Shiffrins emotionales Olympia-Gold: „Ein wirklich wichtiger Moment“

Ihr drittes Olympia-Gold hat für Mikaela Shiffrin besonders großen Wert. Die US-Favoritin hielt dem Druck im Slalom in Cortina am Mittwoch stand, beendete eine für sie ungewöhnliche olympische Durststrecke. Wie viel auf ihren Schultern gelastet war, bewies die lange und innige Umarmung der 30-Jährigen mit ihrer Mutter und Trainerin Eileen im Ziel. „Das ist ein wirklich wichtiger Moment“, sagte Shiffrin. „Es waren viele verschiedene Reisen, um hierher zu kommen.“

Die mit 108 Siegen erfolgreichste Skifahrerin der Weltcup-Geschichte hatte in den vergangenen Jahren so einiges wegzustecken. Sie holte ihre erste Olympia-Medaille, seit ihr Vater bei einem häuslichen Unfall im Winter 2020 ums Leben gekommen war. „Ich habe von diesem Moment geträumt, aber ich hatte auch sehr viel Angst davor“, erklärte Shiffrin. „Alles, was du im Leben machst, wenn du jemanden verloren hast, ist eine neue Erfahrung. Es ist, als ob du neu geboren werden würdest.“

Zwischen den Durchgängen im Olympia-Slalom, den sie mit 1,50 Sekunden Vorsprung zu einer Machtdemonstration geraten ließ, hätte sie sich für ein kurzes Schläfchen hingelegt, an ihren Vater gedacht und geweint, erzählte Shiffrin bei der Pressekonferenz danach. Sie hätte viele Momente, in denen sie den Gedanken, nicht ohne ihren Vater sein zu wollen, widerstehe. „Vielleicht war es heute das erste Mal so, dass ich diese Realität akzeptieren konnte“, sagte Shiffrin. „Es war ein bisschen spiritueller, als ich üblicherweise bin.“

Die „ganze Breite“ der Emotionen

Von den Winterspielen 2022 in Peking war die Ausnahme-Skifahrerin aus Colorado ohne Medaille heimgekehrt. Auch in Cortina hatte es nach Führung ihrer US-Kollegin Breezy Johnson nach der Abfahrt in der Team-Kombination nur zu Rang vier gereicht. Im Riesentorlauf wurde sie Elfte. Der Slalom war ihre letzte Chance, nicht ein zweites Mal in Folge bei Olympia leer auszugehen. Als Siegerin in sieben von acht Saison-Slaloms war die fünffache Weltcup-Gesamtsiegerin die haushohe Favoritin – und wurde dieser Rolle gerecht.

„Ich bin heute um 1.30 Uhr aufgewacht. Ich war nicht besonders nervös. Es war sehr bequem und gemütlich in meinem Bett“, erzählte Shiffrin. „Ich habe gewusst, dass es ein langer Tag wird. Aber es war auch ein friedlicher Tag in vielen Momenten.“ Sie hätte Druck gefühlt, aber auch das Gefühl, dass alles egal sei. „Ich habe in den letzten drei, vier Monaten, aber auch in den letzten vier oder acht Jahren die ganze Breite von Emotionen gespürt.“

Mentale Herausforderungen

Die größte Aufgabe bei den Spielen sei es gewesen, zu simplifizieren, sich auf das Skifahren zu konzentrieren. „Das war das Ziel. Ich wollte frei sein“, erklärte Shiffrin. „Das ist nicht immer leicht.“ Manchmal fühle es sich unmöglich an, die Nebengeräusche und Erwartungen auszublenden. Nach der Enttäuschung in der Team-Kombi hätte sie nicht auf Social Media geschaut, sondern viele Gespräche mit ihrem Team, ihrer Psychologin, ihrer Mutter, der Familie zu Hause und auch ihrem Lebensgefährten Aleksander Aamodt Kilde geführt. „Sie haben mich daran erinnert, dass die wichtigsten Momente die zwischen dem Start und der Ziellinie sind.“

Gerade die professionelle psychologische Betreuung stand bei Shiffrin zuletzt hoch im Kurs. Lange hatte sie auch mental mit den Folgen eines schweren Sturzes im November 2024 im Riesentorlauf von Killington zu kämpfen, als sie sich u.a. eine Stichwunde im Bauchbereich zugezogen hatte. Ein halbes Jahr danach sprach Shiffrin erstmals öffentlich davon, das Krankheitsbild einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS bzw. PTSD) zu erfüllen: „Ich fühle mich nicht ängstlich, aber der Körper hat nicht das gemacht, was ich wollte.“

All das hat die Ausnahmekönnerin hinter sich gelassen, um zwölf Jahre nach 2014 in Sotschi ein zweites Mal Olympia-Gold im Slalom einzufahren. Was sie ihrem 18-jährigen Ich von damals raten würde? „Schnall dich an“, antwortete Shiffrin. Damals sei ihr die Welt offen gestanden. „Ich war ein bisschen unbekümmerter, es gab weniger Erwartungen.“ Sie wolle der jungen Mikaela aber nicht zu viel verraten. Es gehe darum, seine eigenen Erfahrungen zu machen. „Aber trag den Sicherheitsgurt, es ist viel.“

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(APA) / Artikelbild: GEPA