Schiedsrichter Stefan Ebner beim „DAB I Der Audiobeweis“: „Du nimmst etwas wahr und siehst eine Minute später, das war kompletter Blödsinn“

  • Stefan Ebner über strittige Entscheidungen: „Es ist nicht schön, wenn ganz Österreich weiß, das war ein Fehler und du stellst dich hin und erklärst es auch noch“
  • Stefan Ebner: „Nur zu sagen, ich gebe dir Geld und du bist jetzt Profischiedsrichter, macht dich nicht zu einem Profi“
  • Stefan Ebner über den Umgang zwischen Spielern und Schiedsrichtern: „Ich habe auch Emotionen und schreie die Spieler nicht nieder“
  • Alfred Tatar über die Schiedsrichterausbildung in Österreich: „Ich weiß nicht, warum es in dem Geschäft, was der Fußball ist, nicht möglich ist, die nötigen Schritte einzuleiten“

DAB | Der Audiobeweis Folge #192 mit Stefan Ebner

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FIFA-Schiedsrichter Stefan Ebner und Sky Experte Alfred Tatar waren zu Gast im Sky Sport Austria Podcast „DAB|Der Audiobeweis“.

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Stefan Ebner (FIFA-Schiedsrichter):
…über die Auszeichnung „Schiedsrichter der Saison“: „Es kam doch äußerst überraschend, vor allem, weil es in den letzten Jahren einen Seriensieger gegeben hat. Ich habe mein Matchvorbereitungstraining absolviert. Als ich zurückgekommen bin, sind die Glückwünsche auf dem Handy schon übergegangen. Es hat einen sehr hohen Stellenwert, weil es von den handelnden Personen der Österreichischen Bundesliga gewählt wird. Die Freude ist natürlich groß.“

…über Gratulationen der Trainerkollegen: „Von allen kann ich nicht beantworten. Definitiv kam es von verschiedensten Kreisen, die gratuliert haben, auch von unzähligen, aktiven Spielern. Im Fußball kennt man so viele Leute. Im Freundeskreis und Familienkreis ist es an keinem spurlos vorbeigegangen. Gerade, weil es nicht so oft vorkommt, ist es etwas ganz Besonderes.“

…über Stellungnahmen von Schiedsrichtern im Interview nach strittigen Entscheidungen: „Die Transparenz ist sowohl im Sport als auch in der Privatwirtschaft wichtig, in allen Bereichen. Wenn ich die TV-Bilder sehe und ich dazu zum Interview gebeten werde, dann ist es für mich kein Problem zu argumentieren, warum ich die Entscheidung getroffen habe. Je öfter das vorkommt, desto sattelfester wird man. Es ist nicht schön, wenn ganz Österreich weiß, das war ein Fehler und du stellst dich hin und erklärst es auch noch. Aber meiner Meinung nach gehört das zu unserem Job dazu.“

…über seine Leistungen in dieser Saison: „Eigentlich ärgert mich jedes Spiel. Es gibt immer Situationen, die man besser hätte lösen können. Perfektionismus gibt es de facto nicht. Dann sucht man sich Details raus, die man in seiner Leistung verbessern kann. Es ist wichtig, gerade die kleinen Schrauben anzudrehen. Mir ist aber in dieser Saison keine Entscheidung im Kopf, in der ich den Spielausgang mit einer falschen Entscheidung maßgeblich beeinflusst habe. Zweimal bin ich vom VAR korrigiert worden und das ist auch gut so. Vor drei Wochen kam es bei Wolfsberg gegen Altach in der 83. Minute auf der Torlinie seitlich des Tores zum Handspiel und ich hatte keine Wahrnehmung von der Situation. Ich habe dem VAR sofort gesagt, ich habe es nicht gesehen, dort standen zwei Spieler im Weg, aber ich vermute ein Handspiel – bitte checkt das. Im Laufe dieses Checks habe ich gesehen, dass zuvor ein leichter, aber entscheidender Stoß kam. Somit ist die Hand als Reflex gekommen und ich habe als Stürmerfoul entschieden. Das ist so auch von allen Beteiligten akzeptiert worden. Früher hätte ich vielleicht als Verdacht das Handspiel geahndet. Oder es wäre gar nichts rausgekommen. So ist es ein gutes Gefühl, wenn ich im Nachhinein weiß, es war richtig. Bei diesen Spielen geht es um so viel. Da will man das nicht so entscheidend beeinflussen. Es ist ein gutes Gefühl, dass man diese Möglichkeit nutzen kann.“

