Ein Klub, eine Stadt, ein Traum – die Go Ahead Eagles im Portrait
Die Go Ahead Eagles sorgen derzeit in der UEFA Europa League für Aufsehen. Nach dem überraschenden 2:1-Heimsieg gegen Aston Villa träumen die Fans des niederländischen Traditionsvereins vom nächsten Coup heute Abend gegen Red Bull Salzburg (ab 18 Uhr live auf Sky Sport Austria 2 – mit Sky Stream das Spiel live streamen). Für die 100.000 Einwohner:innen von Deventer ist der Klub jedoch weit mehr als nur ein Fussballverein.
Gegründet wurde der Verein 1902 unter dem Namen „Be Quick“ zu einer Zeit, in der viele niederländische Klubs englische Namen trugen. Weil es allerdings bereits einen gleichnamigen Verein in Groningen gab, musste schnell ein neuer Name gefunden werden. 1904 fiel die Wahl auf „Go Ahead“, also „Vorwärts“. 1971 folgte die bisher letzte Namensänderung. Der damalige englische Trainer Barry Hughes schlug vor, den Klub in Go Ahead Eagles umzubenennen, als Hommage an das Wappentier der Stadt, den Adler. Seither spielen die Go Ahead Eagles im Stadion De Adelaarshorst.
Zwischen Höhen und Tiefen
Sportlich gesehen war der Weg der Go Ahead Eagles selten gradlinig. Zwischen 1916 und 1933 gewann der Klub viermal die niederländische Meisterschaft. Danach folgten Jahrzehnte mit zahlreichen Abstiegen und Wiederaufstiegen. Zuletzt gelang in der Saison 2020/21 der erneute Aufstieg in die Eredivisie, wo sich der Klub seither hält.
Doch die Go Ahead Eagles sind weit mehr als nur ein Fußballverein, sie sind auch ein zentraler Bestandteil der lokalen Identität. Der Schriftsteller und Moderator Özcan Akyol, einer der bekanntesten Söhne der Stadt und bekennender Go Ahead Eagles-Fan, beschreibt es so: „Das Stadion liegt im Herzen der Stadt, im Herzen eines Arbeiterviertels. Die Menschen arbeiten von Montag bis Freitag, um am Wochenende ans Spiel der Go Ahead Eagles zu gehen“, sagt er gegenüber Sky Sport Austria.
Akyol hat in den vergangenen Jahren mehrere Dokumentarfilme über seinen Herzensklub produziert, unter anderem in der Reihe „Home of Eus“, in der er die Geschichte, die Fans und die besondere Kultur der Go Ahead Eagles einfängt.
Und diese Leidenschaft beginnt bereits früh. „Viele Babys werden beim Go Ahead Eagles Kids Club angemeldet, noch bevor sie bei der Gemeinde registriert sind“, erzählt Akyol.
Erster Titel seit 92 Jahren
„Deventer ist eine eher arme Arbeiterstadt. Traditionell ist es keine Stadt, in der viel gewonnen wird“, beschreibt Akyol seine Heimatstadt. Doch im April änderte sich das schlagartig. Im Endspiel in Rotterdam krönten sich die Go Ahead Eagles erstmals in ihrer über 120-jährigen Geschichte zum niederländischen Pokalsieger – dem ersten Titel seit 92 Jahren. Im dramatischen Finale gegen AZ Alkmaar setzten sich die Go Ahead Eagles im Elfmeterschießen durch.
„Es war ein Pokalsieg des Unglaubens. Die Menschen waren euphorisch, ekstatisch, aber vor allem ungläubig: Wie ist das möglich?, fragten sich viele“, fasst Akyol den Abend zusammen. Mit dem Pokalsieg qualifizierten sich die Go Ahead Eagles erstmals in ihrer Geschichte für die Europa League.
Trainer Paul Simonis, der den Klub zu diesem historischen Erfolg geführt hatte, wechselte im Sommer in die deutsche Bundesliga zum VfL Wolfsburg. Sein Nachfolger wurde der Niederländer Melvin Boel, der zuvor beim FC Dordrecht tätig war.
Das Märchen geht weiter
In der Eredivisie läuft es aktuell etwas durchwachsen. Die Mannschaft aus Deventer belegt aktuell den elften Platz in der Liga. Aus den letzten fünf Spielen konnte nur eines gewonnen werden. Doch auf europäischer Bühne darf weiter geträumt werden. Nach dem sensationellen 2:1 gegen Aston Villa stehen die Go Ahead Eagles nun bei sechs Punkten.
HIGHLIGHTS | Go Ahead Eagles – Aston Villa | 3. Spieltag
Die «Rockstars» von Deventer
Trotz der Euphorie bleibt in Deventer Demut angesagt. Viele Fans befinden sich laut Akyol in einer Art Identitätskrise. „Es ist, als würdest du 40 Jahre ein durchschnittliches Leben führen und wärst plötzlich ein internationaler Rockstar“, sagt er.
Jüngere Fans sehen das ganz anders. „Sie kennen die schwierigen Zeiten gar nicht und glauben, der Klub werde jedes Jahr besser. Sie sagen: Red Bull Salzburg? Her damit!“, sagt Akyol.
Özcan Akyol selbst zählt sich zur ersten, bodenständigeren Generation. „Ich rechne mit nichts, aber natürlich hoffe ich, dass wir gewinnen“, sagt er.
Tiefe Erwartungen – Große Träume
Auch im Klub gibt man sich bescheiden. „Unser Hauptziel ist es, in der Eredivisie zu bleiben und in der Europa League so viele Punkte wie möglich zu holen – jeder Punkt ist ein Bonus“, sagt Wesley de Bree, Pressesprecher der Go Ahead Eagles, gegenüber Sky Sport Austria.
Sechs Punkte haben die Go Ahead Eagles bereits durch Siege gegen Panathinaikos und Aston Villa gesammelt. Und dass heute Abend weitere hinzukommen, ist keineswegs unrealistisch. Red Bull Salzburg hat bislang alle Spiele in der Europa League verloren und liegt mit null Punkten auf dem drittletzten Tabellenplatz.
Für die Adler aus Deventer bleibt das Träumen also erlaubt und vielleicht schreibt der kleine niederländische Klub bald das nächste Kapitel seines europäischen Märchens.
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