Flick: „Bei der WM sind solche Dinge tödlich“
Hansi Flick blickt positiv Richtung WM. Der wilde und teils rätselhafte Nations-League-Abschluss in England lieferte aber mehr Fragen als Antworten.
Hansi Flick richtete nach einem vogelwilden Klassiker beruhigende Worte an die zweifelnde Fußball-Nation, doch seine Nationalspieler schickte der Bundestrainer mit einer deutlichen Mahnung zu ihren Vereinen zurück. „Gerade bei einer WM sind solche Dinge tödlich, da scheidet man schneller aus, als man denkt“, sagte Flick über den rätselhaften Systemabsturz mit drei Gegentoren in zwölf Minuten beim 3:3 (0:0) in England: „Da haben wir uns den Schneid abkaufen lassen.“
Zu streng wollte der 57-Jährige knapp zwei Monate vor dem unangenehmen WM-Auftakt gegen Japan (23. November) nach der Achterbahnfahrt im Fußball-Tempel Wembley aber dann doch nicht sein. Er verspüre nach der leichtfertig verspielten 2:0-Führung zum Nations-League-Abschluss zwar „eine riesige Enttäuschung“, er sei aber „ein Trainer, der die Spieler lieber einen Kopf größer macht. Das bringt am Ende vielleicht den einen oder anderen Sieg mehr“.
„Wir wissen, woran wir arbeiten müssen“
Davon gab es zuletzt nur einen in den vergangenen sieben Spielen – gegen eine italienische B-Elf. Doch Flick ist ungeachtet des naiv hergeschenkten Prestigesieges und der erstmaligen drei Gegentore unter seiner Regie sehr darauf bedacht, aufkommende Zweifel an der Titelmission in Katar (20. November bis 18. Dezember) zu zerstreuen. „Wir wissen, woran wir arbeiten müssen“, betonte Flick: „Ich glaube, dass wir, wenn wir uns treffen, alle heiß darauf sind, eine wirklich gute WM zu spielen.“
In den letzten Härtetests gegen Ungarn (0:1) und in London gab es aber nur vereinzelt Lichtblicke, so bleiben mehr Fragen als Antworten. In beiden Spielen stemmte sich die Mannschaft immerhin gegen die drohende Niederlage, in Wembley dank eines krassen Torwartfehlers von Nick Pope vor dem späten Ausgleich von Kai Havertz (87.) mit Erfolg.
Havertz betrieb nach einer schwachen ersten Halbzeit und seiner Rückversetzung auf die Zehner-Position nicht nur wegen seiner beiden Treffer ebenso reichlich Eigenwerbung wie Youngster Jamal Musiala. Der 19-Jährige belebte das oft statische deutsche Spiel mit seinen Dribblings und holte auch den von Ilkay Gündogan verwandelten Elfmeter zur Führung heraus.
Flick lobt Musiala
Der „elegante Spieler“ Havertz, stellte Flick erfreut fest, habe „eine gute Visitenkarte abgegeben“. Musiala bewies derweil, dass nicht alle Bayern-Spieler von der Krise betroffen sind. „Er hat gezeigt, was ihn auszeichnet – genau das brauchen wir“, sagte Flick.
Damit wird das Gerangel um die Positionen in der offensiven Dreierreihe immer größer, selbst der eigentlich unantastbare Platzhirsch Thomas Müller muss um seinen Stammplatz bangen. Im Sturm herrscht dagegen weiter Flaute, ein Zielspieler fehlt.
Ob Flick bei seiner Nominierung des 26er-Kaders am voraussichtlich 10. November noch einen Überraschungskandidaten für einen besonderen Moment aus dem Hut zaubert, bleibt abzuwarten. Ansonsten muss der Bundestrainer darauf hoffen, dass seine „Problemfälle“ wie Timo Werner, Serge Gnabry und auch Müller in den kommenden 13 Spielen in nicht einmal 50 Tagen ihre WM-Form finden.
„Es ist wichtig, dass jeder einzelne Spieler noch ein bisschen an sich arbeitet“
„Es ist wichtig, dass jeder einzelne Spieler in dieser Zeit noch ein bisschen an sich arbeitet. Das betrifft die Sicherheit, die Fitness und die Überzeugung im Passspiel. Wir können als Mannschaft noch einen Tick besser werden“, sagte Flick vor dem Rückflug am Dienstag.
Um eine schlagfertige Einheit mit berechtigten Titelambitionen zu formen, bleibt Flick nur noch das Kurz-Trainingslager mit der WM-Generalprobe gegen Gastgeber Oman (16. November). „Wir haben gezeigt, dass wir es auf allerhöchstem Niveau können, wir müssen versuchen, es 90 Minuten durchzuziehen“, forderte Gündogan und mahnte im Sinne von Flick: „Bei der WM hast du viel weniger Spielraum, Fehler zu machen.“
Müller wollte den teils chaotischen Auftritt mit Blick auf das umstrittene Wüsten-Turnier nicht überbewerten. „Das Gefühl von heute ist für die WM völlig egal“, sagte er. In Katar brauche man „Spaß, Lust und Zusammenhalt“. Man müsse „alles reinwerfen, um diesem deutschen Turniermannschaftsgedanken gerecht zu werden“.
Als Vorbild nannte der Münchner den Champions-League-Sieger Real Madrid. „Da läuft auch nicht immer alles brillant, aber sie behalten den Kopf oben, sie behalten den Glauben an sich selbst“, sagte Müller und gab damit ganz wie Flick die WM-Richtung vor.
(SID) / Bild: Imago