„Schande von Gijon“ spielt gegen Algeriens Wüstenfüchse mit

Zum Abschluss der WM-Gruppenphase am 28. Juni wartet ein emotional aufgeladenes Duell. Gewiss wird vor dem Wiedersehen der algerischen mit der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft die Vergangenheit wieder aufgewärmt werden: Den deutsch-österreichischen Nicht-Angriffspakt von Gijon 1982 haben die Algerier nicht vergessen. Schon einmal, beim bisher letzten WM-Antreten 2014, waren die „Fennecs“ (Wüstenfüchse) drauf und dran, ihre Rechnung mit Deutschland zu begleichen.

Bei der Brasilien-Endrunde boten die Algerier dem späteren Weltmeister bis in die Verlängerung des Achtelfinales Paroli. Die Stimmungslage im Vorfeld zeigte nicht zuletzt die Berichterstattung vor zwölf Jahren. Von „Revanche“ und „Rache“ für 1982 war da etwa zu lesen. Bei der damaligen WM in Spanien hatten sich Österreich und Deutschland auf einen „Nicht-Angriffspakt“ geeinigt, das DFB-Team gewann 1:0 und stieg so wie auch die ÖFB-Auswahl auf. Dafür blieb Algeriens Goldene Generation trotz zweier Gruppensiege auf der Strecke.

Seither sitzt der Stachel tief. Auch weil sich die Algerier vor 44 Jahren auch noch rassistische Sprüche anhören mussten, wie jenen des österreichischen Delegationsleiters Hans Tschak, der von einem abgekarteten Spiel nichts wissen wollte: „Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier 10.000 Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, dass die zu wenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können“, grantelte Tschak. Das ÖFB-Team hatte zuvor den bis heute einzigen Vergleich mit Algerien durch Tore von Walter Schachner und Hans Krankl 2:0 für sich entschieden.

Rechen-Spielchen wieder möglich

Die Schande hatte Konsequenzen. Seit 1984 finden die letzten Spiele zeitgleich statt. Und doch birgt die Konstellation auch beim aktuellen XXL-Turnier in Nordamerika potenziell Zündstoff. Die Partie in Kansas City ist zeitgleich mit dem Gruppe-J-Parallelspiel Argentinien – Jordanien das letzte Gruppenmatch des gesamten Turniers. Taktische Spielchen – mitunter könnte der dritte Gruppenplatz einen leichteren Turnierweg als der zweite bereithalten – scheinen möglich.

Ungeachtet von Rechenspielen gelten die Algerier bei ihrer fünften Teilnahme gemeinsam mit Österreich als Anwärter auf den zweiten Gruppenplatz hinter Argentinien. Mit Vladimir Petkovic sitzt ein Mann mit großer Erfahrung auf der Trainerbank. Der ehemalige Teamchef der Schweiz versammelt ein Team mit Europa-Erfahrung um sich. 20 der 26 Akteure verdienen auf dem Kontinent ihr Geld.

Mit Rückenwind zur WM

Algerien belegt in der FIFA-Weltrangliste Platz 28. Bekanntester Name ist wohl der mittlerweile 35-jährige Ex-Manchester-City-Star Riyad Mahrez (Al-Ahli), dessen Einsatzminuten aber sukzessive weniger werden. Mit Rayan Ait-Nouri (ManCity), Nabil Bentaleb (Lille), Ibrahim Maza (Leverkusen), Ramy Bensebaini (Dortmund), Amine Gouiri (Marseille) und Mohamed Amoura (Wolfsburg), mit zehn Toren in der Qualifikation bester Torschütze, stehen international erprobte Kräfte im Kader.

Das Tor hütet Luca Zidane, ein Sohn der französischen Fußball-Legende Zinedine Zidane. Der Schlussmann des spanischen Zweitligisten Granada läuft seit 2025 für die Nordafrikaner auf. Bei der erfolgreichen WM-Generalprobe in den Niederlanden hielt er den überraschenden 1:0-Sieg fest. Feyenoord-Profi Anis Hadj Moussa erzielte im Land seines Arbeitgebers den entscheidenden Treffer – und unterstrich einmal mehr die Gefährlichkeit, die der Afrika-Meister von 2019 über seine individuell stark besetzten Flügel ausstrahlt.

(APA)/Beitragsbild: Imago