Tournee-Halbzeitbilanz: Ein deutscher Düsenflieger und „Kraft-lose“ Österreicher

Die 70. Vierschanzentournee ist gerade einmal zwei Springen alt und hat doch schon wieder viele Geschichten geschrieben – über Triumphe und kleine Tragödien, Freude und Frust. Der SID zieht die Halbzeitbilanz.

GEWINNER UND ÜBERRASCHUNGEN:

Markus Eisenbichler: So schnell kann es im Skispringen gehen. Und so unerklärlich ist das manchmal. Kurz vor Weihnachten war der „Eisei“ noch ein haderndes Bündel aus Zweifeln, belegte Platz 27 und 35 bei der Tournee-Generalprobe in Engelberg. Jetzt fährt er als bester Deutscher und in Schlagdistanz zum Podest zu seiner Innsbrucker Herzensschanze. Ganz nahe an der „Markus-Eisenbichler-Düsenflieger-Form“ wähnte ihn Bundestrainer Stefan Horngacher vor der Tournee – er behielt bisher recht.

Eisenbichler happy: “Die Sprünge waren mega gelaufen“

Ryoyu Kobayashi: Schöner kann man nicht skispringen, nicht effektiver, nicht cooler – sieben der vergangenen 14 Tournee-Wettbewerbe hat Kobayashi gewonnen, geht mit dem größten Halbzeitvorsprung seit zehn Jahren in die zweite Tourneehälfte. Er hat beste Aussichten, als erster Springer den Grand Slam mit vier Tagessiegen zum zweiten Mal zu schaffen.

Lovro Kos: Selbst für die Verhältnisse der Slowenen, bei denen Raketenstarts wie der von Domen Prevc eher Regel als Ausnahme sind, ist der Aufstieg von Kos kometenhaft. Ende November sprang der 22-Jährige im Weltcup erstmals in die Top 20, eine Woche später erstmals in die Top 10. Und bei der Tournee? Platz sechs in Oberstdorf, Platz drei in „GaPa“, Dritter im Gesamtklassement. Das erinnert ein wenig an den märchenhaften Tourneesieg des Österreichers Thomas Diethart vor acht Jahren.

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Simon Ammann: Als Skisprung-Fan muss man den „Simi“ einfach lieben: 40 Jahre alt ist der Schweizer Doppel-Doppel-Olympiasieger, kämpft, jubelt und schimpft aber immer noch mit der Leidenschaft eines Teenagers. Rang 13 in Oberstdorf war Ammanns beste Tournee-Platzierung seit sechs Jahren. Ob er seine Karriere nach der Saison fortsetzt, ist sehr fraglich – Ammann würde sehr fehlen.

Fatih Arda Ipcioglu: Der erste Türke, der sich für ein Weltcupspringen qualifiziert hatte, ist nun auch der erste Türke, der Weltcup-Punkte geholt hat. Platz 29 in Oberstdorf, besser als Titelverteidiger Kamil Stoch: „Wir Türken kommen!“, sagte Ipcioglu. Dass der 24-Jährige dann in Garmisch-Partenkirchen in der Qualifikation scheiterte, soll nur ein kleiner Stolperer auf dem steilen Weg nach oben gewesen sein.

ENTTÄUSCHTE UND ENTTÄUSCHENDE:

Karl Geiger: Um es klar zu sagen – Geiger springt immer noch auf verdammt hohem Niveau, die Plätze fünf und acht sind immer noch sehr achtbar. Nur eben nicht das, was der Oberstdorfer, der als Weltcup-Spitzenreiter und mit klaren Siegambitionen zur Tournee gekommen war, von sich selbst erwartet hat. „Zum Kotzen“ fand Geiger das. Auch ein Zeichen, das ihm derzeit die nötige Lockerheit fehlt.

Geiger: “Bitter – könnte irgendwo reintreten“

Stefan Kraft: Während das Neujahrsspringen lief, war Kraft bei Seefeld als Skilangläufer unterwegs. Frust über das völlig Unverständliche abbauen: Zum fünften Mal in Folge hat der Weltmeister den Tourneesieg in Garmisch-Partenkirchen weggeworfen. Seine Schreckensbilanz: 31., 49., 13., 28. – und nun als 59. gar in der Qualifikation gescheitert. So sieht ein Trauma aus. Der letzte Tourneesieg der Österreicher, geholt eben von Kraft, liegt mittlerweile sieben Jahre zurück – damals war es der siebte ÖSV-Triumph binnen sieben Jahren. Auch bei der 70. Ausgabe wird es nicht klappen, Jan Hörl liegt als bester ÖSV-Adler nur auf Platz neun.

Polen: Titelverteidiger Kamil Stoch verpasste zweimal den zweiten Durchgang, sein Vorgänger Dawid Kubacki wurde 28. und 39. – in der dritten Saison nach dem Abgang von Erfolgstrainer Stefan Horngacher zum deutschen Team gibt die große Skisprung-Nation Polen ein Bild des Jammers ab. Platz elf von Weltmeister Piotr Zyla in Garmisch-Partenkirchen war auch für Polens Legende Adam Malysz nicht mehr als „ein blasser Hoffnungsschimmer“.

Finnland: Eine ganz große Skisprung-Nation versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Janne Ahonen ist mit fünf Tourneesiegen zwischen 1999 und 2008 immer noch ungefährdeter Rekordhalter. Keine anderthalb Jahrzehnte später ist Niko Kytosaho auf Platz 43 der beste Finne im Gesamtklassement – und Ahonens talentierter Sohn Miko (20) wartet immer noch vergeblich auf den Sprung in den Weltcup.

Die Frauen: Sie kämpfen seit Jahren darum, in die Tournee integriert zu werden, in welcher Form auch immer. Und seit Jahren werden Katharina Althaus und Co. vertröstet, das Trostpflaster fiel mit der Premiere eines Silvester- und Neujahrsspringens im slowenischen Ljubno – unattraktive Startzeiten und magere TV-Präsenz – doch recht klein aus. Im Biathlon herrscht längst Gleichberechtigung, im Skispringen scheint diese nicht vorbehaltlos erwünscht.

https://www.skysportaustria.at/zur-tournee-haelfte-hoffen-oesv-stars-auf-wettkampf-effekt/

(SID) / Bild: Imago