
„Der Wille zum positiven Ergebnis ist essentieller Teil der Entwicklung“
Dass jede Fußballmannschaft immer gewinnen will, liegt in der Natur des Sports. „Sobald ein 5-Jähriger im Garten kickt, will er gewinnen“, weiß Rapids Steffen Hofmann. In der Nachwuchsausbildung scheint es aber schon feine Unterschiede in der Prioritätenliste zu geben. „Vielleicht muss man auch einmal Entscheidungen treffen ein Spiel nicht zu gewinnen, um so die individuelle Entwicklung eines Spielers voranzutreiben. Zum Beispiel, wenn der beste U16-Spieler bei der U18 spielt – sofern es für seine Entwicklung besser ist. Ich bin überzeugt, dass wir da auf einem guten Weg sind“, sagt der Rapid-Talentemanager.
Rapid hat seit Beginn der Salzburger Dominanz in den ÖFB-Jugendligen immerhin drei Meistertitel geholt, die meisten aller anderen Teams. Red Bull Salzburgs Anspruch zu gewinnen liegt nicht einzig in der Natur der Sache, sondern wird auch als Ausbildungsinhalt betrachtet. Gerhard Struber erklärt: „Ergebnisse sind nie hinderlich. Der Wille zum positiven Ergebnis ist essentieller Teil der Entwicklung. Auch bei einem Sieg muss man sich fragen, was man besser machen hätte können. Salzburg bildet nicht für den Breiten-, sondern den Spitzensport aus.“
Der Wille zum positiven Ergebnis als essentieller Teil der Entwicklung. Die einen lernen, immer gewinnen zu wollen. Andere, mit Niederlagen umzugehen.
Um nichts zu kümmern
Der Profifußball hat begrenzte Kapazitäten, nicht jeder kann es zum gutbezahlten Kicker bringen. Die schulische Ausbildung sichert Nachwuchstalente ab, vielerorts gibt es Kooperationen, sodass Unterrichts- und Trainingszeiten aufeinander abgestimmt sind. „Eltern und Spielern wird mehrmals im Jahr vor Augen gehalten, wie wenige einmal vom Fußball leben können. Gebetsmühlenartig wird erklärt, wie wichtig die schulische Ausbildung ist und wie wenige den professionellen Weg gehen können. Auch Probleme in der Schule werden angesprochen. Bei mir ist es mehrmals vorgekommen, dass ich Spieler nicht in den Kader fürs Wochenende genommen habe, wenn schulische Themen da waren“, erinnert sich Gerhard Stuber an seine Zeit am Saalachspitz.
Red Bull Salzburg hat auf Oberstufenebene Kooperationen mit verschiedenen Ausbildungseinrichtungen. Die meisten Nachwuchsspieler besuchen das Christian-Doppler-Gymnasium in Lehen. Hier gibt es mittlerweile auch eine Unterstufen-Kooperation für die jüngeren Spieler, ebenso mit zwei weiteren Neuen Mittelschulen. Mit Kleinbussen werden die Spieler von der Akademie in Liefering zu den jeweiligen Schulen gebracht und wieder abgeholt. Die Stundenpläne sind so gestaltet, dass sie keiner Trainingseinheit im Weg stehen – im Akademiealltag unter anderem zwei Mal wöchentlich am Vormittag. Ein eng getaktetes Programm: „Der Tagesplan steht, daran gibt es nichts zu rütteln. Am Montag beginnt die Arbeit um am Samstag in der Startelf zu stehen“, so Florian Schindl. Er sagt, er habe sich in der Schule schwergetan. Die angebotenen Nachhilfeeinheiten in der Akademie habe er sehr geschätzt.
