SK Rapid: „270 Minuten, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen!“

Zwölf Runden sind gespielt, magere 15 Punkte stehen auf der grün-weißen Haben-Seite, davon nur schlappe sieben Zähler aus sieben Auftritten vor dem eigenen, aufgrund der Misserfolge in den letzten Jahren nach (Heim-)Erfolgen lechzenden Block West. Sportlich betonen die Verantwortlichen Woche für Woche, dass die Richtung passt. Entwicklung von jungen Spielern, Steigerung von Marktwerten, Hebung der individuellen Kaderqualität, ansehnlicher Offensivfußball – viele Tendenzen scheinen zu stimmen. Und doch weiß jeder eingefleischte Fußballfan: Die schönste Nebensache der Welt ist de facto Ergebnissport. Und wenn die Resultate nicht stimmen, greifen Mechanismen unseres geliebten Sports schneller, als es dem ein oder anderen in Hütteldorf lieb sein kann.

Nicht nur Zoran Barisic, sondern viel mehr die Mannschaft ist gefragt, um die Stimmung nicht erneut gänzlich kippen zu lassen. Spätestens nach dem erneuten Heimremis ist anzumerken, dass die kommenden drei Auswärtsspiele (Amstetten, Altach, Hartberg) wohl nicht nur für den Verein, viel mehr jedoch für Trainer Zoran Barisic zu wegweisenden Wochen werden.

Sprengung des „Leistungs-Ergebnis-Kontinuums“

Manche Statistikfetischisten, in deren Adern grün-weißes Blut fließt, erleiden beim Blick auf die analytischen Werte des SK Rapid in dieser Spielzeit wohl ein Schleudertrauma. Die Diskrepanz zwischen Leistung und Ergebnissen in der gesamten Historie wohl selten größer. Der aktuelle Tabellenstand gibt die individuellen Leistungen, objektiv betrachtet, verfälscht wieder. Die Gründe vielfältiger Natur. Pro Spiel gibt „Grün-Weiß“ die meisten Torschüsse ab, hat die zweitmeisten Tore (25) der Liga erzielt, hat mit Abstand den höchsten Expected-Goals-Wert aller Bundesligisten (29,6) und kreiert die meisten Großchancen (47) – man vergibt allerdings unter allen Teams auch die höchste Anzahl dieser Hochkaräter (33).

Und verlor daraus resultierend nach 1:0-Führung in dieser BL-Saison bereits elf Punkte. Zu allem Überfluss erhält man auch defensiv (xG der Gegner: 11,09 bei 15 Gegentoren) mehr Treffer, als es sein sollten. Mancher Rapid-Romantiker und zugleich hoffnungslose Optimist gerät beim Blick auf diese Statistiken gar in Versuchung, den Tabellenplatz zu evaluieren, den man mit diesen elf Verlustpunkten mehr auf dem Konto einnehmen würde.

Horrorbilanzen im Allianz Stadion – Aufstellung eines historischen Negativrekords

Unterm Strich stehen sechs sieglose Bundesliga-Heimspiele zu Buche, garniert mit sechs Gegentreffern in den vergangenen beiden Auftritten im Allianz Stadion. Die längste Negativserie vor heimischem Publikum in der gesamten Vereinshistorie. „Zoki-Raus-Rufe“ nach der „14-Minuten-Pleite“ gegen Klagenfurt als Tropfen auf dem heißen Stein. Ein trauriger, aber vor allem vermeidbarer Rekord. Um es plakativer zu gestalten, hält der SK Rapid in der Bundesliga bei einer Durststrecke im Allianz Stadion von fast drei Monaten, seit dem furiosen 4:0-Heimsieg gegen den SCR Altach Anfang August, als die grün-weiße Welt noch von Euphorie und Aufbruchstimmung durchzogen war.

