„Verletzungsrisiko steigt!“ – Rapid-Teamarzt warnt vor XXL-Pause beim WM-Finale
Beim WM-Finale am Sonntag kommt es zu einem ungewöhnlichen Eingriff in den gewohnten Spielablauf: Die Halbzeitpause wird aufgrund diverser Musikacts deutlich länger dauern als die üblichen 15 Minuten. Die Rede ist von etwa 25 Minuten Unterbrechung.
Aus sportlicher Sicht ist das mehr als nur eine organisatorische Randnotiz. Denn eigentlich sieht das Regelwerk des IFAB eine Halbzeitpause von maximal 15 Minuten vor. Aus Sicht der Athleten stellt sich eine zentrale Frage: Was bedeutet eine XXL-Pause für Körper, Muskulatur und Fokus der Spieler?
Sky-Reporter Eric Niederseer hat mit Dr. Lukas Brandner, Leitender Teamarzt des SK Rapid, darüber gesprochen.
Rapid-Teamarzt „kein Befürworter“ der Halbzeit-Show
„Was passiert während einer normalen Halbzeitpause von 12 bis 15 Minuten mit dem Körper bzw. den Muskeln eines Athleten?“
„Aus medizinischer Sicht sieht es so aus, dass die Athleten direkt nach dem Pfiff in die Kabine kommen. Sie ruhen sich in den ersten fünf Minuten aus. Der Organismus fährt herunter, sie trinken und essen etwas. In den ersten fünf Minuten beruhigen sie sich. In den Minuten fünf bis 14 kommt es dann zur Behandlung von Blessuren. Die Masseure sind tätig, es finden taktische Besprechungen und Videoanalysen statt, und der Matchplan wird seitens der Trainer angepasst. Mit den Spielern werden auch Einzelgespräche geführt. Danach geht das Team wieder gemeinsam auf den Platz. Dort kommt der Athletiktrainer und macht mit den Spielern zwei bis drei schnelle Antritte über wenige Meter, um die Muskulatur wieder an die Schnellkraftbelastungen zu gewöhnen. Das ist der normale Ablauf.“
„Nun zur Neuerung der XXL-Pause beim WM-Finale: Wie sehen Sie die Einführung dieser verlängerten Halbzeitpause?“
„Ich bin kein Befürworter. Es hat mich überrascht, dass das so kurzfristig eingeführt wird. Es mag für den Laien relativ unspektakulär klingen, aber für Spieler, die seit Jahren an diese Abläufe gewöhnt sind, ist das ein eklatanter Eingriff in die gewohnte Struktur. Und das im wichtigsten Spiel überhaupt. Wenn wir uns eine 15-minütige Pause ansehen, kommt es dazu, dass die Körpertemperatur und vor allem die muskuläre Temperatur sinken. Bei der Muskeltemperatur rechnen wir damit, dass sie in 15 Minuten um ein Grad sinkt. Das führt dazu, dass die Muskulatur hinsichtlich der Ansteuerung und der Schnellkraft schlechter funktioniert. Wie steuert man dagegen? Nach 15 Minuten, also kurz vor dem Wiederanpfiff, kommt es dann zu einigen Sprungbelastungen, damit die Muskulatur wieder aufgewärmt wird und auf Betriebstemperatur kommt. Wenn wir jetzt von einer 30-minütigen Pause sprechen, sinkt die muskuläre Temperatur um bis zu zwei Grad. Das ist schon ein eklatanter Unterschied, was die Schnellkraft, die Ansteuerung und die koordinativen Fähigkeiten betrifft.“
„Das Verletzungsrisiko steigt“
„Nun gibt es bereits erste Stimmen, die dieser Neuerung kritisch gegenüberstehen. Besteht die Gefahr, dass das Verletzungsrisiko für Athleten dadurch steigt?“
„Definitiv. Das Verletzungsrisiko steigt, weil die Funktion der Muskulatur nach 30 Minuten definitiv schlechter ist als nach 15 Minuten. Ein entscheidender Faktor – und das wird sich zeigen – wird sein, welche Mannschaft sich darauf besser vorbereitet. Es wird entscheidend sein, welches Team es besser schafft, sich an diese neuen Gegebenheiten anzupassen. Das ist vor allem in den ersten zehn Minuten der zweiten Spielhälfte relevant.“
„Wie sehen Sie diese Neuerung auch unter dem Blickwinkel des mentalen Faktors?“
„Ich glaube, das ‚frisch sein‘ muss man sowohl auf den Körper als auch auf den Geist beziehen. Wir haben über die muskuläre Situation gesprochen. Man muss aber auch bedenken, dass der Spieler daran gewöhnt ist, diesen Fokus zu halten, und dass dieser während der Halbzeitpause natürlich ein wenig nachlässt. Im Normalfall ist dieser Fokus nach 15 Minuten wieder da. Dennoch ist es ganz unterschiedlich, wie die Mannschaften aus der Halbzeit zurückkommen. Diesen Fokus beziehungsweise diesen Matchmodus über 30 Minuten aufrechtzuerhalten, ist durchaus eine Herausforderung, und diese halte ich aus mentaler Sicht nach 30 Minuten für deutlich schwieriger.“
„Wie kann die medizinische und athletische Abteilung dahingehend gegensteuern?“
„Wenn wir jetzt von den 30 Minuten sprechen, muss man den Ablauf wesentlich ändern. Ich würde die erste Phase in der Kabine auf 20 Minuten ausdehnen. Erst danach sollten die Spieler mit der Aktivierungsphase beginnen. Konkret heißt das, am Ergometer zu sitzen und die Gelenke zu mobilisieren. Danach würde ich definitiv drei Minuten dafür nutzen, Schnellkraftbelastungen durchzuführen – kurze Sprints und Sprungkraftbelastungen – damit die Muskulatur wieder auf Betriebstemperatur kommt und Verletzungen bestmöglich vermieden werden. Die Verletzungen, die dann zustande kommen können – und das halte ich besonders in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit für eine reale Gefahr – sind vor allem muskuläre Verletzungen, Muskelfaserrisse und Ähnliches. Hier ist das Risiko definitiv erhöht.“
