Erfahrung oder Heimvorteil als Trumpf? Das spricht für Italien & England

via Sky Sport Austria

Im EM-Finale zwischen Italien und England gibt es keinen klaren Favoriten. Was spricht für die “Squadra Azzurra” und warum holen die “Three Lions” den lang ersehnten Titel?

MEHR ERFAHRUNG, WENIGER DRUCK! ITALIEN WIRD EUROPAMEISTER

Wembley Stadion, Flutlicht, 60.000 fußballverrückte und erfolgshungrige Fans auf den Tribünen – die Rahmenbedingungen beim Finale der EURO 2020 sprechen auf den ersten Blick für das “Heimteam” England. Allerdings auch NUR auf den ersten Blick! Denn es gibt zahlreiche Gründe, warum Italien Europameister wird und in dieser Statistik dann mit zwei Titeln mit Frankreich gleichzieht!

Das Konstrukt “Italienische Nationalmannschaft”

Italien ist eine organisch gewachsene Mannschaft. Seit 2018 entwickelt Nationaltrainer Roberto Mancini das Team – mit dem Ziel: Europameister 2021. Die Betonung liegt dabei auf dem Wort Team. Die Italiener verkörpern den Zusammenhalt wie kaum eine andere Mannschaft. Jeder rennt und grätscht für den anderen, macht Fehler wett und baut seinen Nebenmann nach selbigen auf. Dies hat dazu geführt, dass Italien mittlerweile seit 33(!) Partien ungeschlagen ist.

Chiellini: ”Brauchen heißes Herz und kühlen Kopf”

Der Fußball der italienischen Mannschaft ist reine Emotion, die bereits beim Schmettern der Nationalhymne beginnt. Und diese Emotion tragen die Spieler über die gesamte Spielzeit über den Platz – wenn nötig auch 120 Minuten. Doch die Italiener sehen den Wettbewerb auch nicht zu verbissen. Klar will jeder Spieler im Kader erfolgreich sein, doch das Flachsen Giorgio Chiellinis vor dem Elfmeterschießen gegen Spanien mit Jordi Alba zeigt, dass Italien auch die nötige Lockerheit mitbringt. Der emotionale und mentale Mix passt somit und gibt auch im Finale den Ausschlag geben pro Italien.

Die Erfahrung

Ebenfalls ein großer Faktor im Finale wird die Erfahrung sein – und auch die spricht für Italien. Mit Chiellini und Leonardo Bonucci bilden zwei absolute Routiniers den Fixpunkt in der italienischen Defensive. Die beiden haben im Fußball gefühlt schon alles erlebt, was man erleben kann – und das meist mit Erfolg. Den Hunger auf weitere Triumphe haben sie aber dennoch nicht verloren. Ex-Italien-Coach Antonio Conte formulierte es wie folgt: “Selbst nach tausend Schlachten riechen sie immer noch Blut.”

Conte weiter: Italien wisse, “was es heißt, ein Finale zu spielen. Und wie man es gewinnt.”

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Italiens Bilanz gegen England

Die Historie spricht klar für Italien. Acht Mal trafen sich die beiden Nationen bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft, sechs Mal hieß der Sieger Italien. Komplettiert wird die Statistik mit einem Remis und einem Erfolg der Engländer, der allerdings schon weit zurückliegt (1977).

Die Bilanz in K.o.-Duellen spricht sogar noch deutlicher für Italien – zwei Spiele, zwei Siege.

Der Weg ins Finale

Während sich England gegen Deutschland, die Ukraine und Dänemark ins Finale spielte und teilweise auch mogelte, musste Italien den deutlich härteren Weg gehen. Nach dem Achtelfinalerfolg gegen Österreich warteten mit Belgien und Spanien zwei echte Schwergewichte und Mitkonkurrenten auf den Titel.

Damit haben die Italiener bereits ihre Titelreife unter Beweis gestellt. England hingegen musste mit deutlich weniger Gegenwehr zurechtkommen. Dies wird sich im Finale jedoch ändern. Das offensive Spiel Italiens mit dem frühen Pressing wird die Three Lions vor neue Aufgaben stellen, denen sie nicht gewachsen sein werden.

Die Genialität und Schnelligkeit eines Federico Chiesa und Lorenzo Insigne werden sich gegen die (noch) beste Verteidigung des Turniers durchsetzen. Und auf der anderen Seite finden Harry Kane und Raheem Sterling keinen Weg vorbei an den Abwehrrecken Chiellini und Bonucci, die jederzeit Hilfe von den beiden Kettenhunden Marco Verratti und Jorginho erhalten.

