Mentale Stärke im Sport: „Kann man wie einen Muskel trainieren“

In der schnellen und oftmals hektischen Profi-Sportwelt müssen die Athletinnen und Athleten nahezu perfekte körperliche Bestleistungen abliefern. Neben dem strikten Trainingsalltag begleiten auch Sponsoren- und Medientermine die Sportlerinnen und Sportler auf ihren Karrierewegen. Wer in einem Geschäft mit so vielfältigen Anforderungen bestehen möchte, müsse auch eine ausgeprägte und gute mentale Stärke besitzen.

Univ. Prof. Dr. Katharina Hüfner ist Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie II an der Medizinischen Universität Innsbruck und Expertin bei der Österreichischen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie (ÖGSPP). Sie erklärt, wie im Sport mit mental herausfordernden Situationen umgegangen wird.

Univ. Prof. Dr. Katharina Hüfner ist Sportpsychaiterin in Innsbruck. Copyright Bullock/MUI (2)

Leistungsdruck als unsichtbarer Gegner

Nicht nur im Einzelsport, sondern auch im Teamsport spiele der psychologische Aspekt eine immer gewichtigere Rolle. Das perfekte körperliche Training möge zwar eine Grundlage für den Wettbewerb schaffen, dennoch bräuchte es mitunter mehr, damit Athletinnen und Athleten, am Tag X ihre Leistung entsprechend abrufen können. Der Leistungsdruck kombiniert mit sportspezifischen und sportunabhängigen Stressfaktoren könne zum Spielverderber werden. Hinzu kommen Rückschläge durch Verletzungen.

Das Internet liefert in Form von Social Media weitere Druckmittel von außen, die zu Versagensangst und Blockaden führen. Aus diesen Gründen habe sich das Mentaltraining mittlerweile zu einem etablierten Trainingsbaustein entwickelt.

Wenn die Nerven entscheiden

„Mentale Stärke und psychische Gesundheit sind verschiedene Dinge. Mentale Stärke charakterisiert Fähigkeiten, wie beispielsweise im entscheidenden Moment mit dem Druck umgehen zu können. Psychische Gesundheit hingegen beschreibt einen Zustand, in dem man nicht an einer klinisch relevanten psychiatrischen Erkrankung wie einer Depression oder einer Angststörung leidet“, erklärt Hüfner.

Diese Unterscheidung sei entscheidend, denn auch mental starke Athleten nach Ansicht der Ärztin gegen psychische Erkrankungen nicht immun. So befänden sich auch Olympia-Medaillengewinner in psychiatrischer Behandlung: „Leistungssportler sind hohen Stressfaktoren ausgesetzt Sie haben durch den enormen Druck, die ständige öffentliche Bewertung und die Abhängigkeit ihres Einkommens vom Erfolg ein gleich hohes, oder zum Teil sogar ein erhöhtes Risiko, psychische Erkrankungen zu entwickeln. Diese kann man zwar gut behandeln, aber oft kommen die Betroffenen leider erst spät in die Therapie, weil psychische Erkrankungen im Leistungssport immer noch stigmatisiert werden.“

Mehr als Muskelkraft

Der beste Körper ist inzwischen längst nicht mehr die einzige ausschlaggebende Komponente, die über den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage entscheidet. Beim zweiten Durchgang des Ski-Alpin-Slaloms beispielsweise ist die Führende des ersten Laufs als letzte Läuferin im Starthaus und kann sich den Sieg holen. Das Material ist perfekt die Piste und den Athleten abgestimmt, der Vorsprung auf den aktuell Führenden komfortabel.

Doch was, wenn der große Jubel der Fans das Konzept durcheinanderwirbelt? Oder gar eigene Blockaden durch Nervosität oder Angst vor Fehlern den Rennläufer sprichwörtlich aus der Bahn werfen? „Ich glaube, es ist ein Riesenvorteil, wenn du weniger denkfähig bist. Das ist der Grund, warum die guten Sportler nicht viel im Kopf haben, weil er ihnen nicht im Weg ist“, sagte Österreichs ehemaliger Schwimm-Star Markus Rogan während der Olympischen Spiele 2012 in London.

Hüfner ordnet diese provokante Aussage wissenschaftlich ein: „Das war vielleicht etwas brachial ausgedrückt. Das beschriebene Phänomen wird auch als `choking under pressure´ bezeichnet. Wenn ein Athlet beginnt, über seine hochautomatisierten und trainierten Bewegungen nachzudenken, stört das die intuitiven Abläufe. Dann gelingt es nicht die beste Leistung abzurufen. Im richtigen Moment das Nachdenken sozusagen ausschalten zu können und sich auf das Trainierte zu verlassen ist kein Zeichen von geringerer Intelligenz, sondern im Gegenteil ein Ausdruck höchster mentaler Stärke“.

Training für den Kopf

Lange vor dem Wettkampf wird die Grundlage gelegt, ob die Nerven in den entscheidenden Momenten halten. Verwandelt der Tennisspieler seinen Matchball? Hält der Torwart den Elfmeter? Höchstleistungen seien laut Hüfner nicht Zufall, sondern auch der Lohn gezielt trainierter mentaler Stärke. Eben genau diese Stärke befähigt Athleten dazu, im richtigen Moment das erforderliche Können und Potenzial auszuschöpfen. Diese Qualitäten wie Selbstregulation unter Druck oder psychische Resilienz nach Rückschlägen gehen mittlerweile weit über den Sport hinaus, sie sind essenzielle Lebenskompetenzen. Mentale Stärke kann man trainieren wie Muskeln auch, dafür braucht es einen von Experten entwickelten Trainingsplan. Die Expertin meint dazu: „Zum Beispiel das Aktivierungsniveau: Jeder Athlet hat ein individuelles, optimales Level an Anspannung, um seine beste Leistung zu bringen. Ist man zu entspannt, fehlt die nötige Energie. Wenn man aber einen bestimmten Punkt an Anspannung überschreitet, wird es zu viel. Dann ist man überaktiviert und die Leistung fällt wieder ab. Das ist so wie bei einer umgedrehten U-Kurve. Ein zentraler Teil des mentalen Trainings ist es, zu lernen, sich auf dieses persönliche Optimum selbst zu regulieren.“

Hüfner spricht von verschiedenen Verhaltensmustern im Bereich mentaler Stärke.

Nach einem Misserfolg ändern mental starke Sportler nachfolgend nicht das Ziel, sondern den Plan. Dahinter steckt laut Hüfner eine mentale Fähigkeit, die man „Attribution“ nennt. „Es geht darum, dass mental starke Sportlerinnen und Sportler einen Misserfolg nicht sich selbst als Person, sondern einer Taktik, oder einem spezifischen technischen Problem zuschreiben. So wird eine Niederlage nicht zum Urteil über die eigene Person, sondern zu einem Feedback um besser zu werden. Solche konstruktiven Denkmuster lassen sich gezielt trainieren. So wählt die Athletin beim nächsten Versuch dann eine andere Herangehensweise, um zum Erfolg zu kommen“, erklärt die Sportpsychiaterin.

Werbung