Ukrainische Athletinnen bei den Paralympic Games in Paris 2024.

Ukraine boykottiert Paralympics-Eröffnung: Russlands Rückkehr spaltet die Sportwelt

Zehn Tage vor der Eröffnungsfeier der Paralympics am 06. März brennt die Paralympische Fackel in Stoke Mandeville, dem Ort des Ursprungs der Spiele für Menschen mit Behinderung.

Doch die Vorfreude hält sich  bei einigen Ländern in Grenzen: Erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt dürfen russische Athletinnen und Athleten wieder unter eigener Flagge antreten. Bei Goldmedaillen wird sogar die russische Hymne erklingen.

Der Tabubruch: Russland zurück mit Flagge und Hymne

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) bestätigt kurz vor Beginn der Paralympics, dass das Russische Nationale Paralympische Komitee sechs Startplätze erhält – zwei im Para-Alpinski, zwei im Para-Langlauf und zwei im Para-Snowboard. Belarus bekommt vier Startplätze im Langlauf. Damit wird zum ersten Mal seit Sotschi 2014 wieder die russische Flagge bei Paralympics wehen.

Ursprünglich war Russland wegen eines staatlich geförderten Dopingprogramms gesperrt worden, später wurden die Sanktionen nach der Invasion der Ukraine 2022 verschärft. Sollte nun ein russischer Athlet Gold gewinnen, wäre es das erste Mal seit Kriegsbeginn, dass die Hymne bei einem globalen Sportereignis gespielt wird.

Empörung und Boykotte

Besonders betroffen von dieser Entscheidung ist natürlich die Ukraine selbst. Außenminister Andrij Sybiha erklärte: „Sport muss für Fairness, Würde und Respekt stehen. Er darf nicht zur Bühne für Regime werden, die genau diese Werte mit Füßen treten.“ Der ukrainische Protest wiegt umso schwerer, weil der russische Angriffskrieg inzwischen seit über vier Jahren andauert – vier Jahre, in denen Sportverbände weltweit Sanktionen aufrechterhalten haben.

Als Protest boykottiert die Ukraine die Eröffnungsfeier Anfang März in Verona – ebenso wie Tschechien, Finnland, Polen, Estland und Lettland. Trotzdem wird ein ukrainisches Team mit insgesamt 35 Sportlerinnen und Sportlern teilnehmen.

Auch die EU-Kommission wird fern bleiben: Sportkommissar Glenn Micallef nennt die Entscheidung „inakzeptabel“.

Auf X (ehemals Twitter) meldet er sich zu Wort:

Italiens Sportminister Andrea Abodi spricht von einem „bestürzenden Wert und einer bestürzenden Bedeutung“, sagte er gegenüber der Zeitung „Corriere della Sera“ in einem Interview. Auch Italiens Außenminister Antonio Tajani übt scharfe Kritik und erklärt die „absolute Ablehnung“ der italienischen Regierung.

Dies stimmt mit der Position des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) überein. Der Vorstandsvorsitzende Idriss Gonschinska nennt die Entscheidung „moralisch-ethisch unvereinbar“ und „für die Teilnehmenden aus der Ukraine unzumutbar“.

Der Weg zurück: Gerichtsurteile und IPC-Abstimmung

Im September 2025 hob das IPC die Suspendierung Russlands und Belarus teilweise auf. IPC-Präsident Andrew Parsons hatte im November noch erklärt, dass keine Athleten dieser Länder teilnehmen würden, da die Sportverbände ihre Verbote aufrechterhielten. Doch ein Urteil des Sportgerichtshofs CAS im Dezember kippte ein generelles Verbot der Internationalen Ski- und Snowboard-Föderation und öffnete damit den Weg für russische Athleten, sich zu qualifizieren.

Das Russische Olympische Komitee war 2023 vom IOC suspendiert worden, weil es regionale Sportverbände in der besetzten Ostukraine eingegliedert hatte. Diese Entscheidung wird derzeit rechtlich geprüft. Nachdem das russische Olympische Komitee seine Statuten geändert hat, könnte diese innerhalb weniger Monate aufgehoben werden.

Warum war das bei den Olympischen Spielen nicht der Fall?

Bei den Olympischen Winterspielen 2026 mussten russische Athleten noch als neutrale Einzelathleten (AIN) antreten – ohne Flagge, Hymne oder Teamfarben. Der Unterschied: Das IOC und das IPC sind zwei getrennte Organisationen. So hält das IOC länger an der Neutralitätsregel fest.

Außerdem betrifft das Urteil des Sportgerichtshofs primär Wintersportverbände und öffnete rein die Qualifikationen (nicht automatisch Flaggen). Das IPC entschied anschließend per Mehrheitsvotum und setzte sich damit über die politische Stimmung vieler Mitgliedsländer hinweg. Das IPC betont, die Entscheidung sei „im Rahmen eines sehr demokratischen Prozesses“ getroffen worden.

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Beitragsbild: Imago