…über strittige Situationen: „Du nimmst etwas wahr und siehst eine Minute später, das war kompletter Blödsinn. Auch damit muss man klarkommen. Da muss man sich rausnehmen und die Situation ganz neu betrachten, damit man nicht total gestresst dort rausgeht.“

…über mehr Transparenz im Stadion bei VAR-Entscheidungen: „Es wäre besser, wenn die Zuschauer dieselben Bilder bekommen, wie ich oder die Fernsehzuschauer. Du wirst nie hundertprozentige Zustimmung bekommen aber für die Transparenz wäre es besser, die Bilder einzublenden als mich erklären zu lassen, warum ich die Entscheidung so getroffen habe.“

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…über die Handspielregel: „Ich bin Gott sei Dank nicht in der Situation, das entscheiden zu müssen. Die kniffligen Handspielsituationen haben mich in den letzten Jahren zum Glück nicht verfolgt. Es gab ja auch Situationen, da hatte man gefühlt acht VAR-Checks wegen möglichen Handspiels im Strafraum und keiner kennt sich mehr aus, wann Strafstoß gegeben oder weitergespielt wird. Ich habe kein Rezept, wie man hundert Prozent Zufriedenheit erreicht. Aber es gibt im Fußball so viele Leute, die im Hintergrund arbeiten. Ich vertraue darauf, dass es so einheitlich ausgelegt wird, dass es für alle von uns leichter wird.“

…über geplante Regeländerungen: „Ich will erst die Saison beenden und noch nicht an die Zukunft denken. Ich bin gespannt, was da kommen wird, aber hab mich noch nicht damit befasst.“

…über VAR-Bilder: „Wir müssen mit dem auskommen, was uns zur Verfügung gestellt wird. Wir können nicht sagen, dass wir bei jedem Spiel zwanzig Kameras wollen. Wenn ich als Videoschiedsrichter aktiv bin, muss ich mit dem Material arbeiten, was ich habe. In Österreich sind das in einem normalen Spiel 6-8 Kameras und in einem Top-Spiel 12-14. Durch das Set-Up ist es relativ einfach, die bestmöglichen Kameras zu finden. Das ist, je mehr Kameras das werden, aber auch nicht immer so. Speziell beim Abseits ist es abhängig vom Stadion, ob der Neigungswinkel der Kamera sehr flach oder hoch ist. Das ist auch ein Infrastrukturthema in Österreich. Nicht in jedem Stadion kann man die Kameras gleich einrichten.“

…über das Feedback nach dem Spiel zwischen Rapid Wien vs. Sturm Graz: „In jedem Spiel gibt es einen Beobachter, der im Stadion ist und in der VAR-Zentrale einen Supervisor. Dann gibt es Rücksprachen. Am Sonntag war ich im Einsatz bei Rapid gegen Sturm. Unmittelbar nach dem Spiel gab es eine Analyse mit dem Beobachter Thomas Einwaller, die wirklich gut war. Im Anschluss habe ich mir das Spiel den Tag danach angesehen, einige Clips vorbereitet über das, was Thomas Einwaller angesprochen hat und mit meinem Mentor von der UEFA ausgewertet. Die Analysen muss man selbst ein bisschen vorbereiten. Aber das ist aus Gründen der Weiterentwicklung auch in eigenem Interesse. Das Schiedsrichterteam war bei dieser Partie, zumindest soweit ich mitbekommen habe, kein Thema.“

