„Kleiner Block 2.0“ – Wie ein Gegentor das Tormannspiel optimieren soll

Keeper und Fußballnerds aufgepasst! Es ist der 25.11.2022. Mohamed Fuseini trifft in Runde 15 gegen Lustenau-Goalie Domenik Schierl zum 2:0-Endstand für den SK Sturm Graz. Eine stundenlange Busfahrt nach Vorarlberg sowie etliche Skizzen und Kalkulationen später wird eine neue Tormanntechnik geboren. Mathias Nesler, ehemaliger Tormanntrainer beim SC Austria Lustenau, hat eine neue Abwehrmethodik entwickelt, die eine Erhöhung der Abwehrfläche für Keeper in Eins-Gegen-Eins-Situationen garantieren soll.

Im Interview mit Sky-Reporter Eric Niederseer erläutert der aktuelle Tormanntrainer des Schweizer Zweitligisten FC WIL 1900, was die Schweizer Tormannausbildung Österreich (noch) voraushat, wie er zu der spannenden Erkenntnis kam und warum er sich mit dem ÖFB und dem FC Bayern bereits austauscht.

Sky: „Herr Nesler, zunächst vielen Dank für Ihre Zeit. Sie sind seit Ihrem Abschied von Austria Lustenau im Sommer beim FC WIL 1900 in der Challenge League, der 2. Schweizer Liga, als Tormanntrainer tätig. Was war ausschlaggebend für den Schritt zu den Eidgenossen?“

Mathias Nesler: „Grundsätzlich wollte ich nach acht Jahren in Lustenau mal was anderes. Der FC WIL 1900 ist ein super familiärer Verein, traditionsreich und gut geführt, ähnlich wie Lustenau. Ich kann mich mit der Vereinsphilosophie identifizieren, weil sie mit vielen jungen Spielern arbeiten, bei denen man die Entwicklung permanent beobachten kann. Ein konkretes Beispiel ist Philipp Köhn (Anm. d. Red.: AS Monaco), der von Red Bull Salzburg zum FC WIL 1900 ausgeliehen wurde, und danach einen großen Weg eingeschlagen hat. Wil ist eine super Adresse für junge Spieler, weil wir Talente fördern und jedes Jahr unter den Topteams sind, wenn es darum geht, junge Spieler einzusetzen“.

„Wenn Sie auf Ihr erstes Halbjahr in der Schweiz zurückblicken: Was sind die größten Unterschiede in der Tormannausbildung zwischen Österreich und der Schweiz?“

„Der größte Unterschied ist sicher, dass die Tormanntrainer vom Schweizer Verband ein klares Konzept hinsichtlich Technik und Kommunikation des Tormannspiels betrifft. Es ist aber nicht so, dass jemand zu mir kommt und sagt, so musst du arbeiten. Im Konzept geht um klare Vorgaben, dass jeder Verein und jede Akademie vom Gleichen spricht. Grundsätzlich aber immer noch mit einem Handlungsspielraum für die Trainer und mit einem klaren Weg und Ziel vor Augen.  Da ist der ÖFB aber im letzten Jahr nachgezogen und hat in Person von Roland Goriupp, Günter Kreissl und Michael Gspurning ein richtig gutes Konzept (Anm. d. Red.: Ö1-Konzept) vorgestellt. Und hat damit eine klare Linie präsentiert, was ein österreichischer Torhüter zukünftig repräsentieren soll. Der Unterschied liegt darin, dass dieses Konzept in der Schweiz schon länger praktiziert wird. Man erkennt es am Output, weil permanent gute Goalies rauskommen. Das wird in Österreich auch der Fall sein, wenn dieses Ö1-Konzept greift. Ich bin mir sicher, dass es in ein paar Jahren Früchte tragen wird“.

„Es gibt etliche große Beispiele von Schweizer Torhütern bei internationalen Topteams wie z.B. Yann Sommer, Gregor Kobel oder Roman Bürki. Die Dichte von österreichischen Keepern im Ausland ist im Vergleich geringer. Wo sehen Sie die Gründe?“

„Die Schweiz hat sich das erarbeitet. Sie hatten einige gute, junge Goalies, die es weit gebracht haben. Seitdem steht der Schweizer Markt für Qualität. Ein österreichischer Tormann hingegen hat ein schwierigeres Standing: auch wenn er qualitativ gleichwertig ist, ist er auf dem Markt weniger wert. Wenn man hingegen aus dem Schweizer Nachwuchs kommt, hat man automatisch einen größeren Markt“.

„Nun zum eigentlichen Thema: Sie haben in den letzten Monaten eine spezielle Abwehrtechnik für Tormänner entwickelt. Worin lag der Ursprung der Erkenntnis?“

„Der Ursprung lag in einem Gegentor von Mohamed Fuseini bei unserem Spiel mit Lustenau gegen Sturm im Herbst 2022. Es war eine Eins-Gegen-Eins-Situation, bei der unser Torwart Domenik Schierl es taktisch eigentlich gut macht und nach vorne in den Block ‚pusht‘, den Arm aber zu weit vom Körper wegstreckt und somit den Ball zwischen Arm und Körper durchbekommt (siehe Foto). Auf dem Heimweg von Graz habe ich mir das Gegentor im Bus mehrmals angesehen und mir stundenlang Gedanken gemacht. Die nächsten Tage habe ich viel gerechnet und kam zu der Erkenntnis, dass ich mich in der Fläche, die Schierl in der Situation eigentlich abdecken sollte, komplett verschätzt habe“.

