Mehr als Technik und Wind: Was Skifliegen im Kopf verlangt

Der Anzug passt, die Skier sitzen, die Windverhältnisse stimmen. Wenn beim Skifliegen das grüne Licht aufleuchtet, ist technisch alles vorbereitet. Doch ob ein Sprung gelingt, entscheidet sich auch im Kopf.

In der aktuellen Skisprung-Saison jagt ein Highlight das nächste. Dieses Wochenende steht die Weltmeisterschaft im Skifliegen in Oberstdorf an. Eine Disziplin, die nicht nur technische, sondern auch mentale Herausforderungen birgt.

Skifliegen im Kopf

Der 10. Jänner 2014 hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Beim Training am Kulm berühren sich Thomas Morgensterns Skier in der Luft leicht, er verliert das Gleichgewicht, stürzt heftig und erleidet schwere Verletzungen. Wenige Wochen später springt er bei den Olympischen Spielen in Sotschi, holt im Team Silber. Noch im selben Jahr beendete der ÖSV-Springer dann aber seine Karriere. Es war die Angst erneut zu stürzen, sie habe ihn „ausgesaugt“, wie er später dem Spiegel offenbarte.

Eine nochmals gesteigerte Form eines ohnehin extremen Sports: das ist Skifliegen für Dr. Christian Uhl. Rund zehn Jahre lang, in der Ära von Cheftrainer Alexander Pointner, begleitete Uhl die ÖSV-Adler als Sportpsychologe.

Sekunden lang in der Luft

Skifliegen gilt als die Königsdisziplin des Skispringens. Während die Athleten auf Skisprungschanzen vergleichsweise kurze Flugphasen haben, gleiten sie beim Skifliegen deutlich länger durch die Luft. Auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze, auf der ab heute die WM stattfindet, erreichen die Sportler beim Absprung Geschwindigkeiten von bis zu 108 km/h. Der Flug dauert dort durchschnittlich acht Sekunden.

„Skispringen ist wie ein zweifacher Salto mit Schraube vom Drei-Meter-Brett. Skifliegen ist das Gleiche, aber vom Zehn-Meter-Brett“, sagt Uhl gegenüber Sky Sport Austria. Alle Risikofaktoren, die sich beim Skispringen zeigen, seien beim Skifliegen noch einmal erhöht.

Fliegen wird kaum trainiert

242,5 Meter weit flog der Slowene Domen Prevc 2022 in Oberstdorf: Schanzenrekord. Weltweit gibt es neben dieser Skiflugschanze nur drei weitere, auf denen Weiten in dieser Größenordnung geflogen werden können. Weil diese aber lediglich für Wettkämpfe präpariert werden, haben Athleten kaum die Möglichkeit Skifliegen zu trainieren. Ein „wesentlicher Punkt“, der die Disziplin vom Skispringen unterscheide, so Uhl. „Das reale Erleben ist natürlich immer das beste Training“, sagt der Sportpsychologe. Weil dies beim Skifliegen nur eingeschränkt möglich ist, müsse man alternative Trainingsansätze suchen, etwa Imaginationstechniken, um sich gewisse Bewegungen über die Vorstellung zu holen.

Zwischen Denken und Nicht-Denken

Was die mentale Vorbereitung auf einen Skiflug-Bewerb angeht, sei der Fokus besonders wichtig. Anders als beim Skispringen könne hier, so Uhl, weniger aus dem Automatismus heraus gemacht werden.

Es ist ein Wechselspiel zwischen „vollkommen fokussiert sein“ und „passieren lassen“. Diese Dynamik zwischen zwei eigentlich konträren Zuständen sei beim Skifliegen essenziell. Wer zu viel nachdenke und versuche, einzugreifen, verliere den Bewegungsfluss und springe nicht weit, sagt Uhl. Es gehe aber auch viel um die psychische Verfassung des Springers. „Im richtigen Moment zu denken und im richtigen Moment nicht zu denken und darauf zu vertrauen, es unbewusst laufen zu lassen“, auch dies mache Skispringen zu einer der „teuflischsten, aber auch schönsten“ Sportarten.

Dem Skifliegen müsse jedenfalls mit viel Respekt begegnet werden. „Man muss richtig gut vorbereitet sein, im Sinne von Klarheit, Fokus und Erholung“, so Uhl.

Der schmale Grat zwischen Erfolg und Misserfolg

Wie in kaum einem anderen Sport ist der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg im Skispringen extrem schmal. Wer auf so manche Skisprung-Karrieren zurückblickt, weiß: Man kann der erfolgreichste Springer einer Saison sein, und ist es, fast von einem Tag auf den anderen, plötzlich nicht mehr.

Laut Uhl sei das Tückische am Skispringen, „dass man gut trainieren kann und dann passiert auf einmal etwas und die Form kann von einem Sprung auf den anderen radikal nach unten gehen“.

Besonders beim Skifliegen spielen das eigene Selbstverständnis, Gefühl und Vertrauen eine entscheidende Rolle. Hier könne man sich weniger einreden als beim Skispringen. Man müsse ganz tief ein Urvertrauen spüren.

Von Stürzen, Angst und dem Weg zurück

Am Balken, kurz vor dem „Go“, wissen die Springer: In wenigen Sekunden fliegen sie über 200 Meter weit. Entscheidend seien in diesem Moment Ehrfurcht und Mut. „Mut bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst. Ich darf Respekt haben“, sagt Uhl.

Auch er erinnert sich an Morgensterns Sturz und dessen Aufarbeitung. „Er hat sich seinen Sturz ständig angesehen“, erzählt er. Eine Methode, die für ihn funktioniert hat, für andere Sportler fatal hätte enden können. Der Umgang mit Traumata ist individuell, entscheidend sei, den Athleten gut zu kennen. Ein allgemeines „Grundrezept“ gebe es nicht.

„Angst darf da sein, sie darf nur nicht lähmen“, sagt Uhl. Entscheidend sei, sie in Respekt zu verwandeln und durch ein Erklärungsmodell wieder Sicherheit zu gewinnen. Erst dann könne Vertrauen neu aufgebaut werden.

„Man darf nicht vergessen: Skispringen ist immer noch eine Leben-oder-Tod-Sportart. Das Gehirn vergisst nie. Es gibt Momente, in denen man einen Athleten überzeugen muss, dass er es kann. Und dann gibt es Momente, in denen man auf das innere Bremsen hören muss. Das herauszufinden, ist entscheidend“, so Uhl.

Werbung

Bild: Imago