Schindl ist bereits im Alter von 12 Jahren aus dem Waldviertel nach Salzburg gewechselt, fast drei Stunden Fahrzeit liegen dazwischen. Die Akademie samt Internat wurde erst im Herbst 2014 eröffnet. Davor waren die externen Spieler im Kolpinghaus, einem Jugendwohnheim, untergebracht. „Xaver Schlager, Konny Laimer, Sandro Ingolitsch, die waren auch alle dort“, erinnert sich Schindl. Dann der Sprung über die Salzach, vom Stadtteil Itzling nach Liefering. Seit 2014 wohnen die Spieler in der Akademie. Bis zur U16 in Doppelzimmern, ab der U18 in Einzelzimmern, ab dem ersten Zweitliga-Vertrag beim FC Liefering in einer eigenen Wohnung. Dafür hat Red Bull Salzburg in der Nähe der Akademie sogar ein eigenes Wohnhaus errichtet. „Wer dann einen Vertrag im Bundesligakader bekommt, der sucht sich sowieso was anderes“, berichtet Nicolas Meister. Die Regeln sind klar: Wer in seiner Freizeit das Akademiegelände verlässt, muss sich beim Erzieher abmelden. Meister, der mit 15 Jahren nach Salzburg gekommen ist, erzählt: „Um 10 Uhr am Abend hat man wieder da sein müssen. Mit der Zeit darf man auch einmal auswärts schlafen. Aber nur, wenn alles für die Schule erledigt war!“
Florian Schindl hatte zu Beginn andere Sorgen. Mit acht Jahren war ein Wechsel von seinem Heimatverein zu Rapid Thema – aus familiären Gründen hat sich das zerschlagen. Einige Jahre später habe er sich mit seinem Vater einige Akademien in ganz Österreich angesehen. „Salzburg war ganz oben auf der Wunschliste. Sie haben mich zum Training eingeladen, dann zu einem Testspiel und dann wollten sie mich verpflichten. Ich war aber erst 12, das wollten sie verantworten können – einen 12-Jährigen aus Niederösterreich zu holen. Ich habe Verwandtschaft in Salzburg, da habe ich am Anfang teilweise gewohnt. Meine Eltern haben sich die Wochen aufgeteilt. Von Sonntag bis Dienstag war mein Papa da, dann war ich einen Tag bei meiner Tante in Salzburg und von Freitag auf Samstag ist meine Mama angereist. Danach habe ich eine Nacht in Niederösterreich verbracht bevor wir wieder nach Salzburg gefahren sind. Woche für Woche. Es war schon eine brutale Zeit. Meine Eltern hatten ja noch meinen Bruder und haben auch Haus gebaut.
Im Nachhinein wird mir der Aufwand erst bewusst. Ich kriege Gänsehaut, wenn ich darüber rede.
…was die alles auf sich genommen haben.“ Als Florian Schindl seine Geschichte erzählt, wirkt es, als würde er zum ersten Mal aus dieser Perspektive darüber sprechen. Auf dem Weg zum Profifußballer werden Verzicht und grenzenlose Hingabe oft zur Selbstverständlichkeit. Ist es das wert?
Tag X
„Die Jungs sind gefordert und müssen verzichten, aber sie profitieren auch fürs Leben und haben eine schöne Zeit“, sagt Gerhard Struber über die Ausbildung in der Salzburger Akademie. Aber: „Man muss sich klar sein damit umgehen zu müssen, wenn Tag X kommt.“ „Tag X“, eine Formulierung, die Trainer und Spieler gleichermaßen verwenden. Dieser Tag X – er ist im Bewusstsein aller Beteiligten. Für Robert Tschaut stellt sich die Frage, wie Spieler damit umgehen, „wenn sie rausfallen und quasi das „L“ für Loser auf der Stirn haben“. Dann brauche es „wirklich ein starkes Umfeld“. Wie geht es weiter, wenn der Akademie-interne Weg zu Ende ist?
Nicolas Meister erzählt: „Mit Christoph Freund war ein ständiger Austausch da. Er hat sich extrem gekümmert, dass alle wo unterkommen, den Sprung in die Bundesliga oder 2. Liga schaffen. Das hat enorm geholfen.“ Meister ist zunächst zu den Juniors OÖ gewechselt und von dort momentan an den SKN St. Pölten in die Bundesliga verliehen.
