Marokko träumt vom großen Coup: „Wir können Weltmeister werden“
Ein leidenschaftlich kämpfendes Team, das seiner Bezeichnung „Atlas-Löwen“ alle Ehre machte, hat Marokko in einen Freudentaumel gestürzt. Durch einen 2:1-Sieg gegen Kanada hat Marokko bei einer Fußball-Weltmeisterschaft zum ersten Mal seit 36 Jahren wieder die K.o.-Runde erreicht.
„Wir haben heute Geschichte geschrieben“, jubelte Stürmerstar Hakim Ziyech. Nun wartet als Zugabe Spanien im Achtelfinale.
Fans, Spieler, Trainer, Reporter: An diesem großen Tag des marokkanischen Fußballs verschwammen die Grenzen ins Unkenntliche. Die Spieler kletterten auf die Tribüne, um ihre Eltern zu herzen. Einige Journalisten stellten ihre Fragen in rot-grünen Nationaltrikots. Im Al-Thumama Stadium von Doha war an diesem Donnerstag alles möglich.
„Von jetzt an ist alles möglich“
Dabei waren die Rollen in der Gruppe F vor der WM scheinbar klar verteilt. Für Vize-Weltmeister Kroatien und den Weltranglisten-Zweite Belgien schienen die beiden Aufstiegsplätze reserviert, Marokko und Kanada sollten sich Platz drei ausmachen. Marokko hatte anderes vor. „Wir sind nicht hierhergekommen, um nur mitzuspielen oder zu sagen: Wir hätten es fast in die K.o.-Runde geschafft“, sagte Trainer Walid Regragui. „Warum sollten wir nicht davon träumen, den Pokal in die Höhe zu stemmen? Es wird noch viel von uns kommen. Wir sind eine schwer zu schlagende Mannschaft“, erklärte er in der Euphorie nach dem Aufstieg als ungeschlagener Gruppensieger.
Auch Noussair Mazraoui gab sich nach dem Coup voller Selbstvertrauen. „Von jetzt an ist alles möglich. Ich habe schon vor dem Beginn der WM gesagt: Wir können Weltmeister werden. Wenn du dieses Selbstvertrauen nicht hast, dann wirst du es nicht schaffen“, sagte der Außenverteidiger von Bayern München. „Ich sage nicht: Wir werden das Turnier gewinnen. Aber wir können es gewinnen.“
Schon einmal standen die Marokkaner im Achtelfinale. 1986 in Mexiko verloren sie in der K.o.-Runde gegen Deutschland 0:1 – Lothar Matthäus schoss damals erst in der 87. Minute das entscheidende Tor. Zu einem neuerlich möglichen Duell mit den Deutschen kommt es diesmal nicht, nun will Marokko gegen die Spanier seine Geschichtsschreibung fortsetzen.
Denn die Marokkaner bringen alles mit, was sie für jeden Achtelfinal-Gegner zumindest zu einem sehr unangenehmen Gegner werden lassen. Sie haben die individuelle Klasse eines Ziyech (Chelsea), En-Nesyri (FC Sevilla), Achraf Hakimi (Paris Saint-Germain) oder Mazraoui (Bayern München).
„Werden an diesem Punkt nicht stoppen“
Und sie verbinden das mit einer taktischen Disziplin und Stabilität, an der sich schon der WM-Zweite Kroatien und der WM-Dritte Belgien die Zähne ausbissen. Kanadas Teamchef John Herdman hob deren Qualität hervor: „Das ist ein Top-Team. Ihre Spieler spielen bei den besten europäischen Clubs.“ Vor allem der Ex-Dortmunder Hakimi sei „ein Krieger“.
„Wir haben mit unseren Herzen und für unser Land gespielt“, sagte der Abwehrspieler Romain Saiss von Besiktas Istanbul. „Und wir werden an diesem Punkt nicht stoppen. Wir wollen zeigen, dass wir es noch besser können.“
Das wäre ganz zur Freude der rund 30.000 Fans, die das Team in Katar unterstützen und die Matches zu Heimspielen verwandeln, und jenen, die in der Heimat mitfiebern. In der Hauptstadt Rabat und anderswo zogen Zehntausende Fußballanhänger nach dem Sieg gegen Kanada auf die Straßen. Sie tanzten, schwenkten Fahnen und zündeten Feuerwerk. Auch die heimische Presse reagierte begeistert. „Das marokkanische Team wiederholt den Erfolg von 1986“, titelte die Nachrichtenseite Hespress. Der Fernsehsender 2M schrieb auf seiner Internetseite: „Dies ist ein Moment für die Geschichte.“
(APA)/Bild: Imago
