ZURICH, SWITZERLAND - OCTOBER 09:  A FIFA logo next to the entrance at the FIFA headquarters on October 9, 2015 in Zurich, Switzerland. On Thursday, FIFA's Ethics Committee provisionally banned FIFA President Joseph S. Blatter from all football activities for the duration of 90 days.  (Photo by Harold Cunningham/Getty Images)

FIFA vor Präsidentenwahl und Woche der Wahrheit

via APA

Zürich (APA/dpa/Reuters/AFP) – Die in ihren Grundfesten erschütterte FIFA steht vor ihrer vielleicht wichtigsten Woche seit der Gründung im Jahr 1904. Nach unzähligen Korruptionsskandalen will der Fußball-Weltverband mit der Kür eines Nachfolgers von Joseph Blatter wieder an einem seriösen Image arbeiten.

Ob dies gelingt, hängt aber nicht nur vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen ab. Auch die Abstimmung über das Reformpaket hat wegweisenden Charakter. Im Mittelpunkt steht jedoch ganz klar die Wahl des neunten Präsidenten in der FIFA-Geschichte. Anwärter sind Scheich Salman bin Ibrahim al Chalifa (Bahrain), Gianni Infantino (Schweiz), Tokyo Sexwale (Südafrika), Jerome Champagne (Frankreich) und Prinz Ali bin al-Hussein (Jordanien).

Gewählt wird in geheimer Abstimmung. Stimmberechtigt sind nach derzeitigem Stand 207 der 209 Mitgliedsverbände, weil Kuwait und Indonesien im Moment suspendiert sind. Die Voten verteilen sich auf die Kontinentalverbände von Afrika (54), Europa (53), Asien (44), Nord- und Mittelamerika (35), Ozeanien (11) und Südamerika (10). Im ersten Wahlgang sind zwei Drittel der Stimmen für einen Sieg erforderlich, ab der zweiten Runde genügt eine Mehrheit von über 50 Prozent. Nach jedem Wahlgang, in dem keine Entscheidung fällt, scheidet jener Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus.

 

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Die besten Chancen werden al Chalifa zugerechnet. Kann der Chef der asiatischen Konföderation die Stimmen aus Afrika und Asien auf sich vereinen, dürfte er kaum zu schlagen sein – trotz aller Vorwürfe über seine Rolle bei Menschenrechtsverletzungen gegen Fußballer in seinem Heimatland 2011.

Infantino betrieb in den vergangenen Tagen einen Intensiv-Wahlkampf, Topfavorit ist der UEFA-Generalsekretär aber nicht. Hartnäckig halten sich Gerüchte über einen Deal zwischen al Chalifa und Infantino. Sollte der Schweizer auf eine Kampfabstimmung verzichten, könnte er unter dem Scheich FIFA-Generalsekretär werden, hieß es. Infantino dementierte dies aber entschieden.

 

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Zum Königsmacher könnte Prinz Ali bin al-Hussein werden, wenn er Scheich Salman asiatische Stimmen abluchst. Siegeschancen hat der 2015 von den Europäern noch unterstützte Jordanier aber nicht. Reine Zählkandidaten sind Champagne und Sexwale. Es ist nicht auszuschließen, dass sie zur Wahl wegen Chancenlosigkeit gar nicht erst antreten.

Neben der Präsidentenwahl stehen auch die Reformvorschläge beim FIFA-Kongress auf der Agenda. Dabei geht es im Kern darum, dass der Präsident künftig eher repräsentiert als regiert. Die Exekutive wird zu einem Council, das wie ein Aufsichtsrat wirken soll. Die Amtszeiten für beide Gremien werden auf dreimal vier Jahre beschränkt. Mehr Macht bekommen der Generalsekretär und die Ständigen Ausschüsse. Alle wichtigen Ämter können nur nach einer externen Integritätsprüfung ausgeübt werden.

 

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Ähnliche Reformen standen schon 2014 zur Abstimmung und scheiterten damals im FIFA-Kongress. Auch diesmal ist eine Dreiviertel-Mehrheit notwendig. Wird das Paket abgelehnt, steht die FIFA vor einer Zerreißprobe, desavouiert wären vor allem die Europäer.

Deren Kontinentalverband UEFA absolviert bereits am Donnerstag in Zürich einen Außerordentlichen Kongress. Dabei wird man sich trotz der momentanen Sperre von Präsident Michel Platini nicht auf einen neuen Chef festlegen. Dafür werden Finanzberichte präsentiert und Statutenfragen diskutiert. Außerdem will Infantino die UEFA-Mitglieder noch einmal davon überzeugen, sich geschlossen hinter ihn zu stellen.

Über dem FIFA-Kongress einen Tag darauf hängt wieder einmal das Damoklesschwert von neuerlichen Razzien. Längst wird gemunkelt, dass die Polizei in dieser Woche wieder aktiv werden könnte – entweder mit Befragungen oder der Einleitung von Ermittlungsverfahren. Dabei geht es aber nicht wie von Blatter einst unterstellt um Revanchegelüste der Justiz. Die Gründe sind pragmatisch: Bis zum nächsten regulären FIFA-Wahlkongress im Jahr 2019 werden nie wieder alle Repräsentanten der Mitgliedsländer zeitgleich in Zürich sein.

 

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