Zwischen Leistungsdruck, Gemeinschaft und mentaler Stärke. Wo liegen die körperlichen und psychischen Grenzen des Ausdauersports? Wie starr sind diese Grenzen tatsächlich und unterscheiden sie sich zwischen Frauen und Männern? Was begeistert so viele Menschen daran, Tag und Nacht zu laufen? Antworten darauf liefert diese umfassende Serie zu diesem Thema.
In dieser vierteiligen Reihe beleuchten wir die Entstehungsgeschichte des Backyard Ultra und des Ultramarathons, stellen die aktuelle „Queen der Ultraläufe“ vor, gehen der Frage nach, woher der Boom dieser Sportarten kommt, und zeigen, wie eng Ausdauersport mit der Identität vieler Athlet:innen verknüpft ist. Sportwissenschaftler und eine Sportpsychologin wurden zu diesem Themen befragt, auch mit verschiedenen Athlet:innen wurde gesprochen.
Im zweiten Teil richten wir den Blick auf die körperlichen Anpassungen und Belastungen. Im dritten Teil beleuchten wir dann die psychischen Auswirkungen des Ausdauersports. Den Abschluss der Reihe bildet die sogenannte Performance Gender Gap: Wir gehen der Frage nach, warum und ob Frauen und Männer im Ausdauersport unterschiedlich leistungsfähig sind und ob diese Unterschiede ausschließlich auf biologische Faktoren zurückzuführen sind.
Ultramarathon und Backyards Ultras
Einem Mythos zufolge lief der Bote Pheidippides 490 v. Chr. 40 km von Marathon nach Athen, als die Griechen die gefürchteten Perser schlugen. Bei seiner Ankunft rief er der Legende nach „Wir haben gesiegt“ und verstarb auf der Stelle. Seitdem ist viel passiert. Marathonläufe haben sich längst in der Mitte unserer (Sport) Gesellschaft etabliert. Wir Menschen streben nach mehr: höher, schneller, weiter.
1910 lief der gebürtige Schweizer Eugene Estoppey 1.000 Meilen in 1.000 Stunden. Und obwohl Ausdauersport und das Streben nach der Ausweitung persönlicher Leistungsgrenzen bereits früher viele Sportler:innen faszinierten, erlebt der Ultralaufsport seit einigen Jahren einen regelrechten Boom. Doch was treibt Athlet:innen an stundenlang allein, fernab von Wettkampfatmosphäre und Zuschauenden?
Sky sprach mit Hendrik Boury sowie mit Sportwissenschaftler:innen. Boury wurde Achter bei den Backyard Weltmeisterschaften in 2025 und belegt derzeit den 20. Platz in der ewigen Weltrangliste.
Entrekin: Die Queen des Ultramarathons
Ultramarathons sind Marathons, nur länger. Das heißt, die Strecken sind immer länger als 42,195 km. Die populärste Distanz ist dabei 100 km. Diese Strecke wird am Stück gelaufen. Entlang der Strecke befinden sich Verpflegungs- und medizinische Versorgungsstationen.
Die 34-jährige Entrekin absolvierte im Mai dieses Jahres sogar rund 400 Kilometer und etwa 12.000 Höhenmeter. Der Cocodona 250 gehört zu den härtesten Ultrarennen. Entrekin llief den 400 Kilometer langen Bewerb mit einer Durchschnittspace von 8:17 Minuten pro Kilometer. Dabei setzte sie sich nicht nur gegen alle Frauen durch, sondern gewann auch die Gesamtwertung. Als wäre das nicht genug, stellte sie mit 56:09:48 Stunden auch noch einen neuen Streckenrekord auf. Der zweitplatzierte Kilian Korth, ein Mann, kam über eine Stunde später ins Ziel.
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Eines ihrer nächsten Ziele ist der Ultra-Trail du Mont-Blanc. 170 km und bis zu 10.000 Höhenmeter. Angst scheint sie vor solchen Distanzen nicht mehr zu haben. Sie scheint vielmehr die Herausforderung zu suchen.
Was ist ein Backyard Ultra?
Der Unterschied zwischen einem konventionellen Ultramarathon und einem Backyard Ultra könnte kaum größer sein. Beide Rennen werden zu Fuß absolviert, bei einem Backyard laufen Teilnehmende stündliche eine Runde von 6,706 km (4,167) Meilen. Wer schneller ist, kann die verbleibende Zeit nutzen, um sich zu versorgen oder versorgen zu lassen. Anders als bei konventionellen Ultraläufen haben die Athlet:innen somit kurze Regenerationspausen.