Mohamed Fuseini (re./SK Sturm Graz) trifft am 18. September 2022 in der 15. Runde der ADMIRAL Bundesliga gegen den SC Austria Lustenau und Tormann Domenik Schierl (l.) zum 2:0-Endstand.

„Wie darf ich mir die weiteren Schritte vorstellen?“

„Für mich war nach eingehender Betrachtung klar, dass er aufgrund eines technischen Fehlers den Ball zwischen Arm und Körper durchbekommen hat. In dieser Stellung darf kein Ball durch! Es musste eine Lösung geben, damit ich durch die Stellung ‚Abwehrfläche‘ erhöhe. Nach dem Tor habe ich mich an ‚den Block‘ gesetzt, mir Gedanken gemacht und mir viele Fragen gestellt: ‚Wie viel Fläche decke ich ab?‘, ‚Wie ist die perfekte Blockstellung?‘. Ich habe Berechnungen und Zeichnungen gemacht. Dadurch bin ich draufgekommen, dass ein Tormann mit seiner eigentlichen Technik, dem „kleinen Block“, den man als Tormann im Eins-Gegen-Eins bei kürzester Distanz von null bis zwei Metern Abstand zum Angreifer verwendet, ungefähr 0,75 m² abdeckt. Das war für mich ein Schock, weil ich gedacht hätte, dass es viel ein höherer Wert wäre. Dann habe ich mir überlegt, ob es Möglichkeiten gibt, die Abwehrfläche zu maximieren. Mir gingen verschiedene, ganz schräge Theorien durch den Kopf. Schlussendlich habe ich aber eine Adaption in der Technik gefunden, bei der die Abwehrfläche um Einiges größer wird“.

Das Tor von Mohamed Fuseini gegen Austria Lustenau im Video:

„Wie kann ich mir den Block optisch vorstellen?“

„Im Prinzip bleibt brustabwärts alles gleich. Es ändert sich lediglich die Neigung eines Arms, der nach außen gedreht wird und angewinkelt nach unten zeigt. Die Hand muss mit der Außenfläche zum Schützen gedreht werden, dass sich ein Winkel nach unten bildet und kein Ball mehr durchpasst. Ich habe es bei zehn Torhütern gemessen und bin zu einem Unterschied von 7 % bis 10 % oder umgemünzt von 500 cm² bis 750 cm² Mehrfläche gekommen. Als Vergleich, ein Fußball hat 380 cm². In der Theorie kann ein Tormann also, von der Fläche her, einen Ball mehr halten! Das Wichtigste für mich war, dass die Fehlerquote bei ähnlich bleibendem Bewegungsablauf nicht größer wird“.

„Und das Risiko einer Verletzung wird durch die neuartige Bewegung nicht erhöht?“

„Nein. Ich habe bereits mit mehreren Ärzten gesprochen. Die Verletzungsgefahr bleibt gleich oder wird sogar geringer, weil die Finger in Biegerichtung abgeknickt werden. Ergänzend gibt es noch zu sagen, dass die Hand eine Faust bildet und für mehr Stabilität im Bewegungsapparat sorgt“.

„Wie soll die Technik an den Mann gebracht werden und wie kann sie dem modernen Torwartspiel helfen?“

„Mir geht es nicht um Profit, sondern darum innovativ oder besser gesagt ‚out-of-the-box‘ zu denken. Mein Ziel ist es, Goalies und das Torwartspiel besser zu machen. Mit dem kleinen Block kann man, ohne höheres Verletzungsrisiko und bei fast gleichem Bewegungsablauf, bis zu 10 % mehr abdecken. Schlussendlich bin ich nach etlichen Testungen überzeugt, dass es meine Goalies besser macht. Bis es ein Tormann automatisiert hat, dauert es natürlich“.

„Renommierte Teams wie FC Bayern, der 1. FC Heidenheim sowie der ÖFB sind bereits darauf aufmerksam geworden. Wie kann ich mir den Austausch vorstellen?“

„Ich bin mit Michael Rechner, Tormanntrainer beim FC Bayern, Roland Goriupp vom ÖFB im Austausch und zusätzlich in enger Zusammenarbeit mit dem Liechtensteiner Fußballverband. Sie finden die neue Technik richtig spannend und das Feedback war bis dato durchwegs positiv. Meine Intention ist es, Sachen zu optimieren. Es mag zwar nur eine Kleinigkeit sein, die für mich und meine Torhüter aber einen großen Mehrwert hat“.

„Wie lassen Sie es in die tägliche Trainingsarbeit einfließen?“

„Grundsätzlich baue ich es im Training wöchentlich ein. Ich bin in einer Phase, in der ich von meinen Goalies positiv-kritisches Feedback will. Bis sie es im Spiel umsetzen, braucht es natürlich noch einige Wiederholungen. Ich habe es mit Torhütern verschiedenster Altersstufen probiert. Sie tun sich leicht, in diese Position zu gehen und haben weniger Rückenlage, was in der Nachwuchsarbeit ein cooles Tool sein könnte. Schlussendlich muss es eh jeder für sich selbst entscheiden, ob er es machen will und spüren, ob es sich gut anfühlt“.

„Vielen Dank für Ihre Zeit und die spannenden Einblicke und weiterhin alles Gute“

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Bilder: GEPA