Race Across America: „Man wacht auf und glaubt, man muss wieder weiterradeln“
In den frühen 2000er-Jahren hätte in seinem Heimatort wohl kaum jemand gedacht, dass ausgerechnet Lukas Kaufmann einmal beim längsten und anspruchsvollsten Radrennen der Welt an den Start gehen würde. Der Oberösterreicher tut genau das – und fährt beim legendären Race Across America (RAAM) gleich zwei Jahre in Folge auf Platz zwei. Eine Leistung, die nicht nur von sportlicher Stärke erzählt, sondern vor allem von jahrelanger Vorbereitung und mentaler Ausdauer.
Auch wenn der 32-Jährige 2024 erstmals beim RAAM an den Start ging, begann seine Reise dorthin deutlich früher. Über viele Jahre hinweg tastete er sich Schritt für Schritt an immer längere Distanzen heran, nahm an Marathons teil, stellte sich der Salzkammergut Mountainbike Trophy und wagte schließlich 2017 den Einstieg in den 24-Stunden-Radsport. Eine Entscheidung, die rückblickend richtungsweisend war.
„Im Kopf haben sich dadurch Grenzen verschoben“, beschreibt Kaufmann den Prozess Sky gegenüber. Was zunächst nach einer persönlichen Herausforderung klang, entwickelte sich immer mehr zu einer Lebensaufgabe. Dass es am Ende tatsächlich das Race Across America werden würde, war zwar lange ein Traum – aber einer, für den es Zeit brauchte: „Eigentlich hat es bei mir zehn Jahre gedauert, bis ich mir das RAAM zugetraut habe.“
Die Faszination beginnt früh
Seine Begeisterung für das Rennen entstand nicht erst im Erwachsenenalter. Als Kind in Niederneukirchen kam Kaufmann in einem Radverein erstmals intensiver mit dem Sport in Berührung. Besonders prägend war dabei eine Begegnung abseits der Strecke: In der Praxis eines Sportmediziners, der regelmäßig RAAM-Athleten betreute, sah er Bilder und Eindrücke vergangener Rennen. „Diese langen Geraden in den Getreidefeldern in Kansas – das hat mich fasziniert.“
Was zunächst wie eine ferne Vorstellung wirkte, wurde über die Jahre zu einem konkreten Ziel. Der Wunsch, dieses Rennen selbst zu erleben, wuchs mit jeder Saison.
Die Doku WEIT:ER RACE ACROSS AMERICA 2025 am 16. Mai um 20 Uhr 15 live auf Sky – streame auf Sky X und danach On Demand in der Mediathek!
Extrembedingungen auf allen Ebenen
Das Race Across America verlangt den Teilnehmern alles ab – körperlich, organisatorisch und finanziell. Knapp 5.000 Kilometer führen von der West- zur Ostküste der USA, durch 13 Bundesstaaten, vier Zeitzonen und nahezu 50.000 Höhenmeter. Doch bevor überhaupt ein Kilometer gefahren ist, beginnt die eigentliche Herausforderung.
Allein der logistische Aufwand ist enorm: „Im Team habe ich 15 Leute. Die Flugkosten liegen schon bei rund 20.000 Euro.“ Insgesamt summieren sich die Ausgaben auf etwa 50.000 Euro – und das ohne zusätzliches Medienteam. Möglich wird das für Kaufmann durch Sponsoren, die ihn seit seiner Selbstständigkeit als Profisportler im Jahr 2019 begleiten.
Gleichzeitig ist Planung entscheidend – allerdings nicht im klassischen Sinn: „Wichtiger als Plan A sind Plan B und Plan C.“ Denn was auf dem Papier durchdacht erscheint, kann sich auf der Strecke innerhalb weniger Stunden ändern. Extreme Temperaturschwankungen gehören ebenso dazu wie technische Probleme oder körperliche Krisen. „Wir hatten in der Wüste 43 Grad und am höchsten Punkt der Rocky Mountains minus 3 Grad.“
Material, Strategie und Schmerz
Neben der Kondition spielt auch die richtige Ausstattung eine zentrale Rolle. Kaufmann fährt das Rennen nicht mit nur einem Rad, sondern wechselt je nach Streckenprofil. Auf flachen Passagen setzt er auf ein Zeitfahrrad mit aerodynamischem Vorteil, während er bei Anstiegen auf ein anderes Modell zurückgreift.
Diese Wechsel haben auch einen entscheidenden Nebeneffekt: „Man freut sich auf jeden Radwechsel, weil man eine andere Position einnimmt.“ Denn die körperliche Belastung ist enorm und bleibt über Tage hinweg konstant hoch.