Fakt ist: Der Abstand zum Vorletzten WSG Tirol ist derzeit mit zehn Punkten Differenz geringer als der Abstand zum zweiten Tabellenplatz – dem eigenen Anspruch. Der Sprung auf den fünften Tabellenplatz, den derzeit der TSV Hartberg einnimmt, weiter, als der tiefe Fall auf den zehnten Tabellenplatz.

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Auswärtsspiele als Hoffnungsschimmer?

Was aufgrund der sportlichen Lage als Fluch erscheinen mag, wird beim Blick auf die Heim- bzw. Auswärtsbilanz ironischerweise doch eher zum Segen. 14 Gegentoren im Allianz Stadion stehen lediglich drei Gegentore auf fremden Plätzen gegenüber. Schlussfolgernd darf man gelinde gesagt gar davon sprechen, dass die Barisic-Elf in den kommenden beiden Bundesliga-Runden zweimal in der Fremde antreten „darf“. In der derzeitigen Misere gibt es sicherlich lösbarere Hausaufgaben als gegen den Siebten (SCR Altach) und Fünften (TSV Hartberg) der Bundesliga-Heimtabelle.

Zuvor steht jedoch die Pflichtaufgabe im ÖFB-Cup in Amstetten an, bei der man im übertragenen Sinne nur „verlieren kann“. Wohl oder übel, steht Rapid selbstverschuldet bereits in der Bringschuld, alle drei Auswärtsduelle mit Siegen abschließen zu müssen. Die Devise lautet viel mehr „zum Siegen verdammt“ als „Verlieren verboten“. Ein Aufstieg im Cup und sechs Punkte in der Ferne sind ein Muss, um die Achterbahnfahrt nicht weiterhin fortzusetzen und den Trainerstuhl von Zoran Barisic nicht in einen Schleudersitz zu verwandeln.

Allen Negativitäten zum Trotz

Und dennoch stellt sich die sportliche Führungsriege rund um Sportdirektor Markus Katzer in Hütteldorf schützend vor die Arbeit von Zoran Barisic. Berechtigt? Aufgrund der spielerischen Entwicklung und dem Einbeziehen aller Faktoren, die Barisic nicht zwangsläufig alleinig in der Hand hält, wohl ja. Ist Zoran Barisic das schwächste Glied in der Kette? Definitiv. Aber ist Zoran Barisic alleinverantwortlich für die derzeitige Krisenstimmung? Keineswegs. Barisic hat den SK Rapid seit Amtsantritt spielerisch mit Abstrichen wieder in attraktivere Sphären geführt.

Auch wenn der Ausgang der vergangenen Spiele von einem Extrem ins andere schwappt, so muss man anerkennen: Rapid steht wieder für Spektakel. Zum Leidwesen des Blutdrucks aller Fans in Hütteldorf jedoch derzeit in beiden Strafräumen. Dennoch kaschiert dieser offensive Fußball über eines nicht hinweg: Ergebnisse müssen endlich her.

Durchhalteparolen oder Augenauswischerei?

„Man muss sagen, dass wir Spiele spielen, die man nicht Unentschieden spielen kann“, „Uns fehlen Kleinigkeiten“, „Es kippen dann Spiele relativ leicht“, „Wie die Gegner zu Toren kommen, ist da und dort schon bitter“, „Wir müssen uns einfach cleverer anstellen“, „Es war ein gutes Spiel, aber nicht das gewünschte Ergebnis“, ist lediglich ein kurzer Auszug der Aussagen von Verantwortlichen und Spielern aus den vergangenen Wochen. Aber was ist es nun? Mangelnde Cleverness? Jugendlicher Leichtsinn?

Fehlende Abgebrühtheit vor dem Tor? Unkonzentriertheit in entscheidenden Momenten? Der wochen- bzw. monatelange Ausfall von Stützen wie Nenad Cvetkovic und Guido Burgstaller? Der Auftritt gegen den LASK hat eines abermals bewiesen: Es ist vermutlich ein Potpourri vieler dieser Faktoren. Denn schlussendlich läuft alles auf dasselbe hinaus: Es fehlen die Punkte, womöglich auch die im Fußball allseits bekannten „dreckigen Siege“. Einen Ein-Tore-Vorsprung über die Zeit zu bringen, scheint derzeit als unüberwindbare Herkulesaufgabe – und um einiges beschwerlicher, als zwei Tore in der Nachspielzeit zu erzielen, um eine Pleite abzuwenden.

