Traum vom Sieg lebt: Gall bei Vuelta im Soll
Als Dritter mit nicht besonders großem Rückstand auf den Spitzenreiter ist Felix Gall vor der zweiten Rennwoche der Spanien-Rundfahrt im Plansoll. Das Sturz-Aus von Dominator Tadej Pogacar eröffnet dem Osttiroler sogar Siegchancen, denn nach zehn von 21 Vuelta-Etappen hat der Giro-Zweite mit Enric Mas und Primoz Roglic keine übermächtigen Gegner vor sich. Von seinen Verfolgern kann ihm wohl nur noch Oscar Onley gefährlich werden.
Gall betonte am ersten Ruhetag, dass das Rennen durch das Ausscheiden von Pogacar natürlich offener, aber auch unvorhersehbarer sei. Mit dem möglichen Sieg will sich der 28-Jährige nicht zu sehr beschäftigen. „Natürlich kann man träumen. Es scheint eine Riesenchance vom Papier her, es ist niemand mehr am Start, den ich nicht schlagen kann, deswegen ist es aber nicht viel leichter. Jetzt zu sagen, das Ziel ist der Sieg, das wäre ein bisschen zu viel“, sagte Gall und ergänzte: „Es tut mir nicht gut, wenn ich dauernd daran denke, was alles möglich wäre. Ich will mich lieber von Tag zu Tag voranarbeiten. Es ist noch ein sehr langer Weg.“
„Ich bin kein Jonas oder Tadej“
Der bisherige Verlauf sei jedenfalls vielversprechend. „Jetzt bin ich Dritter, das ist schon einmal ein sehr guter Zwischenstand. Ich fühle mich auch noch sehr gut und ich habe ein starkes Team, das ist das Wichtigste.“ Der beim Giro hinter Jonas Vingegaard zweitplatzierte Kletterspezialist ist sich seiner Stärken bewusst. „Ich bin kein Jonas, ich bin kein Tadej, aber ich brauche mich vor niemanden verstecken. An einem guten Tag, an einem Anstieg, der mir liegt, brauche ich mich vor niemandem fürchten.“
Diese Woche warten mehrere mittelschwere Etappen sowie zwei Bergankünfte als besonders gute Gelegenheit zum Angriff. Einen solchen hatte Gall am Sonntag lanciert. Der Schuss ging aber nach hinten los, er verlor etwas Zeit auf seine direkten Konkurrenten. Mas liegt 1:39 Minuten vor ihm, auf den viermaligen Gesamtsieger Roglic fehlen nur 21 Sekunden. Sein Guthaben auf Onley beträgt 41 Sekunden. „Enric war bisher extrem stark, er hat guten Vorsprung, aber es ist immer noch relativ offen“, meinte Gall.
Etappensieg soll folgen
Neben dem nächsten Grand-Tour-Podestplatz ist auch ein Etappensieg weiterhin sein großes Ziel. „Jetzt fehlt der Dominator, deshalb gibt es auch für einen Etappensieg Möglichkeiten, die es mit Tadej so nicht gegeben hat.“ Gelingt dieser, wäre es nach fünf zweiten Plätzen hinter Vingegaard beim Giro sein zweiter im Rahmen einer der drei großen Landesrundfahrten. Bisher steht für Gall ein Tageserfolg bei der Tour de France 2023 zu Buche.
Auch Mas ist alles andere als ein Seriensieger. Der dreimalige Vuelta-Gesamtzweite hat am Sonntag nach achtjähriger Pause erst seinen zweiten Tageserfolg bei einer Grand-Tour gefeiert. Der Movistar-Kapitän ist wie Gall ein begnadeter Kletterer, beider Hypothek gegenüber Red-Bull-Routinier Roglic ist ihre Zeitfahrschwäche. Diese könnte Mitte der Schlusswoche im Kampf gegen die Uhr noch eine entscheidende Rolle spielen.
Mas-Leistung für Gall unerwartet
Davor und auch danach erhält Gall im Süden Spaniens aber noch reichlich Gelegenheiten, seine Bergauf-Qualitäten auszuspielen und Mas und Co. Zeit abzunehmen. Die bisherige Leistung von Mas kam für Gall unerwartet. „Es ist ein bisschen überraschend, dass er so stark ist. Aber ich bin gespannt, wie er mit dem Druck umgeht.“
Im Kampf mit dem Spanier sollte Gall auch seine bisher überzeugende Decathlon-Mannschaft um Gregor Mühlberger zugutekommen. Sein auf Gesamtrang neun liegender Kumpel war von 2021 bis 2025 Teamkollege von Mas. Welche Tipps über mögliche Schwachstellen von Mas sein Zimmerkollege für ihn parat hat, wollte Gall nicht verraten. Kluge Renntaktik wird aber jedenfalls gefragt sein. „Diese Woche wollen wir auf den Etappen 12 und 14 gezielt versuchen, unsere Stärke einzusetzen“, sagte Gall.
