Paul Scharner: „Man sollte nicht immer von Fortschritt reden. Das war zu meiner Zeit auch so. Man spielt zwar gut, aber verliert“

via Sky Sport News HD

Ex-Nationalteamspieler, England- und Deutschland-Legionär Paul Scharner meldet sich wieder mal zu Wort und sprach mit Sky Sport News HD über folgende Themen.

Der 34-Jährige gegenüber Sky Sport News HD über…

…seine Zukunft: „Meine Vision ist es vielleicht einmal einen Verein zu übernehmen und eben so aufzustellen, dass nicht das Geld im Vordergrund steht, sondern dass man ein professionelles Umfeld optimal aufstellt, wo dann eben unterm Strich das Geld rauskommt. Mir geht es um den Menschen, ich glaube, dass heutzutage die Menschlichkeit verloren geht und mehr auf Quantität geschaut wird. Man bildet soviele Spieler aus und pickt sich dann die besten raus. Nur leider vergisst man hierbei die Persönlichkeit und die Mentalität. Bei der WM hat man gesehen, da ist Deutschland das beste Beispiel. Die vorigen Großereignisse haben sie immer tollen Fußball gespielt, aber dieses Mal in Brasilien haben sie den Fokus aufs „gewinnen“ gelegt und vor allem auf die Mentalität. Bei mir möchte ich den Spieler und den Menschen in den Vordergrund stellen, dass er im Fußball sein kann oder wenn er es nicht schafft, was anderes machen kann, wie zum Beispiel in die Wirtschaft gehen. Die Ausbildung soll so hoch sein, dass er es sich aussuchen kann. Zurzeit fokussiert man sich zu sehr auf das Fußballerische, es gibt 12 Akademien, die durchschnittlich 240 Fußballer rausbringen und es kann nicht jeder Fußballer werden. Die, die es nicht schaffen, können dann wieder von vorne anfangen.“

…sein Karriereende: „Es ist die Frage, was man als letztes definiert. Mein vorletztes Bewerbsspiel war eben der FA Cup und recht viel schöner kann man ja nicht aufhören. Aber natürlich gibt es zwei Unternehmungen, die nicht zufriedenstellend abgeschlossen worden sind. Eben der HSV und das Nationalteam. Das kann von meiner Seite nicht positiv bewertet werden.“

…Dinge, die man nicht tun oder sagen hätte sollen: „Ich habe versucht das im letzten Jahr zu reflektieren, das ist aber schon noch zu kurzfristig, da es länger braucht um das zu verarbeiten. Aber was schon rausgekommen ist: ich habe meine Vorhaben und Ziele zu sehr auf der Zungenspitze gehabt. Es kommt vielleicht daher, dass ich ein sehr starkes Urvertrauen habe und wenn ich einem Reporter gegenüber sitze und mich wohlfühle, dann plaudere ich wie aus dem Nähkästchen.“

…das Nationalteam: „Vom technisch-taktischen Bereich nimmt das Nationalteam einen sehr guten Verlauf. Wir haben gegen Schweden auch wieder das Spiel bestimmt, aber die Siegermentalität ist das Problem. Ob man das eben so kurzfristig ändern kann, daran zweifle ich. Die Möglichkeit sich zu qualifizieren ist natürlich sehr hoch, aber es wird trotzdem sehr eng, da das Problem dasselbe ist wie bei der letzten Qualifikation.“

…Marcel Koller und ob er der richtige Mann für den teamchefposten ist? „Vom technisch-taktischen her macht er es gut, da habe ich auch kein Problem gehabt. Nur das entscheidet leider keine Fußballspiele. Das kann ja auch jeder, hat man bei der Weltmeisterschaft gesehen. Wer war entscheidend, dass Deutschland Weltmeister geworden ist. Das waren ein bis zwei Köpfe. Das war nicht die Spielanlage, sondern eine rein mentale Geschichte. Ich habe das beim FA Cup selber erlebt – im Halbfinale als Favorit und im Finale als Außenseiter. Es kann jeder Fußball spielen, sich aufstellen, aber letztendlich entscheidet der Kopf.“

…das EM-Quali-Duell gegen die Schweden: „Man sollte nicht immer von Fortschritt reden. Das war zu meiner Zeit auch so. Man spielt zwar gut, verliert aber oder holt nur einen Punkt und dann wird immer gerne von Fortschritt gesprochen. Das sollte man einmal beiseite lassen, Fußball ist ja ein Ergebnissport.“

…die Spielidee des Nationalteams: „Flanken auf Marc Janko sind zu wenig, wenn man das Spiel analysiert. Wenn man die Idee hat Marc mit Flanken zu füttern und ihn da vorne reinzustellen … da muss mehr kommen.“

…ob er den Zwist mit Marcel Koller bereut: „Bereuen, das ist immer so eine Sache. Das ist schwierig so einzuschätzen, da man nicht weiß wie viel ich gespielt hätte, weil ich der Meinung bin, dass ich der Mannschaft helfen kann, wenn ich am Spielfeld stehe und nicht außerhalb. Für das habe ich mich nicht gesehen.“

…ob ein Trainer Paul Scharner generell vorstellbar ist? „Trainer ist auch das Problem – ich habe ja auch aufgehört wegen meiner Familie. Die haben zehn Jahre das gemacht, was ich vorgegeben habe. Mein Ältester ist schon neunmal umgezogen. Deswegen ist der Trainerjob nicht auf meiner Liste, weil es dann wieder der gleiche Lebensumstand wie damals ist. Weil wenn ich etwas mache, dann mache ich es anständig. Ich bin mit meiner Karriereerfahrung, die ich gemacht habe, zufrieden und brauche daher keine neue starten.“

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