Ländle-Derby Volume III – Die Erfüllung eines Kindheitstraumes
Am Samstag wird die Gefühlslage sowie der Pulsschlag eines jedes eingefleischten Fußballfans im westlichsten Bundesland Österreichs abermals auf eine harte Bewährungsprobe gestellt: Wenn ab 17:00 Uhr der Ball im Reichshofstadion in Lustenau rollt, müssen für 90 Minuten sämtliche Vorzeichen, Tabellenkonstellationen oder Favoritenrollen weichen. Denn bereits zum dritten Mal in dieser Saison spaltet sich das fußballverrückte Bundesland Vorarlberg im direkten Duell in die Vereinsfarben Grün-Weiß und Schwarz-Weiß.
Fakt ist jedoch: Die Austria aus Lustenau geht mit getanktem Selbstvertrauen, fünf Siegen aus den vergangenen acht Bundesliga-Auftritten und als Sieger der ersten beiden Ländle-Derbys ins Duell gegen den, nur acht Kilometer Luftlinie entfernt gelegenen, Rivalen aus Altach. Sky Reporter Eric Niederseer hat im Exklusiv-Interview mit einem der Hauptprotagonisten des Lustenauer Erfolgslaufes der vergangenen Wochen gesprochen: dem gebürtigen Vorarlberger Darijo Grujcic.
Sky: „Rückblickend auf vergangenen Freitag und das Duell gegen den TSV Hartberg: Zunächst Gratulation zum ersten Treffer in Ihrer Bundesliga-Karriere, noch dazu das Siegestor im Auftaktspiel in die Qualifikations-Gruppe. War dieser Moment ein Kindheitstraum, der in Erfüllung ging?“
Darijo Grujcic: „Zuerst mal vielen, vielen Dank. Zweitens: Ja! Als ich mit vier Jahren angefangen habe mit dem Fußballspielen war es natürlich ein Traum. Aber da war mir noch nicht bewusst, wie hoch es gehen kann. Aber ja, es war immer mein Traum, Fußballprofi zu werden und die Bundesliga war ein riesiges Ziel von mir. Jeder Junge träumt davon, so einen Treffer zu machen, noch dazu zu Null zu spielen. Das kann man sicher als Erfolg meiner Karriere werten“.
Mit Selbstvertrauen und zusätzlichen Freistoß-Schichten zum Siegtreffer – „Den mach ich jetzt eine“
Sky: „Ist der Fakt, dass Sie den Freistoß getreten haben, auch bezeichnend für das Selbstvertrauen, das Sie in den letzten Wochen tanken konnten, weil Sie merken, dass Markus Mader auf Sie setzt?“
„Ganz klar. Wenn du als Spieler deine Minuten kriegst und das Vertrauen von Team und Trainer spürst, ist es für jeden Akteur einfacher, die individuellen Stärken auf den Platz zu bringen. Speziell in den vergangenen Jahren habe ich bei Innsbruck oder in der Vorarlberger Akademie bereits die Freistöße geschossen. Das zählt sicherlich zu meinen großen Stärken. Dann legt man nach dem Training auch gerne noch eine Extra-Schicht ein. Und als ich zum Freistoß gegen Hartberg gegangen bin, habe ich gewusst: ‚Den mach ich jetzt eine‘.
Sky: „Einer Ihrer engsten Mannschaftskollegen und Freunde, Ammar Helac, hat mich wissen lassen, dass er Sie im Training oftmals mit Glanzparaden vor dem leeren Tor verzweifeln lässt. Und er sich danach gerne darüber lustig macht. Haben Sie zu Ihrer Verteidigung etwas zu sagen?“
„Ich kann eigentlich nur sagen, dass die Paraden generell oder die, die er gestern gemacht hat, unglaublich sind. Ich war verwundert und stand unter Schock, dass er den parieren konnte. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich das intensive Trainingsmatch natürlich auch nicht vorzeitig beenden wollte („lacht“)“.
