Seriensiegerin Veronika Aigner: Der letzte Tanz im Slalom
Vier Rennen, vier Medaillen: Dreimal Gold, einmal Silber. Veronika Aigner schreibt bei den Winter-Paralympics in Milano/Cortina ihre eigene Erfolgsgeschichte weiter, die inmitten von Trubel und Belastung fast leicht wirkt. Doch hinter der glänzenden Medaillenbilanz verbirgt sich eine Athletin, die in diesen Tagen an ihre Grenzen geht.
Morgen steht der Slalom an. Ihr „letzter Tanz“ in dieser Disziplin, wie sie im Sky-Interview sagt. Und die gesamte Welt des Para-Skisports blickt darauf: Kann Aigner noch einmal liefern?
Zwischen Medaillenglanz und Erschöpfung
Skifahrerisch läuft es richtig gut, sagt sie. Doch es ist weniger der Sport, der sie fordert, sondern alles, was rundherum passiert: „Interviews führen, Zeremonien, die Wege dazwischen, kurz im Zimmer und dann wieder ins Österreich-Haus. Hier hat man keine Regenerationszeit.“
Nach jedem Erfolg warten Kameras und nach jedem Zielinterview folgt das nächste Mediengespräch. Gleichzeitig verspürt sie aber den Druck weiter abliefern zu müssen. Denn die Erwartungen sind enorm: Nach vier Medaillen geht niemand mehr davon aus, dass etwas schiefgehen könnte. Doch Para-Sport funktioniert nicht so einfach. „Vielleicht hat man einmal einen schlechten Tag, ist nicht ganz gesund oder man wird in eine falsche Klassifizierung gesteckt.“ Genau das ist bei Veronika Aigner geschehen.
Drittes Paralympics-Gold für Veronika Aigner – Bronze an Stary
Eine Klassifizierung, die alles verändern hätte können
Die paralympische Klassifizierung soll faire Vergleiche ermöglichen. Für sehbehinderte Athletinnen wie Aigner bedeutet das: Sehtests und ein Faktor, der die Endzeit beeinflusst.
Aigner wurde zunächst in die zweite Kategorie eingestuft. Doch ein erneuter, vierstündiger Test – unter enormen Druck und mit dem unangenehmen Gefühl, „einfach raten zu müssen“ – führte plötzlich in die höhere Stufe, wo die Zeit schneller rennt. Eine Kategorie, in der sie deutlich benachteiligt war.
Sie hätte gehen können. Vielleicht sogar sollen, wie sie heute selbst sagt. Aber sie ist geblieben, weil ihre Schwester Lisi ihr den Rücken gestärkt hat. Weil Ehrgeiz oft größer ist als Frustration und weil sie beweisen wollte, dass sie auch unter unfairen Voraussetzungen gewinnen kann. Dass das tatsächlich gelang, machte die bisherigen Siege nur noch wertvoller.
Guidewechsel im letzten Moment – und ein Team, das trägt
„Die vergangenen Wochen waren turbulent.“ Lisi Aigner hätte gerne als Guide an der Seite ihrer Schwester gestanden, doch durch ihre Verletzung, konnte sie dieses Risiko nicht eingehen.
Plan B heißt Eric Digruber, ein langjähriger Begleiter, Physiotherapeut, Coach, seit Kindheitstagen eine Vertrauensperson. Kurzfristig konnte er einspringen. Für die ersten Rennen war dennoch Lilly Sammer an ihrer Seite: jung, ruhig, aber vor allem talentiert. Mit der Zeit stellte sich auch heraus, dass sie auch noch überraschend gut zur Aigner-Dynamik passte.
Was wie eine Notlösung aussah, entpuppte sich als harmonisches Team: „Wir tanzen gemeinsam im Zimmer und haben richtig Spaß. Wir verstehen uns gut und singen und tanzen am Start und es ist sehr harmonisch.“ Und bei emotionalen Momenten, wie Lillys erster Abfahrt, übernahm Veronika plötzlich jene beruhigende Rolle, die früher Lisi innehatte. Es zeigte sich: Aigner ist in diesen Wochen nicht nur sportlich gewachsen, sondern auch menschlich.
Letzter Slalom – und ein Blick in die Zukunft
Slalom liebt sie nicht: „Slalom hasse ich.“ Zu sehr schmerzen die Knie, gezeichnet von Knorpelschäden und einem alten Kreuzbandriss. Jeder Durchgang tut weh. Physiotherapie hilft, aber Slalom wird nie ihr Terrain sein. Deshalb wird das Rennen morgen ihr Abschied aus dieser Disziplin. Das Gute dabei: „Ich gehe mit wenig Druck rein – ich habe vier Medaillen.“
Energiequelle zwischen Chaos und Kameras
Bei all dem Trubel braucht Aigner aber auch einen Ort zum Energie tanken. Besonders hilfreich ist dabei das tägliche Telefonat mit ihrem Freund. Seine Unterschrift mit Herz am Skischuh und ein kleines Kuscheltier im Gepäck – das sind die Kleinigkeiten, die alles bedeuten. „Er ist aber noch viel nervöser als ich, der zittert daheim vorm Fernseher. Und morgen kommt er mit meiner Familie live zuschauen.“
Im Österreich-Haus wird die Stimmung unglaublich sein, vor allem, weil es mit den deutschen Athletinnen und Athleten geteilt wird.
Nach den Paralympics geht dann auch gleich der Interviewmarathon weiter. Sie weiß, dass die Belastung anhält – zumindest vorerst. „Dann bin ich auf Skiurlaub und da kann ich dann hoffentlich endlich alles verarbeiten. Erst nach drei Wochen werd ich das alles realisieren.“
Der letzte Tanz
Wenn sie morgen im Slalom ein letztes Mal aus dem Starthaus stößt, fährt sie so wie immer, nur noch entschlossener, denn es geht darum, zu zeigen, wer sie ist und was sie kann: „Man geht von Rennen zu Rennen und man weiß, was man liefern kann. Da denkt man nicht an die Medaillen, sondern an die einzelnen Disziplinen. Also werde ich morgen wieder mit 130 Prozent Ehrgeiz reinstarten.“
Und egal, wie das Rennen ausgeht: Veronika Aigner ist bereits Seriensiegerin von Milano/Cortina 2026.
Beitragsbild. GEPA