Wunder von Bern und Wembley-Tor: Sechs denkwürdige WM-Finali

Die Geschichte der Finalspiele bei Fußball-Weltmeisterschaften ist voller Heldengeschichten, dramatischer Entscheidungen und politischer Implikationen.

Das „Wunder von Bern“ ist Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte, das Wembley-Tor das umstrittenste der WM-Geschichte. Pele, Diego Maradona oder Lionel Messi krönten ihre Karrieren und mit Trainer Ernst Happel hätte beinahe auch ein Österreicher den Pokal in den Himmel von Buenos Aires stemmen dürfen. Ein Überblick:

Das Wunder von Bern – 4. Juli 1954, WM in der Schweiz: Deutschland – Ungarn 3:2 (2:2). Bern, 64.000. Tore: Rahn (18., 84.), Morlock (10.) bzw. Puskas (6.), Czibor (8.).

Kein anderer sportlicher Erfolg in der deutschen Geschichte hatte größere gesellschaftspolitische und psychologische Wirkung als der zum „Wunder von Bern“ verklärte Sieg des Teams von Bundestrainer Sepp Herberger. Neun Jahre nach dem Kriegsende war Deutschland durch die in seinem Namen begangenen Verbrechen moralisch diskreditiert. Die Mannschaft um Kapitän Fritz Walter gab den Deutschen wieder ein Stück Selbstwertgefühl und nationale Identität, man war vereint in Freude.

Ungarn galt damals mit Stars wie Ferenc Puskas oder Sandor Kocsis als weltbeste Mannschaft. Vor dem Endspiel waren die Magyaren in 24 Partien unbesiegt, zudem hatten sie die DFB-Elf in der Gruppenphase mit 8:3 abgefertigt. Das Finale lief zunächst programmgemäß, nach acht Minuten stand es 2:0 für die Ungarn. Die Deutschen glichen bis zur 18. Minute aus und kamen dank eines Distanzschusses von Helmut Rahn in der 84. Minute zum umjubelten Siegestreffer, der im Land eine gewaltige Begeisterung auslöste.

Die Entdeckung von Pele – 29. Juni 1958, WM in Schweden: Brasilien – Schweden 5:2 (2:1). Stockholm, 52.000. Tore: Vava (9., 32.), Pele (55., 90.), Zagalo (68.) bzw. Liedholm (4.), Simonsson (80.).

Die WM in Schweden brachte einen neuen Weltmeister und die Entdeckung eines neuen Superstars. Die „Selecao“ verzauberte mit ihrer Technik die Fußball-Welt und holte für Brasilien den ersten von fünf WM-Titeln, Pele stieg mit 17 Jahren zum Weltstar auf. In einem der besten Endspiele – und dem bis dato trefferreichsten – erzielte er in Stockholm mit dem Tor zum 3:1 einen der schönsten Treffer der WM-Geschichte. Pele stoppte sich mit der Brust den Ball, überhob einen schwedischen Verteidiger und schoss volley ein.

Nach der frühen Führung durch Nils Liedholm sorgte Vava für eine 2:1-Pausenführung, ehe Pele und Mario Zagalo auf 4:1 erhöhten. Pele fixierte den Endstand. „Nach dem fünften Gegentreffer hatte ich keine Lust mehr, sie zu bewachen. Ich wollte ihnen nur noch applaudieren“, sagte Schwedens Verteidiger Sigge Parling voller Hochachtung. „Niemals in der Geschichte des modernen Sports demonstrierte eine Fußball-Mannschaft mit solch souveräner Meisterschaft, mehr tänzelnd als spielend, ihre Weltherrschaft“, schrieb der Kicker.

Das Wembley-Tor – 30. Juli 1966, WM in England: England – Deutschland 4:2 n.V. (2:2,1:1). London, 100.000. Tore: Hurst (18., 101., 120.), Peters (78.) bzw. Haller (12.), Weber (89.).

Die Heim-Weltmeisterschaft vor 60 Jahren hat dem Mutterland des Fußballs den bisher einzigen Titel beschert – und zwar mit dem wohl berühmtesten Endspiel-Treffer der Geschichte. England gewann das Finale in London gegen Deutschland mit 4:2 nach Verlängerung, das vorentscheidende 3:2 von Geoff Hurst fiel durch das „Wembley-Tor“. Bis heute wird gestritten, ob der Schuss des Engländers von der Latten-Unterkante kommend auf oder hinter der Torlinie aufsprang.

In der 101. Minute herrschte zunächst großes Rätselraten, dann wurde der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst vom sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow überzeugt, der Ball sei drin gewesen. Dabei bemerkte Bachramow nur, wie die Engländer jubelten, gab er später zu. „Ich sah auch, dass der deutsche Tormann einen untröstlichen Eindruck machte. Deshalb muss es ein Tor gewesen sein.“ Hurst, Torhüter Gordon Banks, Nobby Stiles, Jacky Charlton und Kapitän Bobby Moore wurden zu englischen Legenden.

