Seleção verzaubert die Fußball-Welt
Mit einer beeindruckenden Gala und begleitet von Jubeltänzen ist Rekord-Weltmeister Brasilien bei der Fußball-WM über Südkorea hinweggefegt.
Nach der Machtdemonstration beim 4:1 (4:0) am Montag in Doha wartet im Viertelfinale am Freitag (16.00 Uhr) mit Vize-Weltmeister Kroatien die drittletzte Hürde auf dem Weg zum angestrebten sechsten WM-Titel.
In der ersten Halbzeit erzielten die Südamerikaner im Stadion 974 durch Vinicius Júnior (7.), Neymar (13./Foulelfmeter), Richarlison (29.) und Lucas Paquetá (36.) die vier Tore, drei davon wunderschön herausgespielt. „Man wächst in so ein Turnier rein und jedes Spiel wird einen Tick besser. Wir sind super eingespielt“, sagte Vinicius Júnior. Neymar gab sich noch selbstbewusster. „Wir werden im Finale lachen“, erklärte der Superstar nach seinem starken Comeback.
Sein Tor war der unspektakulärste aller vier Treffer. Vor dem ersten Tor hatte Raphinha auf Rechtsaußen das Tempo angezogen. Anschließend legte er quer auf Vinicius Júnior (7.), der den Ball wohlüberlegt ins rechte Eck schlenzte. Beim dritten Tor veredelte Richarlison eine herrliche Kombination samt Kopfballeinlage über drei Stationen. Den vierten Treffer erzielte Lucas Paquetá per Volleyabnahme.
Selten vereinte eine Mannschaft vom Torhüter bis zur Sturmspitze so viel Klasse in sich. „Heute Abend haben sie eine Nachricht an die Großen gesendet. Es ist wunderbar, ihnen zuzuschauen“, schwärmte der ehemalige deutsche Weltmeister und Teamchef Jürgen Klinsmann und hob das mannschaftsdienliche auch von Neymar hervor. „Dass dein Superstar in der Defensive mithilft, ist eine sehr wichtige Nachricht an alle. Technisch war Brasilien immer stark, aber wenn du sie auch noch hart gegen den Ball arbeiten siehst, dann weißt du: es wird für jeden unglaublich schwer sein, sie zu schlagen.“
Dass sie nach jedem Treffer Tänze aufführten, kam aber nicht überall gut an. „Ich habe noch nie so viel Tanzerei gesehen. Ich mag das nicht. Es wird gesagt, das ist ihre Kultur. Aber ich denke, das ist wirklich respektlos gegenüber dem Gegner“, sagte der einstige irische Star und Champions-League-Sieger Roy Keane als Experte beim TV-Sender ITV. Die Antwort der Brasilianer ließ nicht lange auf sich warten. „Das Problem hat derjenige, dem es nicht gefällt. Wir werden weiter tanzen“, kündigte Flügelstürmer Raphinha an. Auch Paquetá verteidigte die Form des Jubels. „Das ist unser Ausdruck der Freude, wenn wir ein Tor erzielt haben. Wir machen das nicht, um respektlos zu sein. Wir werden weiter Tore schießen und danach tanzen.“
Richarlison animierte sogar Teamchef Tite zu einem Tänzchen, das der 61-Jährige auch rechtfertigte. „Sie sind sehr jung und ich versuche, mich ihrer Sprache anzupassen. Und Teil ihrer Sprache ist das Tanzen. Es gibt keine andere Interpretation (meines Tanzes) als die Freude über das Tor, die Freude für mein Team und die Freude über die Leistung. Das ist keine Respektlosigkeit gegenüber dem Gegner“, betonte Tite.
Den Sieg widmeten viele Spieler dem an Krebs erkrankten Pelé, die Mannschaft posierte mit einem Banner, welches das Konterfei des 82-Jährigen zeigte. Brasiliens Fußball-Legende wollte im Krankenhaus in São Paulo die Partie mitverfolgen und wird von der Show angetan gewesen sein. Laut Medienberichten schlägt die Chemotherapie bei Pelé nicht mehr an.
Er habe seinem Vater einst ein Versprechen gemacht, hatte Pelé vor dem Südkorea-Spiel in den sozialen Medien geschrieben. Dazu postete er ein Foto, das ihn während der WM 1958 in Schweden zeigt. Dort gewann er als 17-Jähriger einst seinen ersten von drei WM-Titeln. „Ich will euch inspirieren, meine Freunde“, lautete sein Text an die aktuellen Spieler der Seleção. „Das berührt mich sehr. Ich wünsche ihm alles erdenklich Gute“, sagte Neymar später dazu. Davor hatte er sein 76. Tor für die Seleção erzielt. Nur eines fehlt ihm noch, um mit Pelé gleichzuziehen.
(APA)
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