Nicht alle Spieler landen aber im Profibereich, auch nicht Florian Schindl. „Der Tag X hat sich bei mir über einen längeren Zeitraum angebahnt. Ich war in der U18, Marco Rose mein Trainer. Ich hatte über Monate hinweg eine Schambeinentzündung. Ich habe wieder mit dem Training begonnen, habe gut trainiert, mir wurde nichts vorgeworfen. Marco Rose hat mir gesagt, dass er mir keine Garantie auf Einsätze geben kann. Ich hätte damals vom Winter bis zum Sommer auf der Bank sitzen können oder wäre gar nicht im Kader gewesen. Ich habe bei Wals-Grünau (Regionalliga; Anm.) Probetrainings absolviert und bin noch vor dem Frühjahr dorthin gewechselt. Bis zum Sommer habe ich noch in der Akademie gewohnt. Marco Rose hat sogar bei einem Spiel von uns in Grünau zugeschaut. Der Verein ist sehr bemüht Folgestationen für Spieler zu finden, für die es in der AKA nicht weitergeht. Es wird keiner fallengelassen“, schätzt es Schindl im Nachhinein, wie mit ihm umgegangen wurde.
Was bleibt
Florian Schindl absolviert momentan seinen Zivildienst. Zuerst in einem Kindergarten, jetzt im Altersheim. Ab kommendem Herbst wird er Deutsch und Sport auf Lehramt studieren. Was den Fußball betrifft, haben sich seine Prioritäten verschoben. Es gehe nicht mehr darum, unbedingt Profi zu werden: „Wenn man in der Regionalliga spielt und einen guten Job hat, kommt man finanziell aufs Gleiche, wie wenn man in der 2. Liga spielt. Nur ein Sprung in die Bundesliga würde sich grundsätzlich rentieren“, erklärt der 20-Jährige.
U21-Teamspieler Nicolas Meister befindet sich in einer anderen Position. „Vom Salzburger Nachwuchs profitiert der gesamte österreichische Fußball“, sagt er. „Viele kommen in die Bundesliga. Liefering ist ein riesiges Sprungbrett. Wer es dort nicht in den BL-Kader schafft, kann danach trotzdem Profifußball spielen. Auch bei uns in St. Pölten sind ja einige Ex-Lieferinger“, argumentiert er. Tatsächlich stehen im SKN-Kader der Saison 2019/20 sogar sieben ehemalige Liefering-Spieler. Meister ist einer jener, bei denen sich erst zeigen wird, wo der fußballerische Zenit der Karriere liegen wird. Definitiv ist er aber auch einer, der bereits vom Fußball leben kann.
Florian Schindl (Foto: Im Duell mit Dominik Szoboszlai) kann das nicht, zumindest nicht hauptberuflich. Würde er die Entscheidung wieder so treffen, mit 12 Jahren weit weg von zuhause in eine Akademie zu wechseln? Mit dem Wissen, am Ende kein Profi geworden zu sein? „Auf jeden Fall“, sagt er. „Ich sehe es von zwei Seiten: Einerseits denkt man an die schönen Erlebnisse, Geschichten, an die Leute, die ich kennengelernt habe und die professionelle Arbeit. Andererseits gibt man schon viel dafür auf, wenn es um Freunde und die Familie geht. Das Familiäre leidet – ich spüre heute noch, dass da ein Knacks war.“
Florian Schindl und Nicolas Meister: Zwei Spieler, deren Wege ähnlich begonnen haben, aber in unterschiedliche Richtungen verlaufen sind – zumindest bis jetzt. Es sind Erzählungen, die sowohl die Licht-, als auch die Schattenseiten des harten Weges zum Fußballprofi zeigen, unabhängig des Vereins. Es gibt viele, die wollen und nur wenige, die es schaffen. Die „Red-Bull-DNA“ ermöglicht vieles, der Youth-League-Sieg 2017 ist ein außergewöhnliches Beispiel.
Ralf Rangnick sagte im Sommer 2019 in Leipzig: „In bestimmten Bereichen ist Erfolg planbar, in anderen nur bedingt. (…) Es ist schwer, eine Meisterschaft oder einen Turniersieg zu planen. Auf der anderen Seite ist die Entwicklung von Spielern, Trainern und das Schaffen einer erfolgversprechenden Struktur sehr wohl planbar.“ Über allem und allen die Idee.
Text: Gerhard Krabath & David Eder
Fotos: GEPA / Bildbearbeitung: Sky