…über die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR: „Die Möglichkeit, sich rausholen zu lassen sollte es immer geben, sowohl am ersten wie am letzten Spieltag. Die Diskussion, es gehe am letzten Spieltag um so viel und deshalb Entscheidungen anders auszulegen, weil mehr Brisanz da ist, dagegen wehre ich mich. Es geht auch an Spieltag 1 um drei Punkte. Die Kernkompetenz eines Schiedsrichters ist, Entscheidungen auf dem Spielfeld zu treffen und der VAR soll unterstützen bei krassen Fehlentscheidungen. Ich tue mich schwer mit der Entwicklung, wenn man sagt, lieber einmal öfter rausgehen, um ganz sicher zu sein. Ich weiß nicht, ob wir uns damit viel Zustimmung holen. Ich will nicht der Schiedsrichter sein, der pro Spiel viermal draußen steht. Wenn man sagt, es ist mehr gecheckt als gespielt worden, will das auch keiner. Ich bin dafür, dass wir die Entscheidung beim Schiedsrichter auf dem Feld lassen. Wenn es sich um einen krassen Fehler handelt, sollte eingegriffen werden.“

…über den Lehrgang der FIFA-Schiedsrichter: „Man kommt ein bisschen ins Ungewisse, weil nicht nur ich da war, sondern auch andere UEFA-Schiedsrichter aus anderen Ländern. Da war der Vorteil, dass mit Harald Lechner noch ein anderer Österreicher dabei war, der sich fast schon väterlich um mich gekümmert hat. Das war sehr spannend, sehr viele Eindrücke. Von der Technik angefangen über die Bildqualität, was dort gezeigt wurde. Es hat Training am Spielfeld gegeben mit einem Videotest. Es war ein Live-Training unter Belastung. Das habe ich so das erste Mal gemacht, obwohl ich schon lange im Schiedsrichterwesen bin. Wenn du an der Spitze bist und die Möglichkeit hast, an der Spitze Kontakte zu haben, ist das schon etwas Besonderes. Gerade als junger Trainer.“

…über das Schiedsrichterwesen in Österreich: „Wenn ich auf den UEFA-Kurs zurückblicke, war ich einer der wenigen vor Ort, der nicht semiprofessionell oder professionell arbeitet. Auch in Ländern, die in der UEFA-fünf-Jahres-Wertung deutlich hinter uns sind, haben sie professionelle Strukturen der Schiedsrichter, die beim Verband angestellt sind. Aus meiner persönlichen Sicht habe ich meinen Job zum 1. Mai wechseln müssen und arbeite mittlerweile auf selbstständiger Basis, weil es sich unterm Strich mit den ganzen Kursen der UEFA, den Spielen und den Turnieren nicht ausgeht. Du weißt auch nie, wie viele Spiele du tatsächlich bekommst. Aber man soll immer verfügbar sein. Ich hatte mal ein gutes Gespräch mit einem ehemaligen Bundesliga-Trainer. Der sagte, er weiß, was es heißt, Profi zu sein, weil er als Spieler Profi war. Als er als Trainer begonnen hat, hat er das halbtags gemacht und vormittags gearbeitet. Der war immerhin in der Regionalliga. Mit dem Wechsel in das Trainertum hat er gemerkt, was es heißt, Profi zu sein. Natürlich würde ich mir wünschen, dass es zu Änderungen kommt, weil wir wettbewerbsfähig bleiben müssen. Es geht nicht darum, fünf Schiedsrichter zu professionalisieren und zu sagen, die pfeifen jetzt unsere Spiele und dann wird alles besser. Das ist Fakt, dass das nicht passieren wird. Aber wenn ich Profi bin und Strukturen habe kann ich das ganz anders an die Basis weitergeben. Davon profitiert nicht nur die Spitze, sondern auch die Basis. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Es wird sehr schwierig, international mitzuhalten, wenn es nicht zu Änderungen kommt.“

…über Professionalisierung des Schiedsrichterwesens: „Nur zu sagen, ich gebe dir Geld und du bist jetzt Profischiedsrichter, macht dich nicht zu einem Profi. Es müssen auch Leute im Hintergrund arbeiten, die Coaches, die Beobachter. Stefan Messer macht das unentgeltlich. Der setzt sich in seiner Freizeit hin und analysiert mit mir die Spiele. Wer im Fußball würde das unentgeltlich machen? Ich verstehe, dass es eine Zeitfrage für Berufstätige ist. Viele machen das ehrenamtlich. Ich sage mal ganz frech, für diese Gage, die Robert Schörgenhofer für ein ganzes Wochenende bekommt, würden viele nicht einmal in den Bus zum Auswärtsspiel steigen.“

