Gasser räumt den Thron: „Reiche die Big-Air-Krone weiter“

Die Wachablöse ist vollzogen. Erstmals heißt eine Olympiasiegerin im Big Air bei den Snowboard-Freestylern nicht Anna Gasser. Bei der dritten Auflage auf der größten Sportbühne der Welt waren die jungen Wilden stärker. „Heute habe ich die Big-Air-Krone weitergereicht an die nächste Generation“, sagte Gasser nach Platz acht spätabends in Livigno. Ein wenig hatte die vom Stadionsprecher als „Queen of Snowboard“ titulierte 34-Jährige ihr Schicksal schon kommen sehen.

„Ich glaube, das ist ein natürlicher Prozess. Ich wusste, dass dieser Moment irgendwann kommen wird und die Jungen Übermacht kriegen“, sagte Gasser. Sie fühlte sich nach der sportlichen Niederlage im Wechselbad der Gefühle. „Ich bin superstolz auf alle Teilnehmerinnen. Das Level war fantastisch. Ich bin einerseits traurig und enttäuscht, andererseits aber auch stolz und freue mich für meinen Sport. Ich muss das sicher noch verarbeiten.“

Nach ihrer Schulterverletzung, zugezogen im Sommer beim Surfen auf einer künstlichen Welle in München, war sie bis zum Höhepunkt keinen einzigen Big Air in diesem Winter gefahren. Dass es nach den zwei sensationellen Titeln 2018 und 2022 dieses Mal schwierig werden könnte, hatte sie schon während der ersten Trainings im olympischen Snowpark gespürt. „Ich war nicht gleich so locker. War es die Schulter, oder das Alter, wer weiß?“ Gewiss fehlten ihr die zigfachen Wiederholungen am Airbag, einem aufblasbaren Riesenkissen, und auch auf Schnee. Vor allem aber auch die Selbstgewissheit, die allerschwersten Sprünge bereits gelandet zu haben. „Wenn Olympia einen Monat später wäre, wäre es für mich perfekt.“

Trumpfass nicht ausgespielt

Vor stimmungsvoller Kulisse in den norditalienischen Alpen verpatzte die Kärntnerin ihre ersten beiden Versuche – haarscharf. Sie kam erst gar nicht mehr dazu, ihr Trumpfass, einen 14er mit „einem Grab, den sonst niemand macht“, auszuspielen. Die Neuseeländerin Zoi Sadowski-Synnott, die zu Gassers besten Freundinnen zählt, stand einen solchen Trick mit vier kompletten Rotationen und holte Silber. Gold ging an die 21-jährige Japanerin Kokomo Murase.

„Die Mädels sind mehr und sie fangen immer früher an, es ist einfach ein professionellerer Sport geworden“, sagte Gasser über den stetigen Fortschritt. Zu ihrer Anfangszeit 2013, im Freestyle eine halbe Ewigkeit, habe es nicht einmal Trainer geschweige denn physiotherapeutische Behandlung gegeben. „Ich bin inspiriert von der jungen Generation und stolz, dass ich mich da immer noch halte.“ Im 12er-Finale war die zweitälteste Athletin neun Jahre jünger als Gasser. Der Altersdurchschnitt betrug gerade einmal 20,6 Jahre.

Mentorin, Vorbild, Vorreiterin

Gasser ließ sich über die Jahre von den Youngsters mitziehen, während die Nachdränglerinnen zu ihr hoch schauen. „Es ist unglaublich, was die Anna macht“, sagte Hanna Karrer. Die 18-jährige Steirerin schaffte es bei ihrem Olympia-Debüt auf Platz zwölf. Sie verkörpert die Freestyle-Zukunft und wird die rot-weiß-rote Fahne hochhalten, wenn Gasser in die Sportpension gewechselt ist. Bis es soweit ist, zapft sie das geballte Wissen ihrer Landsfrau an. „Ich bekomme richtig gute Tipps, wo ich allein noch nicht draufgekommen wäre.“

Gasser ist Karrers Mentorin – und früheres Vorbild der aktuellen Weltelite. Murase etwa, die nun amtierende Olympiasiegerin, hatte als Jugendliche ein Snowboard von Gasser in ihrem Zimmer hängen. Sadowski-Synnott (24) sang bei der Sieger-Pressekonferenz gar ein Loblied. „Wenn ich jemanden nennen müsste, der den größten Einfluss auf Freestyle-Snowboarden gehabt hat, dann ist das Anna Gasser.“

Ein letztes Rodeo

Am Montag in Livigno machte Gasser ihren wohl letzten Sprung in ihrer Paradedisziplin Big Air. „Es war wirklich in meinem Kopf, dass das mein letzter Sprung ist. Ich wollte ihn genießen, nichts mehr riskieren, einfach noch mal meinen eigenen Style zeigen.“ In der noch folgenden Disziplin Slopestyle wird sie ihren olympischen Abschied geben. „Ich habe noch eine Chance. Ich werde noch einmal versuchen, schönes Snowboarden zu zeigen. Und ich sage es wieder: Es ist alles möglich.“ Ein letztes Rodeo also in einer Arena, die sie selbst als repräsentatives Gesicht mit groß gemacht hat. „Miterlebt zu haben, wie sich der Snowboardsport bei den Frauen entwickelt und welche Bühne er bekommen hat, das macht mich stolz.“

(APA)

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Beitragsbild: Imago