NHL-Midseason-Report: Die Tops und Flops der aktuellen Saison

von Mathias Blaas

In der NHL haben alle 32 Teams mehr als die Hälfte der Saisonspiele bestritten. Sky-Redakteur Mathias Blaas hat die Tops und Flops der laufenden Spielzeit genauer beleuchtet.

Top:

Die Boston Bruins (37-5-4) sind in der besten Eishockey-Liga der Welt seit Saisonbeginn das Maß aller Dinge. Von 46 Spielen konnten die Bruins 37 gewinnen und haben bereits 78 Punkte auf dem Konto. Wenn das Team von Head-Coach Jim Montgomery in diesem Ausmaß weitermacht, könnte der Punkterekord von den Montreal Canadiens aus dem Jahr 1976/77 ernsthaft attackiert werden.

Boston ist seit Jahren ein konstanter Vertreter in den Playoffs. In den letzten 15 Jahren verpassten die Bruins nur zweimal die Postseason. Die routinierte Achse um Kapitän Patrice Bergeron, Brad Marchand und David Krejci liefert nach wie vor ab, mit David Pastrnak steht zudem ein Weltklasse-Torjäger in den Reihen.

Dabei ist das Prunkstück der aktuellen Saison die Defensive: Nur 96 Gegentore mussten die Goalies Linus Ullmark und Jeremy Swayman hinnehmen, das sind 25 Tore weniger als die zweitbeste Defensive. An der blauen Linie hat Boston mit Charlie McAvoy und Hampus Lindholm gleich zwei Verteidiger, die sowohl offensiv als auch defensiv den Unterschied ausmachen.

Nach dem derzeitigen Stand der Dinge sind die Bruins der Topfavorit auf den Stanley-Cup-Triumph. Bis zu den Playoffs wird sich allerdings noch viel tun und das beste Team der Regular Season ist in den letzten Jahren in der Postseason immer früh gescheitert. Einen derartigen Lauf hatte dem Original-Six-Franchise vor der Saison dennoch niemand zugetraut.

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Zu den positiven Überraschungen der laufenden NHL-Saison gehören die New Jersey Devils (30-12-4). Das Team um die beiden Schweizer Nico Hischier und Jonas Siegenthaler ist furios in die Spielzeit 2022/23 gestartet und führte die Metropolitan Division lange an. Nach einer Schwächephase im Dezember zogen die Carolina Hurricanes an den Devils vorbei. Ligaweit ist New Jersey Ende Jänner dennoch das viertbeste Team.

Head-Coach Lindy Ruff ist es zwei Jahre nach Amtsantritt gelungen, seine hoch-talentierte Truppe endlich in die Erfolgsspur zu führen. In den vergangenen zehn Jahren erreichte New Jersey nur einmal die Playoffs. Kapitän Hischier ist endlich in die Rolle des Erstlinien-Centers gewachsen, mit Jesper Bratt und Ondrej Palat bildet er ein sehr gutes Trio. Auch der ehemalige First-Overall-Pick Jack Hughes hat sich enorm weiterentwickelt.

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren hat New Jersey zudem einen tiefen Kader. In der Abwehr ragt die erste Linie bestehend aus Dougie Hamilton und Jonas Siegenthaler hervor. Während ersterer das Offensivspiel der Devils antreibt, ist der Schweizer einer der besten Shutdown-Verteidiger der NHL. Überraschend gut performt Tormann Vitek Vanecek. Auch die Ersatzmänner MacKenzie Blackwood und der verletzte Jonathan Bernier treten solide auf.

Die erste Playoff-Teilnahme nach vier Jahren Abstinenz scheint für die Devils nur Formsache zu sein. Gegen die starke und vor allem erfahrene Konkurrenz aus der Eastern Conference könnte New Jersey allerdings auch Lehrgeld zahlen.

VIDEO: NHL-Schiedsrichter blutet nach Stockhieb

Eine eindrucksvolle bounce-back-Saison liefern die Winnipeg Jets (31-16-1) ab. Nach 48 absolvierten Spielen belegen die Kanadier in der Central Division und der gesamten Western Conference den zweiten Platz. Ligaweit ist Winnipeg aktuell auf dem sechsten Rang.

