Im Schatten des Anzug-Skandals: Skisprung-Weltcup startet mit neuen Regeln
Überschattet vom Skandal rund um manipulierte Sprunganzüge Anfang des Jahres, startet heute der Skisprung-Weltcup. Für die ÖSV-Adler ist es nicht nur der Beginn einer neuen Saison, sondern zugleich der erste Weltcup mit neuem Regelwerk.
Im Juni wird bekannt, dass der Internationale Skiverband FIS mit weitreichenden Regeländerungen auf den WM-Skandal reagiert. Die Neuerungen sind bereits mit Beginn des Sommer-Grand-Prix 2025 in Kraft getreten – jetzt werden sie erstmals bei Weltcup-Springen greifen. Start ist heute, ausgerechnet im norwegischen Lillehammer.
Video zeigt Manipulation von Anzügen
Auslöser für die Verschärfungen ist nämlich der Skandal rund um manipulierte Anzüge norwegischer Springer. Er nahm im März seinen Anfang, als ein Video veröffentlicht wurde, das zeigt, wie mit Nähmaschinen an Sprunganzügen gearbeitet wird – in der Nacht vor einem WM-Bewerb in Trondheim. Später wurde bekannt, dass wohl ein zusätzliches Band in den Anzug eingebaut wurde – es sollte, verbotenerweise, für mehr Stabilität sorgen.
Zunächst bestritt Norwegen die Vorwürfe. Erst als sich die Schlinge immer weiter zuzog, gestand Sportdirektor Jan-Erik Aalbu den Betrug öffentlich. Betroffen waren laut ihm aber nur die Anzüge der Springer Johann André Forfang und Marius Lindvik, die selbst von der Manipulation aber nichts gewusst hätten. Teams aus unterschiedlichen Nationen, darunter auch Österreich, forderten die Annullierung aller norwegischen Ergebnisse der WM. Norwegische Athleten wurden disqualifiziert.
Norweger dürfen bei Skisprung-Weltcup wieder antreten
Was dann folgte, waren Suspendierungen – etwa vom Cheftrainer Magnus Brevig, der, wie das Video zeigte, bei der Manipulation dabei war. Später wurden unter anderem auch die Springer Forfang und Lindvik vorläufig suspendiert. Im August verhängte dann der Weltverband FIS gemeinsam mit seiner Ethikkommission gegen die beiden eine Geldstrafe sowie eine dreimonatige Sperre wegen mangelnder Sorgfaltspflicht. Weil die bereits verbüßte Zeit angerechnet wurde, sind die Athleten inzwischen wieder startberechtigt und dürfen damit auch heute in Lillehammer wieder starten.
Die Springer halten nach wie vor daran fest, von der Manipulation nichts gewusst zu haben. Einige Skisprung-Kollegen halten dies für unglaubwürdig.
Skisprung-Weltcup mit Kartenregel wie im Fußball
Als Reaktion auf den Skandal wurden schon während der abgelaufenen Saison Regeln verschärft. Im Juni präsentiert die FIS dann grundlegende, strengere Richtlinien im Materialbereich. Unter anderem wurde ein System mit gelben und roten Karten eingeführt, wie man es aus dem Fußball kennt. Wird ein Springer wegen eines Ausrüstungsverstoßes nicht zum Start zugelassen oder disqualifiziert, erhält er eine gelbe Karte – also eine Verwarnung. Folgt ein weiterer Verstoß, gibt es die rote Karte und damit auch die Sperre für den nächsten Weltcup-Wettbewerb. Ersetzt werden darf der Athlet nicht, damit verliert die jeweilige Nation einen Startplatz und muss im folgenden Wettbewerb mit einem Springer weniger antreten. Bisher hatten Disqualifikationen keine Auswirkungen auf darauffolgende Events – das ist nun anders. Erhält ein Athlet innerhalb einer Saison eine zweite rote Karte, wird er für vier weitere Wettbewerbe gesperrt.
Kollektive Bestrafung
Ein Verstoß könnte künftig nicht nur Auswirkungen auf den betroffenen Springer haben, sondern auf das gesamte Team. Bei Team-Wettbewerben wirkt eine Sanktion nämlich nicht nur individuell, sondern kann zur Disqualifikation des gesamten Teams führen.
Strengere Vorgaben bei Sprunganzügen
Auch bei den Anzügen selbst gelten künftig strengere Regeln – etwa bei Form und Schnitt an Armen, Beinen und im Schrittbereich. Die Gesamtfläche des Anzugs wird reduziert, um weniger Spielraum für Manipulationen zu lassen. Auch bei den Handschuhen gibt es erstmals konkrete Vorgaben, zudem gibt es eine einheitliche Passform von Schuhen.
Bei den Kontrollen setzt die FIS künftig auf modernisierte Messmethoden. Pro Wettbewerb sollen mindestens drei Kontrolleurinnen oder Kontrolleure anwesend sein: Eine Person für die Prüfung vor dem Start sowie zwei weitere für stichprobenartige Checks nach dem Sprung. Die Kontrollen werden der Ex-Skispringer Mathias Hafele und Ausrüstungskontrolleur Jürgen Winkler leiten.
Die Olympischen Spiele, die 2026 stattfinden, werden gesondert behandelt. Konkret heißt das, dass Springer, die bereits eine gelbe Karte kassiert haben, diese nicht zu den Olympia-Bewerben „mitnehmen“.
Wie steht es um das Vertrauen in den Skisprung-Sport?
Der Skandal hat der Glaubwürdigkeit und dem Image des Sports keinen Gefallen getan. Wohl auch aus diesem Grund, scheint Transparenz in Zukunft offenbar ein wichtiges Stichwort zu sein. Verstöße werden dokumentiert und die Öffentlichkeit wird sowohl im Live-Ticker und im TV als auch in den Ergebnislisten über diese informiert. Auch etwa im Profil des Athleten in der FIS-Datenbank wird das Vergehen dokumentiert.
Zwischen versöhnlichen Tönen und „bösem Blut“
Das ÖSV-Team hat einen Haken unter das Thema gesetzt. Laut Cheftrainer Andreas Widhölzl ist der Anzugskandal im österreichischen Team „gar kein Thema mehr“. Das sagt er gegenüber der APA. Auch für ÖSV-Adler Stefan Kraft ist die Sache vergessen.
Doch nicht überall überwiegen versöhnliche Töne. Bei Teilen des deutschen Teams scheint der Frust über den Betrug noch tief zu sitzen. Wie etwa ntv.de kürzlich berichtet, kaufe Springer Andreas Wellinger den Norwegern immer noch nicht ab, dass diese nichts von der Manipulation gewusst hätten. Sein deutscher Kollege Philipp Raimund sieht nach wie vor „böses Blut“.
Nachdem er seine dreimonatige Sperre verbüßt hat, äußert sich auch Marius Lindvik. Gegenüber der norwegischen Zeitung Dagbladet wehrt er sich erneut gegen die Vorwürfe, vom Betrug gewusst zu haben und richtet offenbar klare Worte an jene Springer, die seine Unschuld anzweifeln: „Du solltest erst selbst sauber sein, bevor du so laut den Mund aufmachst“, so Lindvik.
Ob das neue Regelwerk dazu beiträgt, die angeknackste Glaubwürdigkeit intern wie extern wiederherzustellen, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen.
(Bilder: IMAGO)