Sky: „Fassen wir somit zusammen: Sie sind also in der Verteidigung besser aufgehoben als im Offensivspiel?“
„Natürlich ist die Defensive ganz klar mein Fokus. Und natürlich schaue ich, dass ich in jedes Spiel, in das ich reingehe, auch zu Null wieder rausgehe. Die Basis ist, dass die Defensivleistung passt. Und alles, was ich offensiv bewirken kann, ist für mich ein Bonus. Aber natürlich: Assists geben und Tore schießen macht jeder gerne.“
Sky: „Außerdem hat mir ein Vögelchen gezwitschert, dass Sie seit geraumer Zeit ein Naruto-Fan sind (Anm. d. Red.: japanische Anime-Serie). Das heißt, während sich andere mental auf das Derby einstellen, bereiten Sie sich mit ein paar Staffeln Naruto vor?“
„Das vielleicht nicht („schmunzelt“), aber besonders bei langen Auswärtsfahrten, wenn ich nicht weiß, was ich mir reinziehe, bin ich auf den Geschmack gekommen. Aber grundsätzlich sieht meine persönliche Vorbereitung auf ein Spiel so aus, dass ich bereits zu Wochenstart mit viel Freude und Motivation reingehe. Speziell jetzt vor dem Vorarlberg-Derby. Das ist schon ein Privileg. Denn solche Vorarlberg-Derbys habe ich ehrlicherweise zuletzt gespielt, als ich noch ein Kind war. Ich wertschätze es auf alle Fälle enorm, dass ich die Chance kriegen kann, das Derby zu spielen“.
Sky: „Kommen wir zu Ihrer Situation. Sie haben lange Zeit auf Ihre Chance warten müssen. Seitdem Sie diese erhalten haben, haben Sie sich quasi in der Startelf festgebissen und zahlen das Vertrauen auf dem Platz mit Leistungen zurück. Wie schwierig war die Zeit, in der Sie nicht gespielt haben?“
„Was ich mitnehmen habe können, ist auf alle Fälle Geduld. Jeder Spieler will spielen und natürlich war das bei mir nicht anders. Ich habe versucht, gleich in die Mannschaft reinzukommen, habe es im Endeffekt aber auch verstehen müssen – vor allem zu Beginn der Saison mit der Viererkette. Immerhin hatten unsere beiden Verteidiger (Anm. d. Red.: Maak und Hugonet) letzte Saison ganz großen Anteil am Aufstieg. Mit dem musste ich zurechtkommen. Aber ich habe nie aufgegeben, an mir zu arbeiten. Natürlich hat es Tage gegeben, wo es mich angeschissen hat. Ich bin nach Lustenau gekommen, um der Mannschaft zu helfen. Und egal, ob ich auf dem Platz stehe oder nicht, ich gebe alles für das Team“.
Grujcic als Lustenauer Glücksbringer – „Statistik, die ich bis Saisonende durchziehen will“
Sky: „Dazu gibt es auch einen statistischen Wert: In keinem der Spiele, in denen Sie in dieser Saison in der Startelf standen (Anm. d. Redaktion: 7 Startelf-Einsätze, 3 Siege, 4 Remis) hat der SC Austria Lustenau verloren. Sind Sie der Schlüssel zum Erfolg für den Lustenauer Höhenflug?
„Das würde ich nie sagen. Aber natürlich ist es eine Statistik, die ich bis Saisonende durchziehen will. Es ist immer meine klare Vorstellung und mein Fokus, dass ich keine Niederlage erleide, wenn ich auf dem Platz stehe. Aber ausschlaggebend für diese Statistik ist die gesamte Mannschaft. Das geht vom Trainerteam, über die Physios bis hin zum gesamten Staff. Das alles schweißt uns von Woche zu Woche immer mehr zusammen. Jeder vertraut hier wirklich jedem. Ausschlaggebend für unseren Erfolg ist sicherlich, dass wir als Mannschaft immer füreinander da sind. Das macht es für jeden Spieler einfacher.“
Für waschechten Vorarlberger geht mit Ländle-Derby ein Kindheitstraum in Erfüllung
Sky: „Als gebürtiger Vorarlberger wartet nun Ihr erstes Vorarlberg-Derby in der Bundesliga (Anm. d. Red: Im ersten Derby ohne Einsatz im Kader, im zweiten mit Gelb-Rot gesperrt). Was bedeutet es für Sie, Ihre Farben im Derby zu vertreten, noch dazu in der Bundesliga?
