Viel heiße Luft bei Katars Klimaversprechen
Die Machthaber in Katar rühmen sich damit, dass die Fußball-WM 2022 als erstes CO2-neutrales Turnier in die Geschichte eingehen wird. Doch Fachleute sehen dieses Versprechen mit Skepsis und üben scharfe Kritik.
Viele sprechen von „Greenwashing“ und prophezeien, der CO2-Ausstoß werde am Ende weit über dem Durchschnitt vergangener Weltmeisterschaften liegen. Denn der Wüstenstaat zählt weltweit zu den sorglosesten Verbrauchern fossiler Energiequellen.
Die Strategie der Gastgeber, um die ausgeglichene Klimabilanz zu erreichen, fußt auf zwei Pfeilern: Einerseits sollen im Zusammenhang mit der WM so wenige Emissionen wie möglich verursacht werden, andererseits will man die trotzdem zwangsläufig anfallenden Emissionen wettmachen. Etwa durch das Anlegen von Vegetation, wofür man CO2-Zertifikate erhält. Das Problem liegt wie so oft in der Definition, da CO2-Neutralität als theoretisches Konzept schwierig umsetzbar ist: Wie hoch taxiert man den nicht bekannten CO2-Verbrauch? Welche Vorgänge und Projekte werden der WM zugerechnet, welche nicht?
In manchen Aspekten ist Katar im Vergleich zu anderen Weltmeisterschaften nachahmenswert unterwegs. So wurde beim Design und Bau der acht WM-Stadien laut Angaben der Veranstalter auf Wasser- und Energieeffizienz geachtet, die Verwendung recycelter Materialien spielte eine große Rolle. Hervorzuheben ist das Stadium 974, das aus Transportcontainern gebaut wurde und nach der WM wieder abbaubar ist. Zudem ist geplant, die Zuschauerkapazität von sieben der acht Stadien zurückzubauen.
WM der kurzen Wege
Sieben der acht WM-Arenen sind so nah beieinander, dass sie auf die Fläche Wiens passen würden. Sie sind noch dazu mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erschlossen. Es handelt sich daher tatsächlich um ein Turnier der kurzen Wege. Doch sei das „reine Schönfärberei“, wie Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb im „Standard“-Interview erklärte. Selbst nach massiver Bautätigkeit reichen die Unterkünfte im Emirat nämlich bei weitem nicht, um alle Fans unterzubringen. Zumindest rund 100.000 Fans sollen in der Gruppenphase täglich per Flugzeug ankommen, an den stärksten Tagen bis zu 500.000 – ökologisch eine mittlere Katastrophe.
Fast komplett offen ist, wie die Nachnutzung der Stadien aussieht. Energiefresser sind auch die Kühlanlagen in den Stadien sowie den Trainingsstätten. Zu den Ausgleichsprojekten ist festzuhalten, dass Katar eine der trockensten Regionen der Welt ist. Ausgerechnet in Doha und Umgebung sollen Millionen Bäume, Büsche und Grashalme gepflanzt werden. Wie vor Ort üblich kommt das Nutzwasser dafür aus riesigen Meerwasser-Entsalzungsanlagen, die mittels Gaskraftwerken betrieben werden. Dass Katar regelmäßig unter den Ländern mit dem höchsten CO2-Verbrauch pro Kopf aufscheint, verwundert angesichts dessen nicht.
Bis die Pflanzen in relevanten Mengen Kohlenstoffdioxid speichern können, würden außerdem Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vergehen, schätzen Experten. Vor diesem Hintergrund von Nachhaltigkeit zu sprechen, sei „Bullshit“, sagte ein in Katar lebender Journalist der APA – Austria Presse Agentur bei einem Lokalaugenschein Ende September unverblümt.
Ein FIFA-Report – in Übereinstimmung mit dem Greenhouse Gas Protocol – bezifferte den zu erwartenden CO2-Fußabdruck der Weltmeisterschaft im Juni 2021 mit 3,63 Millionen Tonnen. Vieles spricht aber dafür, dass die Berechnungsmethode einige blinde Flecken in Bezug auf Folgewirkungen aufweist und viel zu niedrig angesetzt ist. Zu diesem Fazit kommt etwa eine Studie der österreichischen NGO Carbon Market Watch aus diesem Jahr. In Wirklichkeit werde der CO2-Ausstoß bis zu acht Mal so hoch sein. Auch Wissenschafter der Universität Lancaster schauten sich die Analyse an. Dabei ergab sich ein mindestens dreimal so hoher Wert für die gesamte Weltmeisterschaft, sagte Klimaforscher Mike Berners-Lee jüngst der BBC.
(APA) / Bild: Imago