Die Offensiv-Achse um Mark Scheifele, Kyle Connor, Pierre-Luc Dubois und Nikolaj Ehlers ist zweifelsohne sehr talentiert. In den letzten Jahren enttäuschte das Team dennoch und verpasste die Playoffs zweimal in Serie. Vor allem die Auftritte in der Saison 2021/22 waren teilweise so miserabel, dass die Mentalität der Mannschaft in Frage gestellt wurde.

Der neue Head-Coach Rick Bowness scheint nun ein funktionierendes System eingeführt zu haben. Center Mark Scheifele ist im Gegensatz zum Vorjahr nicht wiederzuerkennen und erzielte bereits 29 Tore. Verteidiger Josh Morrissey erlebt eine Breakout-Saison und gilt als Mitfavorit auf den Gewinn der Norris-Trophäe als bester Abwehrspieler der NHL. Tormann Connor Hellebuyck ist seit Jahren einer der besten Goalies und auch in diesem Jahr ein sicherer Rückhalt für die Jets.

Da in der Central Division mehrere Teams die Erwartungen nicht erfüllen, hat Winnipeg ausgezeichnete Chancen auf eine Playoff-Teilnahme. In der Defensive müssen die Jets allerdings nachrüsten, wenn sie ein ernsthafter Stanley-Cup-Anwärter sein wollen.

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Eine weitere positive Überraschung der laufenden Saison sind die Seattle Kraken (27-14-5). Das erst 2021 in die Liga gekommene Franchise erlebte eine verpatzte Debüt-Saison und wurde drittschlechtestes Team der NHL. In der zweiten Saison läuft alles deutlich besser. Aktuell belegt Seattle den zweiten Rang in der Pacific Division.

Im Gegensatz zu den meisten Mannschaften in der NHL haben die Kraken keine absoluten Starspieler in den Reihen. Im Expansion-Draft entschied sich General Manager Ron Francis dafür, eher junge und günstige Spieler auszuwählen. Der deutsche Tormann Philipp Grubauer war gehaltstechnisch die teuerste Verpflichtung.

Seattle hat sich viele Draft-Picks gesichert und den Weg eingeschlagen, Talente selbst zu entwickeln. Center Matty Beniers ist ein Paradebeispiel dafür, der 20-Jährige ist zweitbester Scorer der Kraken. Toptalent Shane Wright wird ebenfalls ans Team herangeführt und soll in Zukunft eine wichtige Rolle in der Offensive einnehmen.

Da es in der Western Conference sehr eng zugeht, könnte Seattle durchaus noch überholt werden und aus den Playoff-Plätzen fliegen. Los Angeles, Edmonton und Calgary liegen nur knapp hinter dem Überraschungsteam. Dennoch zeigt Seattle beeindruckende Leistungen und fällt unter die Kategorie der positiven Überraschungen der laufenden Saison.

New York Rangers schlagen Florida – Auch Toronto siegt

Flop:

Zu den großen Enttäuschungen der laufenden Spielzeit zählen die Florida Panthers (23-21-5). Im Vorjahr erreichte das Franchise aus dem Sunshine-State das Eastern-Conference-Finale, die Regular Season beendete Florida sogar auf Rang eins.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen vor der Saison 2022/23. Doch die Realität sieht nach 49 absolvierten Partien anders aus: Florida liegt derzeit nur auf Rang fünf der Atlantic Division, die Playoffs können höchstens über einen Wildcard-Platz erreicht werden. Boston, Toronto und Tampa Bay liegen bereits deutlich vor den Panthers.

Im Sommer mischte Florida den Kader etwas auf. Superstar Jonathan Huberdeau wurde zusammen mit Verteidiger MacKenzie Weegar nach Calgary getraded, im Gegenzug wechselte Power-Forward Matthew Tkachuk nach Florida. Rückblickend hat keines der Teams von diesem Deal profitiert, auch Calgary hinkt der Erwartungen hinterher. Tkachuk ist zwar bester Scorer der Panthers, Kapitän Aleksander Barkov geht allerdings sein kongenialer Partner Huberdeau ab. Weegar konnte in der Verteidigung überhaupt nicht ersetzt werden.

Ganz abzuschreiben sind die Florida Panthers im Playoff-Rennen noch nicht. Die Wildcard-Ränge sind in Reichweite, dennoch muss die Mannschaft deutlich konstanter agieren und die Defensive stabilisieren.