Bei der Weltmeisterschaft im Jahr 2025 verfügte Boury im Durchschnitt über lediglich sieben Minuten Pause pro Runde. In diesen sieben Minuten kommt es ganz besonders auf seine Crew an. Zu Bourys Team gehört unter anderem ein enger Freund und Laufpartner.
„Er trifft alle Entscheidungen. Auch ob ich weiterlaufe oder nicht. Das ist auch von Anfang an klar. Er ist der Einzige, der alle Entscheidungen trifft, nicht ich und auch sonst niemand.“
Boury soll sich in seinen Läufen nur aufs Laufen konzentrieren. Dieser mentale Reset hilft ihm, die körperlichen und psychischen Belastungen auszublenden und sich immer wieder auf das unmittelbar Bevorstehende zu konzentrieren. Was zunächst als unvorstellbare Distanz erscheint, zerfällt so in viele kleine, bewältigbare Etappen. Manche Rekorde entstehen nicht durch einen einzigen außergewöhnlichen Moment, sondern dadurch, dass man immer wieder den Mut findet, die nächste Runde zu beginnen.
Wer jedoch nicht rechtzeitig wieder an der Startlinie steht, scheidet aus. Eine klassische Ziellinie gibt es nicht. Gelaufen wird so lange bis nur noch eine Person übrigbleibt. Gewonnen hat, wer als einzige Person noch eine weitere Runde absolvieren kann. Alle anderen erhalten ein DNF – did not finish.
Die Entstehungsgeschichte
Der Gründer des Formats ist Gary Cantrell, besser bekannt unter seinem Spitznamen „Lazarus Lake“. Der US-Amerikaner ist vor allem für seine berüchtigten Extremausdauerrennen bekannt. Dazu zählen die Barkley Marathons, die seit ihrer Einführung bislang nur 26 Personen erfolgreich abgeschlossen haben.
Die inoffizielle Backyard-Ultra-Weltmeisterschaft wird seit 2011 auf Cantrells Privatgrundstück in Bell Buckle im US-Bundesstaat Tennessee ausgetragen. Das Rennen gilt als das prestigeträchtigste Event der Backyard-Ultra-Szene und zieht jedes Jahr die besten Athlet:innen der Welt an.
Zwei Teilnahmen, unzählige Stunden auf der Strecke und immer wieder die Frage, wie weit ein Mensch gehen kann. Im Oktober 2025 zahlte sich die Beharrlichkeit von Hendrik Boury, geb. Spöring, aus: Mit 670 Kilometern in 100 Stunden erreichte er bei der Backyard-Ultra-Weltmeisterschaft den achten Platz. Kein Deutscher und keine Deutsche waren bei diesem Rennformat jemals weitergelaufen.
Hendrik Boury mit Gary Cantrell im Moment der Disqualifizierung.
(Quelle: Hendrik Boury)
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Hendrik Boury bei den Weltmeisterschaften 2023.
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Warum exzessive Laufsportarten boomen
Ein Grund könnte die zunehmende Globalisierung des Marathonsports sein. Dazu beigetragen hat unter anderem die Etablierung einer professionellen Marathonserie durch die World Marathon Majors mit den Rennen in Berlin, Boston, Chicago, London, New York und Tokio. Das wachsende Interesse zeigt sich auch in den Bewerbungszahlen: Für den London Marathon stieg die Zahl der Bewerber:innen von 840.318 im Jahr 2024 auf 1.133.813 im Jahr 2026.
Auch im Ultralaufsport ist ein deutlicher Zuwachs zu beobachten. Nach Angaben der International Association of Ultrarunners ist die Zahl der Teilnahmen an Ultramarathons seit 1996 um 1.676 Prozent gestiegen. Im Jahr 2018 nahmen weltweit insgesamt 611.098 Menschen an einem Ultramarathon teil.
Diese Entwicklung zeigt sich jedoch nicht nur an der Startlinie, sondern auch auf den Bildschirmen. Der Berliner Arda Saatçi erhielt große Aufmerksamkeit durch spektakuläre Laufprojekte wie seinen 3.000-Kilometer-Lauf von Berlin nach New York im Jahr 2024. Der selbst ernannte „Cyborg“ stellte sich Anfang des Jahres seiner jüngsten Challenge: 600 Kilometer in 96 Stunden. Dabei wurde er in einem 24-Stunden-Livestream von bis zu zwei Millionen Zuschauer:innen verfolgt.
