SWANSEA, WALES - DECEMBER 29: Gerhard Struber Manager of Barnsley during the Sky Bet Championship match between Swansea City and Barnsley at the Liberty Stadium on December 29, 2019 in Swansea, Wales. (Photo by Athena Pictures/Getty Images)

Gerhard Struber: “Das hat mich im Kern getroffen und schwer irritiert”

via Sky Sport Austria

Wien – Vor etwas mehr als zwei Monaten ist Gerhard Struber als Cheftrainer des FC Barnsley Hals über Kopf in den Abstiegskampf der Championship, Englands zweithöchster Spielklasse, eingetaucht.

Ehe am Wochenende für den aktuell Drittletzten bei Charlton Athletic das nächste Spiel gegen einen direkten Konkurrenten auf dem Programm steht, spricht der 43-Jährige im Interview mit “skysportaustria.at” unter anderem über den englischen Fußball, Wayne Rooney und reagiert auf die Kritik von WAC-Präsident Dietmar Riegler in Bezug auf den Sollbauer-Transfer.

Herr Struber, was sind die bisherigen fußballerischen Eindrücke von der Championship?

“Der Fußball ist sehr einfach, aber sehr effizient. Viel geht über lange Bälle und in der Fortsetzung über die zweiten Bälle. Aus einem simplen Muster heraus sind alle sehr effizient. Und die individuelle Qualität ist extrem hoch. Du musst den Gegner extrem gut kennen und Themen finden, wo du ansetzen kannst. Wir merken auch, wie genau sich die Gegner auf uns vorbereiten. Dahingehend müssen wir jede Woche kreativ sein und in unseren Leitlinien variabel bleiben.”

Wie ist die Atmosphäre in den Stadien?

“Laut! Die Stadien geben viel her. Fußball ist hier die Nummer eins, so wie bei uns in Österreich Skifahren. Vom Gefühl her ist stimmungsmäßig jedes Spiel wie das Rennen in Kitzbühel.”

Es gibt auch klingende Namen in der Liga. Wie war der Plausch mit Wayne Rooney nach dem Spiel gegen Derby County?

“Er hat mir erzählt, dass es in Amerika viel leichter für ihn war, weil die Intensität viel niedriger war. Gleichzeitig arbeitet er als spielender Co-Trainer und will in absehbarer Zeit Trainer werden. Er freut sich sehr wieder zurück zu sein in England und in der Championship seine Karriere ausklingen zu lassen.”

Im englischen Fußball ist viel Geld im Spiel. Wie sehr hat das bei Ihnen die Entscheidung für Barnsley beeinflusst?

“England ist finanziell lukrativ, das erleichtert den Schritt natürlich. Ich habe einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Für mich war entscheidend, dass mich Eigentümer und sportliche Leitung unbedingt wollten und mir die notwendigen Kompetenzen eingeräumt haben.”

Was würde der “Worst Case”, sprich ein Abstieg, für Sie bedeuten?

“Der Weg ist länger geplant, bis 2022. Ich würde aus der heutigen Sicht auch in die 3. Liga mitgehen. Aber dieser Gedanke ist für mich im Moment nicht relevant.”

Sie haben Barnsley am Tabellenende übernommen, noch steht man als Drittletzter in der Abstiegszone.

“Zu Beginn war der Tenor, dass wir bereits für die League One (Anm.: 3. Liga) planen können. Wir sind ins Punkten gekommen und haben es geschafft, dass wir ein richtiges Miteinander entwickelt haben. Jetzt sind Glaube und Hoffnung da. Im Februar haben wir 7 Spiele, da gibt es kein Durchschnaufen. Von den 17 ausstehenden Partien ist jedes ein Endspiel für uns. Wir brauchen unser Top-Level, arbeiten an der Motivation, an der Mentalität und an meiner Spielidee.”

Wie sind die Ergebnisse in der Liga (4 Siege, 3 Remis, 6 Niederlagen) einzuordnen?

“Wir hätten alle Spiele gewinnen, aber auch verlieren können. Bis auf das 0:3 gegen Preston North End, wo wir zu viele personelle Veränderungen drin hatten. Die Liga ist nicht ohne, wir sind extrem am Limit und müssen immer an unser Limit kommen. Es ist alles ganz eng beisammen. Wir haben wenig Spielraum im Kader, aber mit den Verstärkungen trauen wir uns zu, das große Ziel zu schaffen.”

