„Es war filmreif“: Hütter nach Abfahrts-Coup im siebten Himmel
Glückselig ist Cornelia Hütter mit der ersehnten Kristallkugel im Schnee von Saalbach-Hinterglemm gesessen. Nach den ersten Feierlichkeiten und dem Empfang ihrer ersten Weltcup-Kugel versuchte die beste Abfahrerin der Saison ihren größten Erfolg zu begreifen. „Es war hochdramatisch und ich glaube, es war auch ein bisschen filmreif.“ Filmmaterial findet sich in der Biografie der steirischen Vollgas-Pilotin mittlerweile genug.
Hinter der 31-jährigen liegt eine turbulente Karriere mit vielen schweren Verletzungen, negativen Erlebnissen und Rücktrittsgedanken. Die dunklen Tage klammerte Hütter auch an einem ihrer hellsten nicht aus. „Es ist der Tag, an dem man es am meisten genießen kann. Die größten Tage sind die, die keiner sieht und vielleicht auch die, die nicht so gut sind. Denn durch die wird man stärker.“
Hütter glaubt nicht mehr an Abfahrtskugel
Mit dem ersten Heimsieg in einer Abfahrt seit Christine Scheyer 2017 fing sie die eigentlich komfortable Wertungsführende Lara Gut-Behrami noch ab. Mindestens Platz zwei war dafür notwendig gewesen. Hütter machte es sogar noch besser und Gut-Behrami patzte mit Rang 17 entscheidend. „Wenn ich ehrlich bin, war die Sache für mich gegessen“, sagte Hütter über ihre Erwartungen vor dem Herzschlagfinale. Es endete mit der ersten Kristallkugel für die ÖSV-Frauen seit 2021 (Katharina Liensberger im Slalom).
Dabei schien der nächste Triumph von Gut-Behrami nach Gesamtweltcup, Riesentorlauf und Super-G nur noch Formsache zu sein. Doch auch Hütter ist mittlerweile mehr als ein Rennpferd, das nur den Galopp nach vorne kennt. „Früher bin ich auf Anschlag gefahren nach dem Motto, wenn es sich nicht ausgeht, dann geht es sich halt nicht aus. Ich musste ein paar Mal merken, dass es richtig wehtut, wenn es sich nicht ausgeht“, sagte Hütter. Sie lernte das Risiko besser zu kalkulieren, ohne an Grundspeed einzubüßen. „Vielleicht bin ich da erwachsen geworden.“
Gut-Behrami: „Die Conny ist konstanter gewesen“
Gut-Behrami gab sich nach verbremster Fahrt als faire Verliererin. „Eine Kugel gewinnt man immer über eine Saison, nicht in einem Rennen. Die Conny ist konstanter gewesen, hat die bessere Leistung gebracht.“ Chefcoach Roland Assinger stand nach dieser Großtat mit glasigen Augen am Starthaus. „Als ehemaliger Abfahrer muss ich sagen, die Abfahrtskugel ist die Kugel der Gladiatoren der Neuzeit“, adelte der ÖSV-Cheftrainer seinen Schützling. Hütter sei ein „Kapazunder“ der Branche. „Ich bin unfassbar stolz auf sie, speziell bei dieser Leidensgeschichte.“
Als Stehauffrau ist Hütter bekannt. Ihr ist so viel widerfahren, dass schon das Lesen der Krankenakte allein Schmerzen verursacht: Etliche Bänderverletzungen im Knie, darunter drei Kreuzbandrisse, Lungenprellung und Läsion der Milz, Gehirnerschütterungen, Schädelhirntrauma. „Es gehört zu meinem Leben und meiner Geschichte dazu. Ich bin damit im Reinen. Ich schmeiß nicht gleich die Nerven. Ich nehme das so hin, so bin ich einfach“, sagte Hütter.
Der Super-G am Vortag hatte wehgetan. Nicht nur, weil Hütter ihre Kugelchance liegen ließ, sondern aufgrund einer Kollision mit einer Torstange. Mit blauen Flecken im Schulterbereich bretterte sie zu ihrem sechsten Weltcupsieg. „Natürlich habe ich heute eine Schmerztablette geschluckt und die Ski auf der anderen Seite getragen, aber das Kugelstemmen geht.“
Eine Teamkollegin war sich sicher, dass die stets meinungsstarke Hütter („Bin keine, die Ja und Amen sagt“) nun als Lokführerin des Partyzugs agieren werde. „Kein Kommentar“, meinte Hütter zu den anstehenden Feierlichkeiten, lachte und sagte: „Ich glaube, wir werden eins trinken. Der Felli (Manuel Feller, Anm.) hat das gut vorgemacht.“
(APA)/Bild: GEPA
