Ukraine: 46 Millionen warten auf „jede kleine gute Nachricht aus Frankreich“
(SID) Die Last auf den Schultern von Andrej Jarmolenko und Co. ist gewaltig. Wenn der Offensivstar mit der ukrainischen Nationalmannschaft gegen den Weltmeister in die EM startet, geht es um weit mehr als nur Fußball. Ein zerrissenes Volk zwischen Krieg und Krise sehnt sich nach Ablenkung. „Jede kleine gute Nachricht aus Frankreich macht die Ukrainer ein bisschen glücklicher“, erklärte Verbandspräsident Andrej Pawelko vor dem Auftakt am Sonntag (21.00 Uhr) in Lille gegen Deutschland: „46 Millionen Menschen hoffen auf positive Emotionen, die die Mannschaft ihnen schenkt.“
Der Krieg in der Ostukraine, der seit 2014 zwischen prorussischen Rebellen und den Regierungstruppen tobt, ist zwar 2500 Kilometer Luftlinie entfernt. Auch die Wirtschaftskrise, die das übrige Land seit Jahren beutelt, spüren die gelb-blauen Fußballer in Frankreich nicht. Doch der Druck ist hoch. Eine Enttäuschung wie bei der Heim-EM vor vier Jahren, als Andrej Schewtschenko und Co. schon in der Vorrunde scheiterten, soll sich nicht wiederholen.
„Die Situation in der Ukraine ist natürlich nicht optimal, und natürlich hat das einen gewissen Einfluss auf uns“, gestand auch Trainer Michail Fomenko ein. Doch aus diesem Grund müssten sich seine Spieler auch ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein. „Sie müssen eines verstehen“, betonte der Coach: „Sie müssen alles dafür tun, unseren Fans Freude zu bereiten.“
Schewtschenko, Europas Fußballer des Jahres 2004, ist mittlerweile Co-Trainer und vor allem für die Stürmer zuständig. Deutschland sieht der 39-Jährige als klaren Favoriten in der Gruppe C, dahinter haben aber seiner Meinung nach „alle die gleichen Chancen, sich für die zweite Runde zu qualifizieren“. Vor allem die Erfahrung seines Teams wertet er als Vorteil: Fast die Hälfte der Spieler aus der erwarteten Startelf gegen den Weltmeister hat mehr als 50 Länderspiele auf dem Buckel – dazu mit Schachtjor Donezk und Dynamo Kiew jede Menge regelmäßige Europapokalabende.
Der Erfolg des WM-Viertelfinalisten von 2006 steht und fällt aber mit Offensivstar Jarmolenko. Der 26-Jährige von Dynamo Kiew, der vor allem von Englands zahlungskräftigen Topklubs umworben wird, ist auf dem rechten Flügel der wichtigste Antreiber und gleichzeitig der treffsicherste Torjäger. 25 Tore in 59 Länderspielen sind fast so viele, wie der Rest der Stammformation zusammen erzielt hat. Rund 30 Millionen Euro soll der FC Liverpool mit Teammanager Jürgen Klopp schon für ihn geboten haben, sein Berater veranschlagte bereits 70 Millionen als denkbare Ablösesumme.
Mit Jewgeni Konopljanka auf der linken Seite bildet Jarmolenko eine Flügelzange, die auch die deutsche Mannschaft in Bedrängnis bringen könnte. Das Duo „JaKo“ ist das größte Plus der Ukrainer, deshalb hat Fomenko seine komplette Taktik auch auf die beiden ausgerichtet: Die Defensive steht tief und kompakt, und vorne sollen es Jarmolenko und Konopljanka mit schnellen Kontern richten.
Der Respekt vor den deutschen Weltmeistern ist groß, doch angesichts der Probleme des Favoriten vor allem in der Abwehr rechnen sich die Ukrainer auch schon zum EM-Auftakt Chancen aus. „Es wird sehr schwer, ein gutes Resultat zu erzielen“, sagte Anatolji Timoschtschuk (37), der von 2009 bis 2013 für Bayern München spielte: „Aber niemand ist unschlagbar, auch nicht Deutschland.“
SID tl nt hs rd