Für Streif-Sieger Franzoni steigt nun der Druck

Vollkommen von den Gefühlen übermannt sank Giovanni Franzoni im Zielraum von Kitzbühel auf die Knie. „Ich liebe Österreich. Ich lebe meinen Traum“, schluchzte der erst 24-jährige Hahnenkamm-Sieger ins Mikrofon.

Dass mit Franzoni auf der Streif zu rechnen sein würde, hatte sich mit dessen zwei Trainingsbestzeiten schon abgezeichnet. „Meine Saison ist unglaublich, ich werde das vielleicht erst im Sommer realisieren. Jetzt kommt Olympia, da wird viel Druck auf mir liegen.“

Über diesem Sieg in der Kitzbühel-Abfahrt stehe wohl nur Olympia-Gold in der italienischen Heimat, versuchte sich Franzoni in einer Einordnung des eben Erreichten. „Wenn Olympia in einem anderen Land stattfinden würde, dann würde mir wahrscheinlich ein Kitzbühel-Sieg mehr bedeuten.“ Er schnappte Weltcup-Dominator Marco Odermatt seinen ersten Kitzbühel-Triumph in der Abfahrt um sieben Hundertstelsekunden weg.

„Er bietet den Schweizern Paroli, wenn wir es schon nicht machen“, sagte Vincent Kriechmayr, als 13. schwer geschlagen und trotzdem noch immer bester Österreicher. „Es ist ihm sehr zu vergönnen. Es tut unserem Sport sehr gut, dass da auf einmal so ein Junger daherkommt und voll anraucht. Hut ab, ein unglaublicher Skifahrer und sehr sympathischer Kerl.“

Als Odermatt feierte, ruhte sich Franzoni aus

Franzonis Stern war erst im Dezember in Gröden so richtig aufgegangen, als er als Dritter des Super-G erstmals auf ein Weltcup-Podest gerast war. In Wengen vor einer Woche folgte der Premieren-Sieg im Super-G und Platz drei in der Lauberhornabfahrt. Nun verewigte er sich bereits im zarten Alter von 24 als Kitzbühel-Sieger. Den Titel als jüngster Streif-Sieger verpasste er dennoch deutlich. Abfahrts-„Kaiser“ Franz Klammer war 1975 bei seinem ersten von vier Streichen 21 Jahre und zwei Monate jung.

Dass es im Super-G nur zu Platz zwölf gereicht hatte, deutete Franzoni am Tag seines Triumphes als Vorteil um. „Die anderen haben gefeiert und Interviews gegeben, ich habe mich ausgeruht und etwas Druck abgebaut. Beim Start heute war ich wirklich voller Energie.“ Seine Zeit schätzte er trotz der Startnummer 2 früh selbst hoch ein. „Ich sah den Vorsprung von 1,4 Sek. auf Mattia (Casse), der ja ein großartiger Skifahrer ist und dachte mir: Vielleicht habe ich es geschafft.“ Dem Sieg schenkte er wiederum seinem im Sommer-Trainingslager in Chile verunglückten Teamkollegen Matteo Franzonso. Während am Stockerl dann die Fratelli d’Italia ertönte, blickte Franzoni Richtung Himmel.

Bestechende Technik

Das Potenzial des Aufsteigers, der am Südwestufer des Gardasees aufgewachsen ist, war schon länger bekannt. 2021 gewann Franzoni bei der Junioren-Weltmeisterschaft Gold im Super-G, ein Jahr später Gold in der Abfahrt und der Kombination. Die Konkurrenz hatte sich bereits im Laufe der Hahnenkammwoche mit Lobeshymnen für den Italiener überhäuft. „Er fährt einfach unglaublich gut Ski, kommt wie ich vom Riesenslalom. Ich glaube, in Zukunft braucht es diese Riesenslalom-Technik, um im Abfahrtssport ganz vorne zu sein“, sagte Odermatt. Laut Kriechmayr habe Franzoni „den Ski immer unter dem Körper, hat ständig den Zug und fährt unglaubliche Radien“.

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(APA) / Foto: GEPA