Heute vor 88 Jahren: Österreich besiegt Ungarn mit 8:2

von Nikolaus Reitz

Es war die Zeit von Hugo Meisl´s Wunderteam. Es war die Zeit von Sindelar, Schall und Gschweidl. Doch gegen den geliebten Erzfeind jenseits der Leitha hatte man bereits seit vier Jahren nicht mehr gewinnen können. Diesen Wahlsonntag im Frühjahr 1932 sollten die Besucher der ausverkauften Hohen Warte jedoch ewig in Erinnerung behalten.

Im Herbst 1931 brachte der letzte Länderkampf zwischen Österreich und Ungarn in Budapest ein enttäuschendes 2:2 für das „Wunderteam“. Schall hatte einen Elfmeter vergeben und knapp 20 Minuten mussten die Österreicher in Unterzahl das Match zu Ende spielen, weil Gall verletzt aufgab. Auswechselspieler gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die stolzen Ungarn, denen die ständigen Schwärmereien für die Österreicher unheimlich auf die Nerven gingen, hatten beschlossen, das faszinierende Kombinationsspiel mit strenger Härte im Keim zu ersticken. Daraufhin folgten Konflikte der Verbände untereinander, Pressefehden und der Vorschlag, man solle doch künftig nur noch einmal pro Jahr gegeneinander spielen, weil das Prestigeduell zu erhitzt sei.

Ein Teil der Besuchermassen auf der Hohen Warte.

Karten gab es schon Tage vor der Begegnung auf offiziellem Wege nicht mehr. Der behördlich festgelegte Fassungsraum der Hohen Warte war mit 40.000 Stehplätzen und 17.789 Sitzplätzen ausgegeben. Auf der Arena-Seite kam es am Spieltag dann doch zu Tumulten, weil Karten doppelt aufgelegt worden waren, ob legal oder illegal sollten später die Behörden klären. Weit über 60.000 Menschen drängten sich in den Zuschauerraum und waren in äußerster Spannung auf das nächste Wunder des damals besten europäischen Fußballteams.

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Sindelar in der ersten Hälfte…

Der höfliche Beifall bei Betreten der Ungarn verkam zu einem leisen Säuseln im Vergleich zum ohrenbetäubenden Beifall, als die Österreicher auf den Platz liefen. Den ersten Warnschuss der Partie verzeichnete Kohut, der über das Tor von Hiden schoss. In der dritten Spielminute lenkte Sindelar mit dem 1:0 die Begegnung in jene Richtung, die an diesem Nachmittag nicht mehr verlassen werden sollte. Jubelstürme brausten dem Austrianer von den Tribünen entgegen. Zehn Minuten später verwertete Sindelar eine scharfe Hereingabe von Zischek, dem schnellen Flankenläufer von Wacker zum 2:0 (14´). Die Ungarn holten prompt ein Tor durch Cseh auf. Nach einer halben Stunde war das Match so gut wie entschieden. Sindelar stellte mit dem Kopf auf 3:1 (31´). Zwei Minuten später erhöhte Schall mit seinem ersten Treffer auf 4:1 (33´). Es war ein Abstauber nach wuchtigem Sindelar-Schuss. Ein zweiter Cseh-Erfolg sorgte für den Pausenstand von 4:2.

Matthias Sindelar per Kopf zum 3:1. Szabo hat das Nachsehen.

…und Schall in der zweiten Hälfte.

Ungarn wankte gehörig und fiel kurz nach der Pause um. Ein Doppelschlag innerhalb von zwei Minuten, erneut durch Schall und ein Tor von Gschweidl brachten die 6:2-Führung. Die Ungarn waren vollends bedient und manche Spieler rasteten nun komplett aus. Schiedsrichter Birlem hatte bereits in der ersten Hälfte Schramseis und Toldi nach einer Auseinandersetzung verbal verwarnt. Im Gegensatz zum Österreicher konnte sich der Ungar nicht mehr beruhigen, foulte und trat weiter und wurde ebenso des Feldes verwiesen wie sein Mitspieler Lyka. Gegen neun Ungarn traf Schall noch zweimal. Mit dem 8:2 stellten die Österreicher dann das Spielen so gut wie ein, sie hatten an diesem denkwürdigen Tag mehr als genug geleistet. Einem neunten Goal wurde wegen vorhergehendem Handspiel die Gültigkeit verweigert; Schall hätte seinen fünften Treffer erzielt gehabt. Nach dem Schlusspfiff kannte der Jubel auf österreichischer Seite keine Grenzen mehr.

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Das Glanzstück war der österreichische Angriff, der von Sindelar meisterhaft geführt wurde. Die Zeitungen sprachen von der vielleicht vollendetsten Leistung seiner ruhmvollen Fußballerlaufbahn. Er lag ständig in vorderster Front auf der Lauer. Bekam er den Ball, blieb ein einzelner Gegner stets geschlagen. Durch geschickte, blitzschnelle Manöver brachte er entweder seine Nebenleute in aussichtsreiche Position oder eben sich selbst zum Abschluss. Die zweite Lichtgestalt an diesem Tag war Schall, der seinen außergewöhnlichen Torriecher eindrucksvoll bewies. Für Österreich war es der deutlichste Erfolg über den ewigen Rivalen und das möglicherweise beste Spiel, das eine österreichische Nationalmannschaft jemals gezeigt hatte.

Schall erzielt das 4:1 für Österreich.

Verschiedene Stimmen zum Spiel:
Österreich-Trainer Hugo Meisl: “Unsere Mannschaft war in Schwung.

Kapitän Josef Blum: “Die Ungarn können nicht verlieren. Ihr Temperament geht zu schnell durch.

Ungarn-Trainer Dr. Mariassy: “Den Österreichern ist wieder einmal alles gelungen, während wir viel Pech hatten.
Vilmos Kohut: “Am liebsten würde ich weinen.

Antal Lyka: “Birlem besiegte Ungarn 8:2.

Österreich vs Ungarn 8:2
(24.04.1932) Länderspiel

Hohe Warte, 57.789 Zuschauer (offiziell); Schiedsrichter Alfred Birlem (Deutschland)

Tore:
1:0          Sindelar 4´
2:0          Sindelar 28´
2:1          Cseh 16´
3:1          Sindelar 31´
4:1          Schall 33´
4:2          Cseh 44´
5:2          Schall 50´
6:2          Gschweidl 52´
7:2          Schall 70´
8:2          Schall 73´

Mannschaftsaufstellungen:

Österreich: Hiden, Schramseis, Blum, Braun, Hofmann, Nausch, Zischek, Gschweidl, Sindelar, Schall, Vogl;
Coach Hugo Meisl

Ungarn: Szabo, Takacs, Mandl, Lyka, Kalmar, Lazar, Zavadsky, Cseh, Turay, Toldi, Kohut;
Coach Dr. Lajos Mariassy