Scheib nach surrealem Sölden-Sieg: „Jetzt mein Lieblingsrennen“
Am Samstag ertönte in Sölden erstmals zu Ehren von Julia Scheib die österreichische Bundeshymne nach einem Ski-Weltcup-Rennen. Der Moment sei „schon ein bisschen surreal“ gewesen, bekundete die in der Vergangenheit von einigen Rückschlägen geplagte Steirerin nach ihrem Sieg im Riesentorlauf. „Das ist sicher jetzt mein Lieblingsrennen“, fügte Scheib hinzu. Ihr Erfolg verdeckte allerdings ein sonst bescheidenes ÖSV-Ergebnis.
Im Ziel angekommen war Scheib mit ihren Emotionen erst einmal alleine. „Es war wirklich so, dass ich länger auf die Tafel geschaut habe, weil es kurz wirklich ein bisschen wie im Film war. Natürlich habe ich es aber auch von der ersten Sekunde an wirklich genossen“, erzählte die 27-Jährige. „Ich suche da echt die Ruhe. Ich versuche, das Gefühl wirklich so zu verarbeiten und zu spüren, weil da vergisst man oft darauf.“
Viel Zuspruch in schweren Phasen
Scheib gehört der Riesentorlauf-Weltcupgruppe des ÖSV seit 2018/19 an. Zu dem Zeitpunkt war sie 20, schon als 16-Jährige hatte sie ihren ersten Kreuzband- und Meniskusriss erlitten. 2019 setzte sie das Pfeiffersche Drüsenfieber für einige Zeit außer Gefecht, ein Jahr später eine Coronavirus-Infektion. 2021 folgte der nächste und bisher schwerste Rückschlag mit einem erneuten Totalschaden im Knie. Nach dem zweiten Kreuzbandriss musste sie fast zwei Jahre für ihr Comeback arbeiten.
Dass so viele an ihr Potenzial geglaubt hätten, sei damals eine riesige Hilfe gewesen. „Ich habe immer wieder gehört: Du fährst so schnelle Schwünge, du fährst so gut Ski. Ich glaube, das war in den dunkelsten Momenten das Entscheidende, dass ich diese Stimmen gehabt habe“, sagte Scheib. „Man muss dranbleiben, nicht gleich den Kopf in den Sand stecken.“
„Kann auch eine Seriensiegerin werden“
Ihr Talent wurde ihr von verschiedensten Trainern und Entscheidungsträgern im Verband immer wieder bescheinigt. „Wenn sie ihr Können über 40 Schwünge zeigt, und nicht nur über 20 wie jetzt und dann einen Fehler macht, kann sie auch eine Seriensiegerin werden“, hatte Riesentorlauf-Spartentrainer Martin Sprenger noch kurz vor dem Sölden-Auftakt gesagt. „Man gewinnt das nicht, wenn man es technisch nicht drauf hat, und wenn man es nicht übt. Und das hat sie getan und es heute gezeigt“, analysierte Alpinchef Christian Mitter nach ihrem Erfolg.
Ob mit dem Sieg der berühmte Knoten geplatzt ist und der Weg tatsächlich zur Seriensiegerin führen wird, ist ungewiss. „Es sind noch viele Rennen, und Skifahren ist tough. Es ist wirklich ein verrückter Sport, wo viel passieren kann. Aber natürlich ist es super, dass es gleich so aufgegangen ist, weil man ganz anders weiterarbeiten kann mit einer Ruhe bis zum nächsten Rennen“, sagte Scheib. Der nächste Frauen-Riesentorlauf steht erst am 29. November in Copper Mountain an. Der nächste fixe Programmpunkt ist ein Super-G-Training in der kommenden Woche. Auch in ihrer zweiten Disziplin möchte Scheib in dieser Saison einen weiteren Entwicklungsschritt machen.
Große Lücke hinter Scheib
So stark sich Scheib präsentierte, so dürftig waren die Leistungen ihrer Teamkolleginnen in Sölden. Stephanie Brunner war 23., direkt dahinter reihte sich Nina Astner ein. Katharina Liensberger war als 27. komplett chancenlos. ÖSV-Coach Sprenger sprach das klipp und klar an. „Die Steffi war stark bis zum Fehler. Aber im zweiten haben sie die guten Nummern, die sie gehabt haben, nicht nutzen können. Und die beiden Jungen, Viktoria Bürgler und Victoria Olivier, von denen ich gedacht habe, die schaffen es, haben das, was sie können, nicht zeigen können“, sagte der Tiroler.
„Da muss man analysieren und an Schrauben drehen die nächsten fünf Wochen, dass wir das schaffen. Aber ich glaube, Julia und ihr Ergebnis sind für die Gruppe eine Erleichterung“, so Sprenger weiter.
Die US-Frauen, die im Vorfeld gemeinsam mit den Österreicherinnen in Sölden trainiert hatten, haben ihren „Heimvorteil“ hingegen ausgespielt: Paula Moltzan war Zweite, Mikaela Shiffrin Vierte, Nina O’Brien Sechste. Insgesamt landeten fünf US-Amerikanerinnen unter den Top 13. Die Gegenseite dieses Deals: Im November werden die Österreicherinnen in der Vorbereitung in Copper Mountain mit den USA trainieren und exklusive Pistenzugänge bekommen.
(APA)/Beitragsbild: GEPA