Vize-Titel für „Wödmasta“ Happel – 25. Juni 1978, WM in Argentinien: Argentinien – Niederlande (Teamchef Ernst Happel/AUT) 3:1 n.V. (1:1,1:0). Buenos Aires, 77.000. Tore: Kempes (35., 105.), Bertoni (116.) bzw. Nanninga (82.).

Nur Zentimeter fehlten auf einen österreichischen Weltmeister-Trainer, Ernst Happel wäre seinem Spitznamen „Wödmasta“ beinahe gerecht geworden. Der Wiener führte die Niederlande als Bondscoach in das zweite WM-Finale hintereinander und wieder blieb nur eine knappe Niederlage. Den Siegestreffer für das Oranje-Team hatte Rob Rensenbrink am Fuß, der Linksaußen traf aber Sekunden vor dem Ablauf der regulären Spielzeit beim Stand von 1:1 aus spitzem Winkel nur die Stange.

Das Turnier wurde von viel Kritik begleitet, da Argentinien seit 1976 vom totalitären und brutalen Regime von General Jorge Videla geführt wurde, das die WM propagandistisch ausschlachtete. Trotz eines breiten Boykottaufrufs reisten alle Nationen an, nicht aber der niederländische Superstar Johan Cruyff, der aus politischen Gründen verzichtete. Sportlich trumpfte Argentinien dagegen auf, auch ohne das damals 17-jährige Supertalent Diego Maradona. Star-Coach und Fußball-Philosoph Cesar Luis Menotti verzichtete auf „El Pibe de Oro“, den Goldjungen. Argentiniens Held beim ersten WM-Titel wurde letztlich Mario Kempes, der seine Karriere später bei Vienna, St. Pölten und Krems ausklingen ließ. Der Stürmer erzielte das 1:0 (35.) und brachte die Albiceleste nach dem Ausgleich durch Dick Nanninga (82.) in der 105. Minute letztlich entscheidend in Führung. Mit drei Doppelpacks wurde er auch Torschützenkönig.

Maradonas Krönung – 29. Juni 1986, WM in Mexiko: Argentinien – Deutschland 3:2 (1:0). Mexiko-Stadt, 114.700. Tore: Brown (23.), Valdano (55.), Burruchaga (83.) bzw. K.H. Rummenigge (74.), Völler (80.).

Die zweite Weltmeisterschaft in Mexiko innerhalb von 16 Jahren fand vor allem durch die „Hand Gottes“ und das wohl legendärste Solo der WM-Historie Einzug in die Geschichtsbücher. Protagonist der beiden Tore im Viertelfinale gegen England war Diego Armando Maradona, der den attraktiven Fußball verkörperte und zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde.

Im Finale vor 114.000 Zuschauern im Aztekenstadion hatte es Maradona gegen die deutsche Elf von Teamchef Franz Beckenbauer meist mit zwei oder drei Gegenspielern zu tun und war wenig zu sehen, ein Geniestreich des Superstars reichte aber zum Titel. Nachdem das DFB-Team durch Karl-Heinz Rummenigge (74.) und Rudi Völler (80.) im Finish ein 0:2 wettmachte, setzte Maradona mit einem idealen Pass Jorge Burruchaga ein, der auf und davonlief und zum finalen 3:2 einschoss (83.). Es war ein Endspiel, das weniger vom Niveau, sondern vielmehr der Spannung lebte. Argentinien gewann, „ohne dass der E.T. aus Neapel (Anm.: Napoli-Legionär Maradona) die Rolle gespielt hätte, die die Fußballwelt erwartet hatte“, schrieb die französische L’Equipe.

Messis Weihnachtsgeschenk an Argentinien – 18. Dezember 2022, WM in Katar. Argentinien – Frankreich 4:2 i.E. (3:3 n.V.,2:2,2:0). Lusail, Lusail Stadium, 88.966. Tore: Messi (23./Elfmeter, 108.), Di Maria (36.) bzw. Mbappé (80./Elfmeter, 81., 118./Elfmeter).

Eine umstrittene WM-Endrunde im europäischen Winter brachte einen unumstrittenen Weltmeister hervor. Angeführt von Altmeister Lionel Messi behielten die Südamerikaner in einem verrückten Endspiel die Oberhand gegen Titelverteidiger Frankreich und boten Drama vom Feinsten. „Heute wird Messi der beste Spieler der Geschichte – sorry Diego“, huldigte Argentiniens Zeitung Ole dem Superstar, der die „Albiceleste“ zum dritten Titel führte.

Rund achtzig Minuten lang sah Argentinien dank der Tore von Messi (23./Elfer) und Angel di Maria (36.) und einer Mischung aus Spielfreude und beherztem Einsatz wie der sichere Sieger aus, dann kam innerhalb von 1:35 Minuten der Doppelpack von Kylian Mbappe (80./Elfer, 81.). Die Partie ging in die Verlängerung – und dort spielte sich das Ganze aufs Neue ab: wieder glich Mbappe im Finish vom „Punkt“ (118.) die 3:2-Führung durch Messi (108.) aus. Die mentale Kraftprobe namens Elfmeterschießen ging schließlich an Argentinien.

 

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