Italien mit weniger Druck als England

England wird aber nicht nur an der Qualität der Italiener scheitern, sondern auch an den eigenen Erwartungen und Ansprüchen. Ein ganzes Land, die Medien und vor allem die 60.000 Zuschauer im Stadion erwarten nichts weniger als den EM-Titel. Und diesem Druck wird England nicht gewachsen sein.

Italien kann dagegen befreiter aufspielen – ganz nach dem Motto: England MUSS und Italien KANN. Und genau das wird auch den Ausschlag für einen Sieg der Squadra Azzurra geben.

HEIMVORTEIL UND BESSERER KADER! ENGLAND HOLT DEN POKAL

Die Chance ist historisch für Harry Kane und Co.: 1966 holte England mit dem WM-Triumph seinen letzten großen Titel im alten Wembley-Stadion, 55 Jahre später kann sich nun der Kreis ausgerechnet im neuen Wembley schließen. Sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen und das gesamte Königreich in Ekstase zu versetzen, dürfte Ansporn genug sein. Der Pokal soll endlich “nach Hause” kommen.

Das Team um Trainer Gareth Southgate hat mit dem Final-Einzug bereits jetzt eine grenzenlose Euphorie ausgelöst, die im gesamten Land zu spüren ist. “Ich habe das Wembley noch nie so erlebt”, sagte ein von den Jubel-Arien überwältigter Southgate nach dem Halbfinal-Sieg gegen Dänemark.

Heimvorteil wird nicht zur Last

Der Heimvorteil im Finale gegen die leicht favorisierten Italiener wird ein großer Faustpfand für die “Three Lions” sein, da die “Squadra Azzurra” erstmals die ohrenbetäubende Atmosphäre der 60.000 frenetischen englischen Fans zu spüren bekommen wird. Natürlich kann die immense Erwartungshaltung und das gut gefüllte Wembley-Stadion – ein Umstand, der trotz der Bedeutung des Spiels und der Sehnsucht nach einer Rückkehr zum “normalen Leben” ohne Wenn und Aber kritisch betrachtet werden muss – auch zur Last für den Gastgeber werden.

Allerdings hat das Southgate-Team das gesamte Turnier bereits gezeigt, dass sie mit diesem Druck umgehen können. Vor allem im brisanten Achtelfinale gegen Deutschland und gegen Dänemark nach Rückstand haben sie das eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Doch was spricht aus sportlicher Sicht für England? Nun, die alte Weisheit “Defense wins Championships” kommt zum Tragen.

Italien kann Spinazzola-Ausfall nicht kompensieren

Mit nur einem einzigen Gegentor stellen sie die beste Abwehr des Turniers. Die Viererkette, die zumeist die Manchester-Spieler Kyle Walker und John Stones (beide City) sowie Harry Maguire und Luke Shaw (beide United) stellen, ist kaum zu überwinden. Zwar überzeugen auch die Italiener mit ihren Defensivkünsten (drei Gegentore), doch der Ausfall des überragenden Linksverteidigers Leonardo Spinazzola (Achillessehnenriss) wiegt zu schwer und ist auch durch Emerson nicht zu kompensieren.

Dazu verfügt England auch in der Offensive über enorme Qualitäten. Raheem Sterling, der sich berechtige Hoffnungen auf die Auszeichnung zum “Spieler des Turniers” machen darf, befindet sich in einer herausragenden Verfassung und dürfte auch den italienischen Abwehrrecken Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini den einen oder anderen Knoten in die Beine spielen.

England in der Breite besser besetzt

Sollte dem City-Star das wider Erwarten nicht gelingen, verfügt Southgate noch über genügend hochwertige Optionen auf der Bank. Ob Jadon Sancho, Jack Grealish, Marcus Rashford oder Phil Foden (Einsatz fraglich) – der englische Kader ist fast auf jeder Position gleichwertig besetzt und in der Breite qualitativ besser als das italienische Aufgebot.

Und dann wäre da noch Top-Stürmer Harry Kane, der pünktlich zur K.o.-Phase seinen Torinstinkt wiedergefunden hat und nebenbei auch als Spielgestalter großartig performt. Es sind genügend Gründe, warum der Pokal am Sonntagabend “nach Hause” kommt.

(skysport.de // Udo Hutflötz & Robin Schmidt)

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