Johanna Hiemer; Skibergsteigen

Im Kampf um Medaillen und Aufmerksamkeit: Skibergsteigen erstmals olympisch

116 Wettkämpfe in 16 Disziplinen stehen an, wenn am 6. Februar die XXV. Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo starten. Neben altbewährten Sportarten gibt es heuer auch Medaillenentscheidungen in einer neuen Disziplin: dem Skibergsteigen.

Vergleicht man das diesjährige Programm der Olympischen Winterspiele mit jenem der Spiele 2022 in Peking, so fällt eine wesentliche Änderung auf. Während damals Wettkämpfe in 15 Disziplinen ausgetragen wurden, ist es dieses Jahr eine mehr: Skibergsteigen feiert seine Premiere und wird erstmals olympisch. „Für die Sportart ist es ein riesengroßer Schritt und die Möglichkeit, eine große Bühne zu bekommen“, sagt die österreichische Skibergsteigen Johanna Hiemer gegenüber Sky Sport Austria.

Kampf um mehr Sichtbarkeit

Mit Skibergsteigen, auch Ski Mountaineering oder kurz Skimo genannt, hält eine neue Disziplin Einzug in den Olympia-Kalender, die in Österreich bislang nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit genießt und daher als Randsportart bezeichnet werden kann. Hiemer hofft dahingehend auf mehr Sichtbarkeit und einen Push durch die Aufnahme in das olympische Programm. Vor allem wegen fehlender Fernsehzeiten sei Skibergsteigen bisher nämlich quasi nicht sichtbar.

Dass Skimo, insbesondere im Vergleich zu anderen Wintersportarten, wenig Aufmerksamkeit bekommt, bedauert Hiemer. „Ich finde, dass wir abartige Athleten sind und brutale Leistungen bringen“, sagt die 30-Jährige. Dies werde zu wenig gesehen. Auch finanziell macht sich die Kluft zu anderen Wintersportarten bemerkbar. Für einen Weltcupsieg im Skibergsteigen gibt es laut Hiemer 1.700 Euro. Zum Vergleich: Ein Sieg im Ski Alpin bringt aktuell über 54.000 Euro ein.

Speed-Version des Skitourengehens

Mit der Devise „mit Vollgas rauf auf den Berg statt nur runter“ kann die Sportart als „Speed-Version“ des Skitourengehens bezeichnet werden. Unterschieden werden fünf Wettkampfdisziplinen: Vertical, Individual, Team, Relay und Sprint.

Bei den Olympischen Winterspielen in Italien werden im Ski Mountaineering insgesamt drei Medaillenevents stattfinden: Sprints der Männer und Frauen sowie ein Mixed-Relay (Staffel). Ausgetragen werden alle drei Bewerbe in Bormio auf der Stelvio-Piste, wo auch etwa die Abfahrt der Männer stattfinden wird.

Sprint mit Aufstieg und Abfahrt

Wie intensiv dieser Sport tatsächlich ist, zeigt sich besonders im Sprint. Der Bewerb besteht aus vier Phasen: einem Aufstieg, der sich in drei Abschnitte gliedert, und einer Abfahrt. Gestartet wird auf Skiern, die an der Unterseite mit sogenannten „Fellskins“ versehen sind, um beim Aufstieg Halt zu finden und nicht abzurutschen. In der zweiten Phase werden die Skier abgeschnallt, am Rücken befestigt und der Anstieg wird zu Fuß fortgesetzt. Nach dieser Tragepassage geht es für den letzten Teil des Aufstiegs zurück auf die Skier. Für die Abfahrt ins Ziel wird das Fell schließlich wieder entfernt.

Kraft, Schnelligkeit, Explosivität

Beim Sprint spiele neben Kraft, Schnelligkeit und Explosivität laut Hiemer auch die mentale Komponente eine zentrale Rolle. Besonders zermürbend sei an diesem Format, dass bereits kleine Fehler große Auswirkungen haben können: Klappt etwas nicht, etwa wenn der Ski nicht in den Rucksack geht oder man nicht sofort in die Bindung findet, verliere man umgehend wertvolle Sekunden.

Die Renndauer im Sprint liegt bei etwa drei Minuten pro Lauf. Die Sportlerinnen und Sportler qualifizieren sich über die erste Runde weiter bis ins Finale, dort starten sechs Athletinnen oder Athleten. Wer es bis in die Endrunde schafft, bestreitet im Skibergsteigen-Sprint insgesamt drei Läufe: Vorlauf (Heat), Semifinale und Finale. Gerade weil der Sprint so kurz ist, bleibt kaum Raum für Fehler. Das sei „ziemlich hart für den Kopf“, sagt Hiemer.

Format mit Spannung

Der Sprint ist kurz, ereignisreich und damit potenziell besonders attraktiv für Zuschauende. Auch vor Ort sei das Potenzial da, was auch daran liege, dass das gesamte Rennen vom Stadion aus einsehbar ist. „Man sieht jeden einzelnen Meter“, sagt Hiemer. Innerhalb kürzester Zeit kann sich das Rennen zudem entscheidend verändern, Favoritenrollen bieten keine Garantie. Nicht in die Bindung zu kommen oder das Fell zu verlieren, zählen zu jenen Momenten, die den Sprint unberechenbar machen. Auch aus diesen Gründen zeigt sich Hiemer überzeugt: Würde der Sport eine Plattform bekommen, würde er auch angenommen werden.

Zwei Quotenplätze für Österreich

Österreich hat sich im Skibergsteigen je einen Olympia-Startplatz für Männer und Frauen gesichert. Die beiden Quotenplätze gehen auf die Leistungen von Hiemer gemeinsam mit Paul Verbnjak zurück. Bereits in der vergangenen Saison sicherte das Duo Österreich im Mixed Relay zwei Startplätze für die Olympischen Winterspiele 2026. Die formelle Nominierung durch den Verband steht noch aus.

Die Qualifikation war für Hiemer eine herausfordernde Zeit, auch mental. Man musste sich beweisen, es ging um die Quotenplätze und den „Traum Olympia“: für die Steirerin ein Lebensprojekt, das jetzt zum Greifen nahe ist.

Olympia als Bühne und Chance für den Sport

Ob die Olympischen Winterspiele in Italien tatsächlich dazu führen, dass das öffentliche Interesse am Skibergsteigen zunimmt, wird sich zeigen. Die Athletin möchte sich dahingehend noch nicht festlegen. „Olympia ist eine Chance, und ich hoffe, sie wird genutzt, aber sicher bin ich mir noch nicht“, sagt Hiemer. Was es brauche, so die 30-Jährige, sei ein „Reset“, ein Neuaufrollen des Sports und ein objektiver Blick von außen, damit Skibergsteigen groß werden könne.

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Bild: GEPA