…auf die Frage, warum ein junger Mensch Schiedsrichter werden sollte: „Ich bin Schiedsrichter geworden, weil ich auf dem Fußballplatz groß geworden bin. Als Zehnjähriger habe ich die Schiedsrichter beobachtet und es hat mich fasziniert. Der Verein, in dem mein Vater Trainer war, hat mich mit vierzehn zum Schiedsrichter gemacht, weil ich ja sowieso immer da war. Siebzehn Jahre später habe ich es nicht einen Tag bereut. Es gibt definitiv Gründe. Man muss das Ganze mal gemacht haben, um zu wissen, ob es etwas für einen ist. Wir brauchen Nachwuchs. In Österreich funktioniert das momentan noch relativ gut. Es gibt aber Verbände, in denen nicht einmal gewährleistet ist, dass es in jedem Spiel im Unterhaus einen Schiedsrichter gibt. “

…über den Umgang von Spielern und Betreuern mit Schiedsrichtern in Österreich: „Ich erwarte einen Respekt im Umgang mit uns, weil ich diesen Respekt auch jedem entgegenbringe. Womit ich massive Probleme habe, ist alles unter dem Deckmantel „Emotionen“ zu rechtfertigen. Ich habe auch Emotionen und schreie die Spieler nicht nieder. Wenn nach dem Spiel zehn Leute auf den Schiedsrichter hinlaufen wie wild, weiß ich nicht, warum man nicht in aller Ruhe in die Kabine kommen kann. Es ist nicht so, als ob die Kabine des Schiedsrichters zugesperrt ist. Das ist dann ja kein Dialog. Das kommt aber überall vor, nicht nur in Österreich. Ich fühle mich als Schiedsrichter schon respektiert, aber manchmal wünsche ich mir ein bisschen mehr.“

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Alfred Tatar (Sky Experte):
…über die Auszeichnung von Stefan Ebner zum „Schiedsrichter der Saison“: „Bei den Spielern bewerte ich Werkzeugebene, Verhaltensebene und Steuerungsebene. Analog gibt es das bei den Trainern und auch bei den Schiedsrichtern. Stefan beherrscht das Regelwerk hervorragend. Die Verhaltensebene ist dann zu sehen, wenn es auf dem Spielfeld brenzlig wird, wenn es für Spieler und Zuschauer nicht nachvollziehbar ist. Dann sieht man, ob er hektisch wird. Stefan Ebner ist ein Mann, der dann sehr viel Ruhe ausstrahlt. Letztlich die Steuerungsebene, d.h. wie performt er insgesamt als Persönlichkeit. In der Kommunikation mit Spielern, Trainern, seinen Assistenten oder den Leuten, die den VAR darstellen hat er eine sehr hohe Qualität. Wenn ich alle drei Kriterien zusammennehme, ist er der verdiente Schiedsrichter des Jahres.“

…über Stellungnahmen von Schiedsrichter im Interview nach strittigen Entscheidungen: „Mittlerweile glaube ich, dass die Riege der Schiedsrichter ein gewisses Selbstbewusstsein hat. Das verlangt, dass man Fehler auch vor der Kamera eingesteht. Das ist auch bei Stefan Ebner der Fall. Die Leute beherrschen das Regelwerk inhaltlich aber haben auch die persönliche Größe, Fehler einzugestehen.“

…über die fehlende einheitliche Linie beim VAR: „Die Bilder sind oft gar nicht in der Lage, Auskunft zu geben, ob eine Situation strafbar war oder nicht. Die technische Limitierung kommt zu der Interpretation des Schiedsrichters noch hinzu.“

…über die weitere Entwicklung von Stefan Ebner: „Die Frage ist, wie ist das Umfeld gestaltet, um die Entwicklung zu befeuern. Was wird sich in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren im ÖFB tun, was die Professionalisierung des Schiedsrichterwesens angeht. Das würde sicherlich ein Booster für unsere Schiedsrichter sein, wenn sie sehen, es ist Licht am Ende des Tunnels.“

…über den ÖFB und die Schiedsrichterausbildung: „Ich verstehe nicht, warum es bei dem Geschäft, was der Fußball ist, nicht möglich ist, die nötigen Schritte einzuleiten.“

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