Trainerland Österreich: Warum heimische Coaches im Ausland gefragt sind
Zahlreiche österreichische Trainer arbeiten aktuell erfolgreich im Ausland. Von Oliver Glasner bis zu Gerald Scheiblehner – der österreichische Trainerexport boomt. Doch was steckt hinter diesem Trend? Und was macht die österreichische Trainerausbildung so besonders?
Noch vor wenigen Jahren galt Österreich primär als Talentschmiede für Spieler, nicht für Coaches. Mittlerweile hat sich das Bild gewandelt. Zurzeit betreuen acht österreichische Trainer:innen Mannschaften im Ausland, die in der höchsten oder zweithöchsten Liga aktiv sind. Zum Vergleich: Die Schweiz kommt gerade einmal auf vier Trainer in vergleichbaren Positionen.
Die ÖFB Trainer:innen im Ausland
Der prominenteste österreichische Trainer ist Oliver Glasner, der mit Crystal Palace nicht nur in der Premier League an der Seitenlinie steht, sondern in letzter Saison auch den FA Cup und den Community Shield gewinnen konnte. Gerhard Struber coacht den englischen Zweitligisten Bristol City, während Christian Ilzer mit der TSG Hoffenheim in der deutschen Bundesliga tätig ist. Miron Muslic trainiert aktuell Schalke 04 in der 2. Bundesliga, und seit diesem Sommer zählt auch Gerald Scheiblehner zum Kreis der Auslandstrainer, als Cheftrainer des Grasshopper Club Zürich.
Der österreichische Einfluss ist inzwischen auch im Spitzenfußball der Frauenmannschaften spürbar. Mit Liesé Brancão (Hamburger SV), Michael Steiner (Sparta Prag) und Renato Gilgoroski (FC Zürich Frauen) sind derzeit drei Trainer:innen aktiv, die eine Ausbildung beim ÖFB absolviert haben.
Ausbildung mit internationalem Anspruch
Beim ÖFB sieht man diese Entwicklung nicht als Zufall. Das UEFA-Pro-Diplom, die höchste Trainerausbildung Europas, zielt unteranderem darauf ab, heimische Trainer international konkurrenzfähig zu machen.
„Das UEFA-Pro-Diplom hat ganz klar das Ziel, Trainer für die österreichische Bundesliga oder für den internationalen Markt auszubilden“, sagt der Ausbildungsleiter Thomas Eidler im Gespräch mit Sky Sport Austria. „Wir wollen Trainer hervorbringen, die sich auch im Ausland behaupten können“, sagt er.
Die Ausbildung auf der UEFA-Pro Diplom Ebene ist deswegen auch vorwiegend kompetenzorientiert und individualisiert. Nicht ausschließlich Fachwissen, sondern vor allem die Persönlichkeitsentwicklung steht dabei im Vordergrund.
Kompetenzen statt Inhalte
„Uns geht es nicht nur um Inhalte, sondern vor allem um Kompetenzen. Ein Trainer muss wissen, was ihn wirklich stark macht“, sagt Eidler. Neben der Frage nach dem eigenen Alleinstellungsmerkmal sollen die Teilnehmer:innen aber auch hinterfragen, inwiefern sie sich selbst im Weg stehen.
Zu den Kompetenzen gehören unter anderem Kommunikationsfähigkeiten, die Medienkompetenz oder der Umgang mit Druck. Trainer sollen sich als Marke verstehen, erklärt der ÖFB-Trainerausbildungsleiter: „Ein Trainer ist eine Marke. Er muss ein Brand werden, damit er am internationalen Markt überhaupt wahrgenommen wird.“
Vom Aufsteiger zum Auslandstrainer
Einer, der den internationalen Weg eingeschlagen hat, ist Gerald Scheiblehner. Der 47-jährige Oberösterreicher führte Blau-Weiß Linz 2023 in die Admiral Bundesliga und letzte Saison sensationell in die Meistergruppe. Nach vier Jahren in Linz entschied er sich im Sommer für eine neue Herausforderung.