Jedoch wusste man bereits vor der Saison, dass man mit einem jungen Kader in die Spielzeit geht, der solche Extremsituationen selten erlebt hat. Damals bereits bewusste Risiken in einem derartigen Szenario können nicht als Ausrede gelten. Der SK Rapid zeigt in dieser Saison zu oft und binnen kürzester Zeit zwei grundverschiedene Gesichter. Wenn man einerseits von einer steigenden sportlichen Tendenz spricht, muss man nicht nur über die Art und Weise wie in Hütteldorf Fußball praktiziert wird, sprechen, sondern zwangsläufig auch die Ergebnisse miteinbeziehen. Und diese sind nach Aussagen der Führungsriege „den eigenen Ansprüchen nicht gerecht“. Die sportliche Führung ist gut beraten, so schnell wie möglich Ursachenforschung zu betreiben. Die Situation spitzt sich zu, der Ausgang ungewiss.

Das ominöse „Was-Wäre-Wenn“-Szenario

„Was wäre, wenn Rapid gegen Altach verliert?“. Hinsichtlich der Trainerpersonalie will man sich beim SK Rapid diese(r) Frage gar nicht stellen. Einerseits, weil man womöglich überzeugt ist, dass Zoran Barisic den Karren aus dem Dreck zieht. Andererseits, weil es den Druck auf alle Beteiligten vor den bevorstehenden Duellen nicht mindern würde. Wäre es aber nicht genau jetzt der richtige Zeitpunkt, den Druck auf die eigene Mannschaft zu erhöhen? Immerhin steht genau diese jetzt, in der sportlich prekären Situation, in der Bringschuld. Es stellt sich die Charakterfrage!

Drücken des Reset-Knopfes als Turnaround?

Doch was gibt Hoffnung? „Ich glaube, dass man sieht, dass die Mannschaft richtig lebt“, argumentierte Sportdirektor Markus Katzer zuletzt. Wer den Irrsinn in der Nachspielzeit und die Mentalität in der Mannschaft gegen den LASK miterlebt hat, kann Sportdirektor Katzer wohl nicht widersprechen. Dennoch stehen drei knochenharte Auswärtsspiele vor der Brust. Aber bieten genau diese Duelle die Gelegenheit, den sportlichen Turnaround zu schaffen, um eine neue Welle der Euphorie auszulösen und diese im Verlauf der Rückserie zu reiten? „Rückschläge sind riesengroße Chancen für Mannschaften, die es allen anderen dann im Sinne von ‚Jetzt-erst-recht‘ zeigen wollen.

Die Hinrunde ist abgeschlossen, jetzt drücken wir den RESET-Knopf.“, meinte Barisic noch vor dem Duell mit dem LASK. Diese Aussage zeigt, dass zumindest er bereit ist, den sportlichen Weg selbstbewusst zu bestreiten und in ruhigere Gewässer zu segeln. Er gibt sich kämpferisch, weiß jedoch über die Gegebenheiten im modernen Fußball Bescheid: „Es gibt sehr wenig Trainer, die im Fußball sehr lange da sind. Das Pendel schlägt in welche Richtung auch immer viel schneller aus“. Und auch wenn von Markus Katzer nochmals plakativ betont wurde „Es gibt keine Trainerdiskussion!“, so wirkt es in Hütteldorf, als wären die kommenden 270 Minuten gegen Amstetten, Altach und Hartberg richtungsweisend und die einzige Chance, den Karren (noch) gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen!

(Sky-Redakteur Eric Niederseer)

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Beitragsbild: GEPA