VIDEO-Highlights: Florida verliert in New York

Vor der Saison in einer ähnlichen Ausgangslage wie die New Jersey Devils waren die Ottawa Senators (20-23-3). Das Franchise hat in den letzten Jahren viele Talente gedrafted und sollte den nächsten Entwicklungsschritt machen und die Playoff-Plätze attackieren.

Doch wie es aussieht, verpasst das Team von Head-Coach DJ Smith zum sechsten Mal in Folge die Postseason. Dabei nahm Ottawa im Sommer mit Claude Giroux einen Routinier unter Vertrag, zudem wurde mit Alex DeBrincat ein Torjäger von den Chicago Blackhawks erworben. Zusammen mit dem Deutschen Tim Stützle, Brady Tkachuk und Josh Norris haben die Senators auf dem Papier eine überragende Offensive.

In Wirklichkeit lässt ausgerechnet der Angriff die Senators im Stich. Ottawa erzielt nur die 26. meisten Tore der NHL, während die Defensive Ligamittelmaß ist. Die langfristige Verletzung von Norris kann der wohl zu dünne Kader nicht auffangen.

Ottawa ist vor Montreal und Columbus das drittschlechteste Team in der Eastern Conference. Der Rückstand auf den letzten Wildcard-Rang beträgt derzeit elf Punkte – zu viel, um die Postseason zu erreichen.

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Hinter den Erwartungen agiert auch der aktuelle Stanley-Cup-Champion. Die Colorado Avalanche (25-17-3) haben in 45 Spielen überraschend nur 53 Punkte geholt und liegen aktuell auf keinem Playoff-Rang.

Die Mannschaft von Head-Coach Jared Bednar musste im Sommer einige wichtige Abgänge hinnehmen. Center Nazem Kadri konnte bisher nicht ersetzt werden, auch Andre Burakovsky ist nicht mehr da. Die Achillesferse der Avalanche sind in dieser Saison allerdings die Verletzungen. Superstar Nathan MacKinnon fiel für längere Zeit aus, Kapitän Gabriel Landeskog stand noch gar nicht auf dem Eis. Dazu kommen die Ausfälle von Josh Manson und Bowen Byram in der Abwehr.

Derzeit liegt Colorado zwei Punkte hinter einem Wildcard-Rang und fünf Zähler hinter einem direkten Playoff-Platz. Dass Colorado am Ende der regulären Saison keinen Playoff-Rang belegt, gilt nach wie vor als unwahrscheinlich. General Manager Joe Sakic dürfte etwas mehr als einen Monat vor der Trade-Deadline allerdings fleißig am Tüfteln sein, mit welchen Spielern er sein Team in den kommenden Wochen verstärken könnte.

Boston Bruins setzen Erfolgsserie fort – Vancouver Canucks feuern Coach

Ebenfalls enttäuschend verlief die bisherige Saison für die St. Louis Blues (23-21-3). Die Stanley-Cup-Gewinner von 2019 können in der laufenden Spielzeit weder offensiv noch defensiv überzeugen. Dabei war gerade die Offensive in den letzten Jahren eine große Stärke der Blues.

Momentan liegt St. Louis sechs Punkte hinter einem Wildcard-Rang in der Western Conference, in der Central Division ist die Mannschaft von Head-Coach Craig Berube sogar nur sechste Kraft. Dabei war St. Louis ähnlich wie Colorado in den letzten Jahren ein Stammgast in der Postseason, nur einmal in elf Jahren verpasste man die Playoffs.

Die Gründe für den Absturz der Blues sind vielfältig. Einerseits performen die erfahrenen Topscorer wie Ryan O’Reilly, Vladimir Tarasenko und Brayden Schenn nicht wie gewohnt. Auf der anderen Seite ist die Torhüterposition ein Problem. Stammgoalie Jordan Binnington gehört zu den statistisch schlechtesten Goalies der NHL, sein Backup Thomas Greiss konnte auch nicht voll überzeugen. Wichtige Ausfälle an der blauen Linie komplettieren das Debakel der Blues.

Die NHL-Playoffs drohen nach vier Jahren in Serie ohne St. Louis über die Bühne zu gehen. Für die Blues spricht, dass sie bei ihrem Stanley-Cup-Erfolg 2019 zu Jahresbeginn auf dem letzten Platz in der NHL standen und mit einem eindrucksvollen Lauf doch noch die Postseason erreichten. Der Rest ist Geschichte.

Verfasst von: Mathias Blaas

Beitragsbild: Imago