Gerald Scheiblehner bei Talk & Tore
„Im Sommer war es ein idealer Moment, ins Ausland zu wechseln, weil ich Blau-Weiss Linz zu einem sehr guten Zeitpunkt übergeben konnte“, sagt Scheiblehner gegenüber Sky Sport Austria. Als ihn das Angebot aus Zürich erreichte, zögerte er nicht. „Es war für mich eine super Gelegenheit nach Zürich zu gehen, was zwar Ausland ist, aber Österreich in vielen Dingen ähnlich ist“, sagt der Trainer.
Schwierige Ausgangslage
Bei den Grasshoppers übernahm Scheiblehner einen Klub mit großer Vergangenheit, aber schwieriger Gegenwart. 27 Meistertitel und 19 Cupsiege stehen zu Buche. Der letzte Pokal liegt jedoch zwölf Jahre zurück. In dieser Saison kämpft der Rekordmeister gegen den Abstieg, eine Situation die Scheiblehner aus seiner Zeit bei Blau-Weiß Linz nicht unbekannt ist.
„Ich habe mich bewusst für GC Zürich entschieden, nicht weil es ein Underdog ist, sondern weil es einfach ein sehr spannendes Projekt ist, das ich als Trainer mitgestalten kann“, sagt er.
Sportlich setzt er dabei besonders auf junge Spieler mit Entwicklungspotenzial. Mit einem Durchschnittsalter von nur 22,8 Jahren, ist GC die jüngste Mannschaft der Liga. Unterstützung erhält er vom neuen Sportchef Alain Sutter, mit dem ihn eine ähnliche Philosophie verbindet. „Hier will man wieder einen Verein entwickeln, zu dem man gerne ins Stadion geht, wo statt Frust wieder mehr Lust auf Fußball ist“, sagt Scheiblehner.
„Human first“
Dass Trainer wie Scheiblehner, Glasner oder Struber usw. auch im Ausland geschätzt werden, liegt laut ÖFB-Ausbildungsleiter Thomas Eidler an Ihrem Zugang. „Unsere Trainer sehen den Menschen hinter dem Spieler. Für sie gilt die Devise: Human first“, sagt er.
Zugleich sind sie bekannt für ihre Klarheit und Konsequenz. „Sie wissen, wofür sie stehen und was sie wollen“, sagt Eidler. Diese Kompetenzen werden in der Ausbildung gezielt auch mit unkonventionellen Methoden geübt, etwa durch das Dirigieren eines Orchesters oder Führungsübungen mit Pferden.
„Wir holen sie immer wieder bewusst aus der Komfortzone, damit sie in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben“, so der Ausbildungsleiter.
Herausforderung Ausland
Trotzdem ist der Weg nach oben kein Selbstläufer. Gerald Scheiblehner erlebt das nun hautnah. GC Zürich belegt derzeit den vorletzten Tabellenrang. Der Trainer bleibt trotzdem optimistisch: „Jetzt gilt’s mal, die Klasse zu halten im ersten Jahr und dann die nächsten Schritte zu setzen“, sagt er. Auch seine persönlichen Ziele formuliert Scheiblehner gelassen: „Mein Ziel ist, hier in Zürich erfolgreich zu sein – alles andere passiert sowieso.“
Blick nach vorn
Die Entwicklung österreichischer Trainer ist positiv. „Als ich 2018 begann, hatten wir lediglich zwei Trainer im Ausland, heute sind es bereits acht auf Topniveau. Zudem steht ein Pool von rund zehn weiteren Trainer:innen bereit, die jederzeit nachrücken könnten. Die Tendenz ist positiv“, so der ÖFB-Trainerausbildungsleiter Thomas Eidler.
Ob dieser Trend anhält, hängt auch davon ab, wie erfolgreich die aktuellen Exporte sind. Gerald Scheiblehner steht dabei sinnbildlich für die neue Generation österreichischer Trainer: selbstreflektiert, kommunikativ stark, taktisch geschult und mit Lust, über Grenzen zu gehen. Oder, wie es Eidler formuliert: „Wer eine klare Spielphilosophie und ein scharfes Profil hat, wird wahrgenommen. Das ist wichtig, um im Ausland Fuß zu fassen.“
Bilder: GEPA/Imago