Welche Rolle sollen die beiden Neuzugänge vom WAC, Marcel Ritzmaier und Michael Sollbauer, einnehmen?

“Beide kennen meine Spielidee, die sie ein halbes Jahr beim WAC erlebt haben. Wir sind die jüngste Mannschaft in der Liga, da braucht es gewisse Ankerpunkte und Qualität. ‚Ritzi‘ strahlt Ruhe aus und hat nach den Leistungen gegen Huddersfield (2:1) und Bristol (0:1) schon gute Kritiken bekommen. Michi Sollbauer hat international nicht nur in Gladbach gezeigt, dass er bestehen kann, hat Tempo und Power. Aber es wird auch für ihn nicht einfach, hier alles weg zu verteidigen. Denn offensiv gibt es in dieser Liga extrem viel Größe, Power und Qualität.”

WAC-Präsident Dietmar Riegler hat ihnen nach dem Transfer von Sollbauer in einem Zeitungsinterview „Charakterschwäche“ vorgeworfen, weil ausgemacht gewesen sei, dass Sie nur Ritzmaier nach Barnsley holen. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

“Ich weiß nicht, mit wem er das ausgemacht hat. Mit mir nicht. Wenn er mich aus einer emotionalen Stimmung heraus öffentlich denunziert und meine Integrität in Frage stellt, gibt das schon zu denken. Vielmehr wäre er gut beraten, dankbar zu sein für alles, was wir gemeinsam im Herbst gemeistert haben. Er hat mich damit im Kern getroffen und schwer irritiert.”

Wie ist Ihre Sicht der Dinge?

“Michi Sollbauer hatte im Gegensatz zu Marcel Ritzmaier keine Ausstiegsklausel im Vertrag. Er hatte außerdem ein Angebot von Dynamo Dresden. Soll ich zuschauen, wie er nach Deutschland geht? Das ist das Fußball-Business. Die Entscheidung lag am Ende bei Dietmar, er hätte auch nein sagen und den Transfer verhindern können. Also ich sehe da kein Verbrechen, sondern für jede Partei eine Win-Win Situation. Ich habe ja keine goldenen Löffel geklaut. Der WAC hat auch finanziell profitiert.”

Wie blicken Sie auf die Zeit beim WAC (Juni bis November 2019) zurück?

“Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Ich bin dem WAC und Dietmar Riegler sehr dankbar, dass sie mir ohne Erfahrung die Chance in der Bundesliga gegeben haben. Das Ziel war, wenn ich die Chance erhalte, durchzustarten. Wir haben gemeinsam vieles richtig gemacht. Vor fünf Jahren hat mich Oliver Mintzlaff bei Red Bull gefragt, wo ich in fünf Jahren sein will. ‚Im  Ausland‘, hab ich geantwortet und dafür bin ich jetzt sehr dankbar. Im Fußball kann alles in alle Richtungen sehr schnell gehen. Es wäre leichter gewesen, in Österreich zu bleiben. Ich bin aber vor Jahren aus der Privatwirtschaft raus, um im Fußball nach meiner Trainerausbildung ‚All in‘ zu gehen. Hier, wo ich jetzt bin, kann ich mich perfekt weiterentwickeln.”

Apropos weiterentwickeln. Wie schaut‘s mit Ihren Englischkenntnissen aus?

“Ich bin mit meiner Entwicklung zufrieden. Herausfordernd ist es, wenn du in der Emotion bist. Aber die Botschaften im Fußball sind nicht immer so kompliziert. Ich hab auch zwei Mal die Woche einen Lehrer, aber das Meiste ist Learning by Doing.”

Was ist abseits vom Sportlichen und Sprachlichen die größte Herausforderung in der neuen Heimat?

“Ich hätte nicht gedacht, dass es so zäh ist, meine Frau und meine zwei Kinder nicht jederzeit um mich zu haben. Ich bin ein totaler Familienmensch. Das ist emotional grad richtig schwierig für mich und meine Familie.”

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