„Es ist ein Kindheitstraum, der in Erfüllung geht. Noch dazu, dass es in Lustenau, wo ich aufgewachsen bin und in der höchsten Liga, stattfindet. Als waschechter Vorarlberger gibt es nicht viele höhere Steps, die man nehmen kann“.
Sky: „Ich lehne mich sicherlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, es ist kein Spiel wie jedes andere. Ist bereits ein gewisses Knistern bei den Fans zu spüren, wenn Sie durch die Straßen spazieren oder wie kann man sich die letzten Tage vor dem Derby vorstellen?“
„Das spürt man definitiv. Egal wo man unterwegs ist, spürt man die Unterstützung der gesamten Marktgemeinde Lustenau. Man hört immer wieder, dass die Kartenanfragen extrem hoch sind. Ich persönlich werde seit drei, vier Wochen wegen Karten belagert. Da merkt man einfach, dass sich viele Menschen bereits lange Zeit vor dem Spiel einen Kopf machen“.
Sky: „Drei Bundesliga-Erfolge in Serie (Anm. d. Red.: erstmals in der Bundesliga-Historie von Austria Lustenau), dazu kommt ein komfortabler Sieben-Punkte-Vorsprung auf den Tabellenletzten. Und: Altach ist der einzige Gegner, gegen den Lustenau im Grunddurchgang zweimal gewinnen konnte. Die Brust vor dem Derby muss doch sehr breit sein oder?“
„Es ist eines der schwersten Spiele im Jahr. Aber besonders im Derby, wenn du bereits zwei von vier Spielen gewonnen hast, willst du auch die restlichen gewinnen. Es ist unser voller Fokus, dass wir diese beiden, ausstehenden Spiele gewinnen“.
Sky: „Also würden Sie behaupten, dass Austria Lustenau als Favorit ins Derby geht?“
„Ich weiß, dass jeder im Team an sich glaubt. Ich würde nicht sagen als Favorit, aber ich glaube sehr daran, dass wir jetzt wieder den nächsten Step machen“.
Sky: „Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Lustenauer Bundesliga-Mannschaft. Dennoch setzt man sich sicherlich auch persönliche Ziele. Wo soll Ihre Reise im Fußballgeschäft noch hingehen?“
„Soweit habe ich ehrlich nicht nachgedacht. Mein nächstes Ziel ist auf alle Fälle, dass ich in der Bundesliga Fuß fasse und zum Stammspieler reife. Aber der ‚Step One‘ ist, dass wir mit Lustenau in der Bundesliga bleiben. Ich habe zwar meine Träume, aber alles wird so kommen wie es kommen soll.“
Gemeinschaft, Stimmung und ein klarer Plan – „So ein Verein gehört einfach in die Bundesliga“
Sky: „Abschließend noch eine letzte Frage: Was spricht dafür, dass Fußball-Österreich Austria Lustenau im kommenden Jahr in der Bundesliga sehen wird?“
„Die Gemeinschaft. Es ist etwas ganz Besonderes bei uns – vor allem die Arbeit vom Vorstand bis zu uns. Ein weiterer Grund ist, dass man Fortschritte sieht und ein ganz klarer Plan dahintersteht. Der Verein hat sich das auf alle Fälle verdient. Mit den Fans, bald mit dem neuen Stadion. Das alles spricht ganz klar dafür. Deshalb gehört so ein Verein wie Austria Lustenau einfach in die Bundesliga.“
(Eric Niederseer) / Bild: GEPA