Die Folgen lassen sich nicht ausblenden: Druckstellen, offene Wunden und ein Gewebe, das irgendwann schlicht überlastet ist. „Durch die vielen Pedalumdrehungen wird das Gewebe so müde, dass es abstirbt und aufreißt“, beschreibt Kaufmann die Realität eines solchen Rennens. Während der Belastung selbst sei der Schmerz durch das Adrenalin oft anders wahrnehmbar – doch er ist immer präsent.
Die größte Herausforderung: der Kopf
So extrem die körperlichen Auswirkungen auch sind – entscheidend ist letztlich die mentale Stärke. Schlaf wird zur absoluten Ausnahme, oft bleiben nur 50 bis 60 Minuten am Stück. Der Körper ist im Dauermodus, der Geist muss trotzdem funktionieren, erklärt Kaufmann: „Du musst am Ende selbst entscheiden, ob du weiterfährst oder nicht.“
Um sich auf diese Situationen vorzubereiten, arbeitet Kaufmann mit einem Mentaltrainer. Gleichzeitig gibt es in Momenten tiefster Erschöpfung einen ganz einfachen Anker: seine Familie. „Wenn es mir schlecht gegangen ist, habe ich meine Frau und meinen Sohn angerufen.“ Diese kurzen Gespräche hätten ihm immer wieder die Kraft gegeben, weiterzumachen.
Zwischen Leidenschaft und Verantwortung
Doch genau darin liegt auch ein Spannungsfeld, das über den sportlichen Aspekt hinausgeht. Ein Rennen wie das RAAM bedeutet nicht nur für den Athleten selbst eine enorme Belastung, sondern auch für sein Umfeld.
„Mich nimmt das mit, wenn ich die Bilder sehe, wo es mir so schlecht geht – aber am schlimmsten ist es für meine Eltern und für meine Frau.“
Seine Partnerin begleitet ihn seit zwölf Jahren, kennt den Sport und bringt als Physiotherapeutin viel Verständnis mit. Dennoch hat das RAAM auch Spuren im Privatleben hinterlassen. Die Intensität, die Dauer und die physischen Risiken bleiben nicht ohne Auswirkungen.
Nach dem Ziel ist vor der Erholung
Was oft unterschätzt wird, ist die Zeit nach dem Rennen. Während das Ziel emotional mit Familie, Essen und Schlaf verbunden wird, sieht die Realität anders aus. Der Körper braucht Wochen, teilweise Monate, um sich zu regenerieren.
Offene Wunden benötigen lange zum Heilen, taube Finger und Zehen können zwei bis drei Monate bestehen bleiben – in manchen Fällen drohen sogar dauerhafte Nervenschäden. Dazu kommt ein völlig gestörter Schlafrhythmus: „Man wacht nach 50 oder 60 Minuten auf und glaubt, man muss wieder weiterradeln.“
Diese Phase sei besonders schwierig – nicht nur für ihn selbst, sondern auch für sein Umfeld. „Das Schlimmste am RAAM ist die Zeit danach, bis ich wieder ein normaler Mensch werde.“
Lehren und neue Ziele
Gerade deshalb zieht Kaufmann aus jedem Rennen wichtige Erkenntnisse. Ein zentraler Punkt ist die Ernährung: In rund neuneinhalb Tagen nimmt er etwa 92.000 Kalorien zu sich – Mengen, die mit normaler Nahrung kaum zu bewältigen wären. „Ich müsste jeden Tag sechs bis sieben Kilo Nudeln essen – das funktioniert nicht“, so der Oberösterreicher.
Die Lösung liegt in speziell abgestimmter Flüssignahrung, die der Körper besser aufnehmen kann. Für die Zukunft arbeitet Kaufmann zusätzlich mit einer Ernährungsberaterin, um hier noch gezielter optimieren zu können.
Pause – und der Blick nach vorne
2026 wird Kaufmann bewusst auf eine Teilnahme am RAAM verzichten. Nach zwei Jahren am absoluten Limit steht zunächst Erholung im Vordergrund – auch im Sinne seiner Familie.
Ganz loslassen kann er den Traum aber nicht: Für 2027 denkt er bereits wieder an einen neuen Versuch – mit dem klaren Ziel, das Rennen zu gewinnen. Sollte das nicht gelingen, stellt er auch grundsätzliche Fragen: Wie lange kann und will man diese Belastung auf sich nehmen?
Bis dahin bleibt der Kalender voll. Mit der Ultra-Cycling-Europameisterschaft, der Salzkammergut Trophy und der Weltmeisterschaft rund um Österreich warten bereits 2026 die nächsten Herausforderungen.
Beitragsbild: Alex Zauner
