BORDEAUX, FRANCE - JUNE 10:  Belgium Head coach, Marc Wilmots watches the warm up during the Belgium Training Session held at Chateau du Haillan on June 10, 2016 in Bordeaux, France.  (Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Zum (Roten) Teufel mit dem Staat? Belgier wollen den Titel für EIN Land

via Sky Sport Austria

(SID) Den Titel holen, die Wunden des Terrors heilen, ein zerrissenes Land einen – wenn die Belgier am Montag (21.00 Uhr) gegen Italien in die Fußball-EM starten, schleppen Kevin De Bruyneund Co. einen schweren Rucksack mit ins Stade de Lyon. Dass die Roten Teufel (neben der Monarchie und den Pommes) der einzig verbliebene Kitt sind, der Wallonen, Flamen und die deutschsprachige Minderheit zusammenhält, macht die Mission EM-Triumph für die Mannschaft von Trainer Marc Wilmots nicht eben einfacher.

Der Coach weiß um diese Bürde. “Es gibt viele Leute, die einen Hype um Belgien erschaffen”, sagt Wilmots. Doch der 47-Jährige hat selbst mit dafür gesorgt, dass die Nationalmannschaft zum Politikum wurde. Immer wieder betont der frühere Profi von Schalke 04, der in seiner Heimat als einer der prominentesten Befürworter der Einheit gilt, dass sein Team das ganze Land repräsentiert.

Wilmots versteht schließlich, wie Politik gemacht wird. Immerhin saß das frühere “Kampfschwein” als Mitglied der liberalen Partei Mouvement Réformateur von 2003 bis 2005 im belgischen Senat. Und schon in dieser Zeit trat er jenen energisch entgegen, die das “Konstrukt Belgien” als gescheiterten Staat bezeichnen.

Diese Stimmen sind in den vergangenen Jahren immer lauter geworden. Als nach den Terroranschlägen von Brüssel am 22. März die Gründe für die Fehler der Behörden gesucht wurden, lagen sie für die Einheitskritiker klar auf der Hand: In einem Land, in dem Parteien, Medien, Wirtschaft und Kultur in zwei Lager ohne gemeinsame Sprache gespalten sind, funktionieren auch die Sicherheitskräfte nicht als Einheit. Die 35 Toten und mehr als 300 Verletzten hätten den Preis dafür bezahlt.

In den politischen Kampf für und gegen die belgische Einheit wird auch das Nationalteam – welches übrigens schon lange nicht mehr nur aus Flamen und Wallonen, sondern auch von zahlreichen Spielern mit Migrationshintergrund gebildet wird – immer wieder involviert. Medienwirksam, mit voller Absicht.

So wie im Herbst des vergangenen Jahres, als die Sozialisten im Parlament zu einem Applaus für die “Roten Teufel” aufforderten, weil sie die Spitze der Weltrangliste erobert hatten. Die flämischen Nationalisten verschränkten demonstrativ die Arme. Nur weil die Nationalmannschaft funktioniere, bedeute das nicht, dass auch Belgien funktioniere, ließen die Flamen hinterher wissen.

Doch bei der EM soll Belgien funktionieren. Das haben sich Wilmots und sein verletzter Kapitän Vincent Kompany, ebenfalls ein glühender Verfechter der Einheit, schon Wochen vor der Endrunde versprochen. “Unser Ziel muss das Finale sein”, sagte Wilmots mit Blick auf seine Starmannschaft um De Bruyne, Eden Hazard, Romelu Lukaku und Thibaut Courtois, die bei der WM im Viertelfinale am späteren Finalisten Argentinien gescheitert war (0:1).

Im EM-Endspiel standen die Belgier auch schon 1980. Beim 1:2 gegen Deutschland ließ Horst Hrubesch mit seinem Doppelpack den Titeltraum platzen. Sollte es diesmal besser ausgehen, verdient sich die “Goldene Generation” übrigens eine goldene Nase: Die gigantische Rekordprämie in Höhe von 704.000 Euro pro Spieler ist ausgelobt. Sicher auch ein Politikum.

SID as nr nt