Das ist keine Ausnahme. Heute kann hautnah verfolgt werden, wie Stärke neu definiert wird: nicht nur durch körperliche Leistungsfähigkeit, sondern auch durch den Willen und den Mut, Verletzlichkeit zu zeigen. Plötzlich ist es selbstverständlich, dass auch Männer weinen. Eine angenehme Abwechslung. Es sind diese authentischen Augenblicke, die unter die Haut gehen und Zuschauer:innen selbst vom Sofa aus mitfiebern lassen, während Athlet:innen vor allem gegen sich selbst antreten.
Die Faszination für die scheinbare grenzenlose Leistungsfähigkeit des Menschen trägt dem Boom ebenso bei. Symbolisch dafür steht auch Eliud Kipchoge. 2019 lief er im Wiener Prater als erster Mensch die Marathondistanz von 42,195 Kilometern in weniger als zwei Stunden. Der damals 34-jährige Kenianer erreichte das Ziel nach 1:59:40 Stunden. Im Anschluss sagte er gegenüber dem Österreichischen Olympischen Komitee:
„Ich habe gezeigt, dass kein Mensch ein Limit hat.“
Eliud Kipchoge bei seinem 42,195 Kilometer langen Lauf unter 02:00:00 Stunden am Wiener Prater am 29.12.2019. (Imago)
Leistungsfähigkeit als wesentlicher Bestandteil der eigenen Identität
Diesem Gedanken scheinen auch viele Teilnehmende von Ultra- und Backyard-Ultra-Läufen zu folgen. Dabei geht es jedoch weniger um die Vorstellung körperlicher Unbesiegbarkeit als vielmehr um die Bereitschaft, die eigenen Grenzen immer wieder neu auszuloten.
„Keiner ist unantastbar. Spitzensportler haben einfach eine unglaubliche Motivation, ihre Ziele zu erreichen. Wie kann ich das Beste aus meinem Körper herausholen?“,
erklärt Boury im Interview. Dabei wird maximale Disziplin statt Lethargie, Grenzerfahrungen statt Komfortzonen, Selbstkontrolle statt Kontrollverlust und Selbstdisziplin statt Macht über andere verkörpert. Wenn er sich mit Menschen misst, die stärker oder genauso stark sind, wie er kann er herausfinden wer er wirklich ist. Er betrachtet die Optimierung körperlicher Leistungsfähigkeit als kontinuierlichen Prozess, der auf Analyse, Kontrolle und systematischer Verbesserung beruht.
„Ich gehe das wissenschaftlich an und betrachte meinen Körper als Maschine.“
Hendrik Boury bei den deutschen Weltmeisterschaften 2024. (Quelle: Hendrik Boury)
Gleichzeitig wird deutlich, dass die Bedeutung des Sports über die individuelle Leistung hinausgeht. Besonders prägend sind gemeinsame Grenzerfahrungen im Team. Solche Erfahrungen werden als zentrale Bestandteile der eigenen Biografie verstanden. Sie stiften Gemeinschaft, schaffen nachhaltige Erinnerungen und tragen dazu bei, dem sportlichen Engagement einen tieferen Sinn zu verleihen. In diesem Zusammenhang erscheint der Sport nicht lediglich als Ort der Leistungsentfaltung, sondern auch als Raum sozialer Verbundenheit und persönlicher Entwicklung, der langfristig als Teil des eigenen Lebenswerks wahrgenommen wird.
Wenn der Wille entscheidet
Bei exzessiven Ausdauerwettkämpfen gewinnen nur selten die schnellsten Athlet:innen. Erfolgreich sind vielmehr diejenigen, die ihre Kräfte richtig einteilen, Rückschläge akzeptieren und auch dann weitermachen, wenn Körper und Geist längst zum Aufhören raten. Solche Rennen zeigen, dass der menschliche Körper oft zu Leistungen fähig ist, die weit über die eigenen Erwartungen hinausgehen.
Am Ende geht es darum, nicht aufzugeben. An sich zu glauben und mit Disziplin und Durchhaltevermögen das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Manchmal liegt die größte Erkenntnis nicht darin, wie weit wir gekommen sind, sondern darin, dass wir weitergehen können, als wir je gedacht hätten. Denn du kannst mehr, als du denkst. Du bist viel stärker, als du denkst.